Zwangsstörungen
 
Welche Kinder sind gefährdet?

Zwangsstörungen
iStock, AndreyPopov
Gesunde Kontrollmechanismen dienen dem Erkennen und Vermeiden echter Gefahren

Kann man etwas darüber sagen, welche Atmosphäre Kinder besonders gefährdet, Zwänge zu entwickeln?
Besonders gefährdet sind unter anderem Kinder, in deren Ursprungsfamilie eine mangelnde Abgrenzung zwischen Eltern und Kindern besteht. Beispiel: Die Eltern erwarten, dass ihr Kind die eigenen Verhaltensweisen und Werte kritiklos übernimmt. Gefährdet sind auch Kinder, die zu selten Erfahrungen hinsichtlich ihrer eigenen Stärken und Schwächen machen können oder denen kaum Strategien im Umgang mit anderen vermittelt werden. Kinder also, die grundsätzlich zu wenig Kontakt mit anderen Kindern haben beziehungsweise die ihre Kommunikationsfähigkeiten nicht unter einer gewissen Anleitung entwickeln können. Zusätzlich problematisch sind Elternhäuser, in denen bei Schwierigkeiten vor allem mit Ängstlichkeit reagiert wird. Diese Eltern leben eine Fokussierung auf die Angst vor, und können ihre Kinder nicht sehr ermutigen, etwas im Leben auszuprobieren.

Generell lässt sich sagen: Die Vermittlung hoher moralischer Normen und Leistungsstandards und rigider Verhaltensregeln sowie übertriebene Einschränkungen in der selbstständigen Erforschung der Umgebung sowie in der selbstständigen Entwicklung von Gefühlen und Bedürfnissen stellen Risikofaktoren dafür dar, dass Zwänge als Kontrollmechanismen entstehen. Sowohl ein sehr strenger, autoritärer und mit Bestrafungen arbeitender Erziehungsstil als auch eine überbehütender, liebevoller, jedoch überkontrollierender Stil können somit die Entwicklung einer Zwangssymptomatik fördern.

Wenn Zwänge krankhafte Kontrollmechanismen sind, was versteht man dann unter gesunden Kontrollmechanismen?
Gesunde Kontrollmechanismen dienen dem Erkennen und Vermeiden echter Gefahren. So hat zum Beispiel das Gefühl Angst einen hohen existentiellen Wert und seine Berechtigung, weil sie uns möglicherweise bedrohliche Situationen wahrnehmen lässt. Tritt nun Angst immer wieder in harmlosen Situationen auf oder gibt es eine Grundangst vor fast allem, dann wirkt dies eher behindernd. Beispiel: Angst vor einem Gewitter zu haben, hat seine Berechtigung. Wenn sich aber ein Kind später gar nicht mehr allein aus dem Haus traut - ganz unabhängig vom Wetter - dann behindert diese Angst. Anderes Beispiel: Ein Kind, das gelernt hat, im Straßenverkehr achtsam zu sein und sich kontrolliert zu verhalten, tut das für seine eigene Sicherheit. Wenn ein Kind jedoch nur die Straße überqueren kann, falls bestimmte Kriterien erfüllt sind, wie zum Beispiel zehn rote Autos vorbeigefahren sind und drei Erwachsene mit ihm die Straße überqueren, wirkt sich dieses Ritual behindernd aus.

Der Übergang von gesunden und auch zunächst spielerischen Kontrollmechanismen hin zu zwanghaften und hinderlichen Kontrollmechanismen ist fließend. Wir alle wissen zum Beispiel, dass Türklinken von vielen Menschen angefasst werden und somit voller Keime sind. Dennoch drücken die meisten von uns diese Klinken mit bloßen Händen herunter und denken selten darüber nach. Menschen mit Sauberkeitszwängen hingegen vermeiden diese Berührung, weil sie eine große Gefahr empfinden, sich durch diesen "Schmutz" zu infizieren.