Zwangsstörungen
 
Welche Kinder sind gefährdet?

Zwangsstörungen
iStock, AndreyPopov
An der Entsstehung einer Zwangsstörung sind mehrere Faktoren beteiligt

Wie kommt ein Kind dazu, sich krankhafte Kontrollmechanismen anzueignen?
Für die Entstehung einer Zwangsstörung sind wahrscheinlich immer mehrere Faktoren verantwortlich. Wir unterscheiden Vorbedingungen (biologisch, kognitiv und umweltbedingt) und biografische Auslösebedingungen, also prägende Lebensereignisse und -umstände, die zusammentreffen müssen, um eine Störung zu verursachen. Die meisten Theorien gehen davon aus, dass Erfahrungen und Lernen wesentlich für die Entstehung von Zwangsstörungen sind. Dabei ist vielleicht weniger von schlechten Erfahrungen zu sprechen, sondern vielmehr von fehlenden Erfahrungen. So sind es die fehlenden Erfahrungen von Autonomie, von flexiblen Reaktionen der Umwelt auf eine Palette eigener Verhaltensmöglichkeiten sowie die fehlende Entwicklung eigener Ressourcen und Strategien für die Bewältigung neuer und schwieriger Lebenssituation, die zu einem Mangel an Selbstbehauptung führen.

Dieser Mangel an Erfahrungen und der Mangel an geeigneten Lernmodellen trifft wahrscheinlich bei bestimmten Kindern auf angeborene biologische Merkmale, die eine Entwicklung der Zwänge begünstigen. Das können unter anderem Schilddrüsenfehlfunktionen beziehungsweise eine hohe Ansprechbarkeit bestimmter neurobiologischer Schaltkreise sein. Einer dieser Schaltkreise spielt eine wesentliche Rolle in der Angstentstehung. Ein Ungleichgewicht in den Funktionen eines anderen Schaltkreises scheint einen entscheidenden Beitrag beim sogenannten impliziten Lernen zu leisten.

Was versteht man darunter?
Unter implizitem Lernen versteht man unbewusste Lernvorgänge, während das explizite Lernen den bewussten Wissens- und Fertigkeitserwerb, beispielsweise im Schulunterricht, ermöglicht. Wir gehen davon aus, dass das implizite Lernen und die Unterdrückung bestimmter Gedanken und Handlungen bei der Zwangserkrankung gestört sind.

Inwiefern die neurobiologischen Veränderungen vor der Erkrankung schon vorliegen oder erst im Rahmen der Erkrankung selbst entstehen, ist bislang nicht geklärt. Gerade deshalb ist es jedoch wichtig, dass Eltern durch ihre Erziehung auf diese biologischen Prozesse Einfluss nehmen. Erfahrungen aus therapeutischen Forschungsstudien und aus Einzeltherapien zeigen, dass psychotherapeutische Maßnahmen eine grundsätzliche Rückbildung der Zwänge ermöglichen. Diese psychotherapeutischen Erfolge weisen darauf hin, dass erzieherisch leitende Maßnahmen, die dem Kind helfen, mit seinen "schwierigen" Gefühlen umzugehen und sie nicht zu unterdrücken, vor der Entwicklung von Zwängen schützen können.

Heute sind Eltern bestrebt, ihren Kindern wieder Werte wie Rücksicht, Höflichkeit und Disziplin auf den Weg zu geben. Kann man da auch übertreiben?
Grundsätzlich sind Rücksicht, Höflichkeit und Disziplin sicherlich Werte, die wesentlich sind, um Aggression und Kriminalität unter Kindern und Jugendlichen entgegenzuwirken. Dennoch stellen ein übermäßiges Zurücknehmen der eigenen Person, ein zu rigides Regelsystem als Grundlage der Entwicklung von Disziplin und hohe moralische Standards Risikofaktoren für die Entwicklung von Zwängen dar. Andere Werte wie Eigenständigkeit, Verantwortung für sich und andere Personen, Selbstbehauptung, aber auch Abgrenzung von den Wünschen anderer und Achtsamkeit auf eigene Bedürfnisse sind wesentlich, um Kinder zu Agierenden in unserer Gesellschaft werden zu lassen. Vor allem auch weniger leistungs- und normorientierte Qualitäten wie kreatives Denken, Erleben und Ausdrücken von Gefühlen sowie die Entwicklung von Mitgefühl stellen wesentliche Dimensionen in der Entstehung eines gesunden Selbstwertes dar.

Eltern, die sich vor allem an erst genannten Werten orientieren und nicht als Modelle in den anderen Bereichen fungieren, sind vor allem gefährdet, in ihrer Erziehung Kinder nicht mit dem nötigen Selbstwert, ausreichender Selbstabgrenzung- und -wirksamkeit auszustatten und eine Zwangsentwicklung zu fördern.