Zahngesundheit
 
MIH: Sind Kreidezähne die neue Baustelle im Mund?

Neue Zähne sollten gesund, weiß und kräftig sein. MIH-Zähne sind das Gegenteil. Sie brechen fleckig durch den Kinderkiefer und können beim Kauen sogar zerbröseln. Die sogenannten Kreidezähne sind dabei, Karies als größte Baustelle im Mund abzulösen. Wir haben die Kinderzahnärztin Dr. Melanie Elger gefragt, was die Ursachen sind und wie MIH behandelt wird.

Mädchen putzt Zähne
iStock, damircudic
Inhalt: 
Was bedeutet MIH?Wie sehen Kreidezähne aus?Welche Beschwerden hat das Kind?Welche Ursache hat MIH?Wie viele Kinder haben heute MIH?Wie kommt der Arzt zur Diagnose MIH?Können die Zähne nachträglich mineralisiert werden?Wie wird MIH behandelt?Gibt es noch andere Gründe für fleckige Zähne?Ist MIH auch ein soziales Problem?

Was bedeutet MIH?

MIH ist eine Entwicklungsstörung der Zähne. Besonders die bleibenden Zähne sind betroffen. Bei Milchzähnen kommt MIH seltener vor. Die Abkürzung steht für Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation. Der Name verweist auf die Zähne, die am häufigsten erkranken: die Molaren, also die ersten bleibenden Backenzähne, und die Inzisiven, so heißen in der Zahnmedizin die bleibenden Schneidezähne. Hypomineralisation beschreibt das Problem, das während der Entwicklung entsteht: der Zahnschmelz wird nicht ausreichend mineralisiert. Die Folge sind fleckige Zähne. Leider handelt es sich bei dieser Mineralisationsstörung nicht nur um ein kosmetisches Problem. Die Zähne sind auch nicht so hart, wie sie sein sollten und können beim Kauen abbrechen.

Wie sehen Kreidezähne aus?

„Je nach Ausprägungsgrad können sie weiße bis bräunliche Flecken haben“, beschreibt Melanie Elger, Kinderzahnärztin aus Hamburg, MIH-Zähne. „Außerdem haben sie eine kreidige, matte Oberfläche. Daher kommt auch der Name Kreidezähne. Meistens fällt den Eltern das eher bei den Schneidezähnen auf.“ Neben den Flecken ist das Problem vor allem die mangelnde Qualität des Zahnschmelzes. Er ist weich und porös und kann bei Belastungen abbrechen oder zerbröseln.
Die Zähne sind schon beim Durchbrechen augenscheinlich erkrankt. Die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation entsteht, während sich der Zahn noch im Kiefer entwickelt. Die bleibenden Zähne werden schon zwischen dem 8. Schwangerschaftsmonat und dem 4. Lebensjahr angelegt. Sichtbar werden die Defekte dann erst später.

Welche Beschwerden hat das Kind?

MIH-Zähne können stark berührungs- und temperaturempfindlich sein. Dann haben die kleinen Patienten oft Schmerzen beim Zähneputzen oder beim Essen und Trinken heißer oder kalter Speisen und Getränke. „Zum Glück ist das nicht bei allen Kindern der Fall“, so Elger. „Manche merken auch gar nichts. Das ist sehr unterschiedlich.“ Wenn die Kinder Schmerzen haben, rät Elger, sollte man sie mit handwarmen Wasser putzen und ausspülen lassen. Und auch das Fluoridieren helfe ein Stück weit gegen die Schmerzempfindlichkeit.
Der poröse Schmelz ist außerdem ein Eingangstor für Karies. Die Diagnose Kreidezähne bedeutet für die Betroffenen eine sehr strenge Mundhygiene und regelmäßige Kontrollbesuche beim Zahnarzt.

Welche Ursache hat MIH?

„Man weiß nicht genau, was der Störfaktor bei der Mineralisierung tatsächlich ist. Man weiß nur, dass MIH tatsächlich sehr stark zugenommen hat“, sagt Melanie Elger. Da die betroffenen Zähne zwischen dem achten Schwangerschaftsmonat und dem vierten Lebensjahr ihre Mineralien bekommen, müsse es etwas sein, was in dieser Zeit die Zahnentwicklung störe, vermutet die Zahnmedizinerin. Was die möglichen Ursachen angeht, tappe die Forschung noch im Dunkeln. Viel spreche dafür, dass es sich um ein multifaktorielles Geschehen handelt, also mehrere Ursachen zusammenwirken. Viele Zahnmediziner gehen von einer Schädigung durch Umwelttoxine aus. Weichmacher (Bisphenol A) gehören zu den Hauptverdächtigen. Eine weitere Rolle können chronische Erkrankungen des Kindes (insbesondere Atemwegserkrankungen) oder Medikamenteneinnahmen von Mutter oder Kind (vor allem Antibiotika) sein.
In ihrem Praxisalltag macht Elger täglich die Erfahrung, dass es wahrscheinlich um ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren und nicht um eine einzige Ursache geht. „Wenn ich ein Kind mit einer MIH sehe und die Eltern nach den möglichen Faktoren frage, kommen die unterschiedlichsten Antworten. Manche sagen, ja stimmt, es gab häufig Mittelohrentzündungen oder das Kind hat einige Male Antibiotika bekommen, andere sagen, davon trifft gar nichts zu.“ Weichmacher als Ursache eindeutig zu verifizieren dürfte schwierig werden, glaubt Elger: „Wir alle sind den Weichmachern ja ausgesetzt und das auch in einem unkontrollierten Maße. Das können Sie ja gar nicht nachvollziehen, inwieweit Sie damit in Berührung kamen. Sie brauchen ja nur den Aufschnitt aus der Verpackung nehmen. Und selbst wenn sie ihn an der Theke lose kaufen, haben Sie auch den Plastik-Trenner dazwischen.“ Allerdings weist sie auch darauf hin, dass in Tierversuchen durchaus gezeigt werden konnte, dass der Weichmacher Bisphenol A Störungen der Zahnmineralisierung verursachen kann.
Ein Zusammenhang zwischen dem verstärkten Aufkommen von Getränkeflaschen aus Plastik Ende der 1980er und der stetigen Zunahme der MIH-Fälle seit den frühen 1990er halten viele Zahnmediziner für wahrscheinlich. Die Forschung führt aktuell vor allem Befragungsstudien durch. Elger empfiehlt einen internationalen Vergleich. So könne man feststellen, wie hohe oder niedrige MIH-Quoten eventuell mit Umweltgiften, Ernährungsgewohnheiten und anderen Faktoren in den jeweiligen Ländern zusammenhängen.

Wie viele Kinder haben heute MIH?

„Man schätzt“, so die Hamburger Kinderzahnärztin, „dass heute zwischen 10 und 15 Prozent aller Kinder betroffen sind. Interessanterweise haben die heute Zwölfjährigen mit 30 Prozent eine höhere Quote.“ Die Unterschiede in den Altersklassen könnten Hinweise für die Forschung geben. Man müsse fragen, was vor 12 Jahren anders war als davor. Sind neue Umweltbelastungen hinzugekommen, hat sich die Praxis der Antibiotikagabe bei den Kinderärzten verändert? „Außerdem müsste man schauen“, so Melanie Elger, „was in ein paar Jahren mit den dann Zwölfjährigen passiert. Sind sie auch dann noch am stärksten betroffen oder liegen sie im Durchschnitt?“ Um der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation auf die Spur zu kommen, ist offenbar noch viel Detektivarbeit gefragt.

Wie kommt der Arzt zur Diagnose MIH?

Der Zahnarzt kann schlicht sehen, dass ein hypomineralisierter Zahn durchbricht oder schon da ist. Er unterscheidet sich durch die weißen oder gelblich-bräunlichen Verfärbungen und den mangelhaft gebildeten Zahnschmelz deutlich von gesunden Zähnen. Um die Folgeschäden durch Karies oder Wegbröckeln der porösen Zähne zu verhindern, ist eine frühe Diagnose wichtig. Da die bleibenden Molaren etwa mit sechs Jahren zum Vorschein kommen, ist es sinnvoll, zu dieser Zeit den Zahnarzt draufschauen zu lassen.

Können die Zähne nachträglich mineralisiert werden?

„Nein“, erklärt Elger. „Das ist vorbei. Der MIH-Zahn kann nicht nachträglich verbessert werden. Man kann ihn nur vor weiteren Schäden schützen.

Wie wird MIH behandelt?

Die große Gefahr für die porösen MIH-Zähne ist Karies. Sie kann sich auf dem rauen Zahnschmelz viel besser festsetzen als auf der glatten Oberfläche eines gesunden Zahns. Um die betroffenen Kinderzähne so gut wie möglich zu schützen, seien Fluoridierungsmaßnahmen besonders wichtig, so Elger. Wie die Behandlung konkret aussieht, entscheide sich nach dem Alter des Patienten und dem Grad der Erkrankung. Der Zahnarzt könne zum Beispiel regelmäßig einen Fluoridlack auftragen. Da kleine Kinder Zahnpasta oft noch herunterschlucken, sollten die Eltern mit dem Zahnarzt sprechen, bevor sie zu Hause mit Fluorid-Gelée putzen.
Man könne kurz sagen, so Elger, dass alle Maßnahmen, die gegen Karies helfen, auch einem MIH-Zahn helfen, länger in Mund zu verbleiben. Neben der Fluoridierung sind regelmäßiges Putzen, das Verwenden von Zahnseide und regelmäßige professionelle Zahnreinigungen Bausteine einer umfassenden Kariesprophylaxe.
Eine weitere anerkannte Behandlungsmaßnahme sei die Versiegelung, so Elger. Aber auch hier sei die Schmelzstruktur das Problem. Auf einem MIH-Zahn halten Versiegelungen nicht so gut wie auf einem gesunden Zahn. Der Zahnarzt müsse individuell entscheiden, ob eine Versiegelung sinnvoll ist.
Bei Kindern, die wirklich starke Schmerzen haben oder deren Backenzähne wegzubrechen drohen, können für eine Zeit auch konfektionierte (vorgefertigte) Kronen helfen, den Zahn zu erhalten und den Schmerz zu lindern, erklärt die Zahnmedizinerin.

Gibt es noch andere Gründe für fleckige Zähne?

„Ja, die gibt es“, räumt Egler ein. „Ein Schmelzfleck kann auch von einem Trauma kommen. Also, wenn der Milchzahn durch einen Sturz des Kindes sozusagen ein Schlag bekommt und der darunterliegende Keim von dem bleibenden Zahn berührt wird, kann dieser dadurch einen Fleck entwickeln. Ein Zahnarzt kann aber heute eine Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, die eine normale Ausprägung hat, ziemlich sicher erkennen.“

Ist MIH auch ein soziales Problem?

Gerade wenn die bleibenden Frontzähne betroffen sind, werden Kinder mit MIH auch häufig zum Mobbing-Opfer. Mädchen nehmen sich blöde Sprüche über ihre fleckigen Zähne vermutlich noch mehr zu Herzen als die Jungs. Auch Melanie Elger ist in dieser Hinsicht hilflos. „Im Grunde genommen geht das natürlich so ein bisschen in Richtung Schönrederei. Man kann Kindern in bestimmten Alternsgruppen sagen, dass sie einen besonderen Zahn haben, ohne das zu bewerten. Aber spätestens dann, wenn die Kinder sehen, dass Unterschiede nicht immer erwünscht sind, sondern dass es schön ist, so zu sein wie die anderen, wird es schwierig.“
Im Erwachsenenalter könne man die Flecken mit zahnärztlichen Behandlungsmethoden unsichtbar machen. Zum Beispiel eine Maskierung der Flecken mit sogenannten Veniers, Verblendschalen aus Keramik. Eine Behandlung mit Kunststofffüllungen sei oft auch schon früher möglich. Auch wenn die Flecken dann häufig immer noch leicht durchscheinen. „Es ist in dieser Wachstumsphase nicht einfach, die Zähne adäquat zu behandeln."