Hausgeburt
 
Was wird aus meiner Hausgeburt?

Schwierige Hebammensuche, Extra-Kosten und jetzt auch noch ein Facharztbesuch an Tag 3 nach dem geplanten Entbindungstermin. Das Aus für die Hausgeburt? Auf jeden Fall ein Eingriff in die Wahlfreiheit der Mütter, findet ELTERN-Autorin Nora Imlau.

Mutter mit Neugeborenem, Hausgeburt
Thinkstock, Design Pics

Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn ich vor beinahe zehn Jahren nicht Petra kennengelernt hätte. Petra war Hebamme in einer der größten Geburtskliniken Deutschlands, und gerade weil sie die Kreißsaalroutine in deutschen Krankenhäusern so gut kannte, war für sie klar: Ihre eigenen Babys kommen zu Hause zur Welt. Mit Begleitung einer erfahrenen Hebamme, ohne unnötige Eingriffe. So, wie es die Natur vorgesehen hat. Damals hörte ich zum ersten Mal davon, dass das überhaupt geht: Ein Baby zu Hause bekommen. Kurze Zeit später war ich selbst zum ersten Mal schwanger, und plötzlich war mir klar: Auch mein Baby soll in der Sicherheit und Geborgenheit unserer eigenen Wohnung zur Welt kommen. Und nicht in einer Klinik. So kam es, dass meine beiden Töchter Linnea und Annika zu Hause zur Welt kamen. Es waren zwei wunderschöne selbstbestimmte Geburten.

Hebammen bieten nur noch Vor- und Nachsorge an

Seit einigen Jahren steht nun die Zukunft genau solcher Geburten auf dem Spiel. Der Grund: Die Haftpflichtversicherung für freiberufliche Hebammen wird immer teurer, momentan liegen die Kosten bei jährlich 6274 Euro.  Das liegt nicht daran, dass in der Geburtshilfe immer mehr Kinder zu Schaden kommen – im Gegenteil. Aber: Kinder mit Geburtsschäden – egal ob innerhalb oder außerhalb einer Klinik geboren – leben dank moderner Medizin immer länger und verursachen Krankenkassen dadurch enorme Kosten. Die diese wiederum von den Haftpflichtversicherern zurückfordern, in Form von Schadensersatz in Millionenhöhe.

Viele Hebammen haben deshalb ihre Kernaufgabe – die Geburtshilfe – bereits ganz aufgegeben und bieten nur noch Vor- und Nachsorgen an, was die nicht teuer zu versichern sind. Andere stemmen sich tapfer gegen den Trend und ermöglichen werdenden Müttern weiterhin echte Wahlfreiheit: Sie allein entscheiden, ob ihr Baby in der Klinik, im Geburtshaus oder zu Hause zur Welt kommen soll.

Hebamme, Schwangere, Vorsorge
Fotolia, Kzenon

Nun bin ich selbst wieder schwanger. Im Frühling erwarten mein Mann und ich unser drittes Kind. Wir freuen uns riesig, merken aber auch: Eine Hausgeburt zu organisieren ist bereits jetzt viel schwieriger als vor zehn Jahren. Das fängt bei der Hebammensuche an – mit viel Glück konnte ich mir noch den Platz für meinen Geburtsmonat bei einer der wenigen Hausgeburtshebammen unserer Stadt sichern. In der fünften Schwangerschaftswoche! Wer später dran ist, findet oft nicht einmal mehr eine Hebamme für die Vor- und Nachsorge.

Dann sind die Kosten gestiegen: Neben der normalen Rufbereitschaftsgebühr von knapp 300 Euro werden nun noch einmal 300 Euro Anteil an der Haftpflichtprämie fällig, damit unsere Hebamme überhaupt noch wirtschaftlich arbeiten kann.

Hausgeburten werden weiter reglementiert

Und nun der nächste Rückschlag: In der vergangenen Woche wurde ein langwieriger erbitterter Kampf zwischen dem Deutschen Hebammenverband und dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen mit einem Schiedsspruch beendet, der Hausgeburten weiter reglementiert und erschwert. So sollen fortan fixe Ausschlusskriterien gelten, bei denen die Krankenkasse unabhängig von den Wünschen der Frau keine Hausgeburt mehr bezahlt (dazu zählen etwa zwei Kaiserschnitte in der Vorgeschichte, oder eine insulinpflichtige Diabetes). Dazu kommen so genannte relative Ausschlusskriterien, bei denen ein Facharzt bei der Entscheidung für oder gegen die Hausgeburt mit ins Boot geholt werden soll. Besonders brisant: Eines dieser relativen Ausschlusskriterien ist die Überschreitung des errechneten Geburtstermins um drei Tage. Das heißt: Lässt ein Baby in Zukunft etwas auf sich warten, muss seine Mutter zum Frauenarzt gehen, um überhaupt noch eine Chance auf ihre Hausgeburt zu haben. Angesichts der Tatsache, dass nur etwa vier Prozent aller Babys zum errechneten Termin auf die Welt kommen, ein heftiger Eingriff in unsere Wahlfreiheit – noch dazu einer, dessen medizinischer Nutzen nicht belegt ist.

Als eine Mutter, deren erste zwei Kinder weit nach dem errechneten Geburtstermin auf die Welt kamen, besorgt mich diese Entwicklung natürlich sehr – genauso wie die Pressemitteilungen des Deutschen Hebammenverbandes, in denen bereits vollmundig von einem „faktischen Aus für die Hausgeburt“ die Rede ist, und zwar mit sofortiger Wirkung. Der Spitzenverband der Krankenkassen hingegen beschwichtigt: Ein Facharztbesuch an Tag 3 nach ET sei doch kein Weltuntergang, sondern diene nur der Sicherheit von Mutter und Kind. Die Entscheidung für oder gegen die Hausgeburt liege danach aber allein bei der schwangeren Frau. Die Hebammen halten genau diese Argumentation jedoch für einen Trugschluss: Welche Hebamme traue sich denn noch, eine Hausgeburt durchzuführen, von der ein Arzt ausdrücklich abgeraten habe? Welches Gericht würde es wohl nicht als grobe Fahrlässigkeit werten, wenn bei einer solchen Geburt dann gegen alle Wahrscheinlichkeit doch etwas schief ginge?

Babyschwimmen statt Geburtshilfe

Bislang ist der offizielle Schiedsspruch noch nicht veröffentlicht, so dass sich über die konkreten Auswirkungen nur mutmaßen lässt. Fest steht jedoch schon jetzt: Frauen wie ich, die ihr Baby zu Hause bekommen wollen, müssen sich in Zukunft warm einpacken. Denn selbst wenn wir einen Arzt finden, der unseren Weg mitträgt, und genügend Geld beiseite legen können, um die Extra-Kosten zu bezahlen – wir brauchen immer noch eine Hebamme, die unsere Geburt auch unter unsicheren und schwierigen Bedingungen noch begleiten will. Meine Freundin Petra, die Hebamme, die mich überhaupt erst auf die Idee mit den Hausgeburten brachte, hat aus den dramatischen Entwicklungen in ihrem Berufsstand jedenfalls bereits ihre Konsequenzen gezogen: Sie hängte ihren Hebammenhut an den Nagel und bietet seitdem Kurse in Babyschwimmen an.
 

Mehr über Nora Imlau

Nora Imlau
Malina Ebert

Nora Imlau, 32, schreibt seit fast zehn Jahren für ELTERN übers Kinderkriegen und Kinderhaben. Sie hat zwei Töchter im Grundschulalter und erwartet im Frühjahr 2016 ihr drittes Kind. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in Leipzig. Mehr über ihre Arbeit, ihre Bücher und ihren Einsatz für die Wahlfreiheit in der Geburtshilfe gibt's auf ihrer Facebookseite www.facebook.com/Imlau.Nora.