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Seid sensibel Diese Gespräche möchten wir dieses Weihnachten nicht führen

Weihnachten Familie
© DC Studio / Adobe Stock
Weihnachten – das Fest, an dem wir mit der Familie zusammenkommen und oft auch alte Freund:innen wiedersehen. Das ist schön... und manchmal auch schmerzhaft und unangenehm. Nämlich dann, wenn Fragen gestellt werden, die nicht unter den Weihnachtsbaum gehören. Diplompsychologin Sally Schulze klärt auf.

Weihnachten ist die Zeit, in der man sich auf die Familie freut, auf gute Gespräche und leckeres Essen. Gespräche, in denen wir persönliche Einblicke in das Leben und Wesen von anderen Menschen erhalten. Schließlich treffen wir dann oft Freund:innen, Verwandte und Bekannte, die wir schon länger nicht gesehen haben und natürlich wollen wir wissen, wie es ihnen in letzter Zeit ergangen ist, ob es ihnen gut geht und was es so Neues gibt. Nur leider kann das schnell heikel werden.

Nämlich dann, wenn plötzlich Themen angesprochen werden, die Gefühle triggern, die wir an Weihnachten weder fühlen noch mit Hinz und Kunz besprechen wollen. Umso wichtiger ist es, sensibel zu sein. Selbst zu hinterfragen, welche Fragen wir stellen können, ohne jemanden in eine schwierige Situation zu bringen oder zu verletzen. Dabei geht es vor allem nicht darum, wie wir selbst die Themen bewerten, sondern darum, ob sie für unser Gegenüber emotional besetzt sein könnten und vor allem, ob man solche Fragen zwischen Gänsekeule und Rotkohl besprechen möchte. 

Fragen, die piksen wie die Nadeln vom Tannenbaum

Gute und gehaltvolle Gespräche fühlen sich positiv an, erklärt Diplom-Psychologin Sally Schulze – und zwar für alle Beteiligten. Das eigene Gefühl dafür, was unverfängliche Themen sind und was nicht, ist hier nicht unbedingt ein zuverlässiger Gradmesser. Denn welche Themenbereiche schwierig sind, ist individuell. Für manche gefühlt harmlose Fragen wie „Wann ist es denn bei euch so weit?“ können für andere sehr verletzend sein.

Auch Fragen wie „Warum trinkst du keinen Alkohol?“ eignen sich nicht, vor allem dann, wenn man nicht weiß, was sich dahinter verbirgt. Die Hintergründe sind oft tiefliegend und mit Trauer, Wut, Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung verknüpft. Vielleicht möchte die Kollegin keinen Alkohol trinken, weil sie durch einen schwierigen Entzug geht. Vielleicht geht die Cousine gerade durch eine kräftezehrende Kinderwunschbehandlung. 

Diese und ähnliche Fragen bringen Gesprächspartner:innen in eine Situation, in der sie ihr Verhalten begründen oder rechtfertigen sollen. Die Fragen beinhalten, dass z. B. Alkohol trinken oder einen Kinderwunsch zu haben das "normale" Verhalten ist - keinen Alkohol zu trinken oder keinen Kinderwunsch zu haben jedoch nicht, denn das scheint eine Begründung zu erfordern.

Übrigens sind auch Fragen nach Zielen für das nächste Jahr nicht geeignet: Sie bringen ein Messen und Bewerten mit sich. Nicht jeder Mensch möchte in jedem Lebensbereich daran gemessen oder bewertet werden, ob ein Ziel erreicht wird. Das schwingt allerdings bei Fragen nach Zielen immer im Hintergrund mit (sonst bräuchte man keine Ziele zu setzen, wenn man nicht schaut, ob sie erreicht wurden).

Wie wir es besser machen können

Im Grunde ist es einfach: Frag‘ nach etwas Positivem und die Frage sollte nicht mit „Warum“ beginnen, um nicht in eine Begründungs- oder Rechtfertigungssituation zu kommen. Ein geeigneter Einstieg für Gespräche an Weihnachten und Silvester könnte zum Beispiel sein: „Worauf freust du dich im nächsten Jahr am meisten?“.

Auch die Frage nach schönen Momenten im letzten Jahr oder Wünschen für das kommende Jahr passen gut. Solche Fragen können ohne Begründung oder Rechtfertigung beantwortet werden, denn die Frage ist wertfrei gestellt. Das schafft eine angenehme Gesprächsatmosphäre, in der man sich nahekommen kann und bereit ist, Einblicke in persönliche Erlebnisse zu geben. Besser als „Und, wie war das Wetter so bei Euch im Herbst?“ oder „Wie war denn Euer Urlaub?“.

Sally-Schulze
© Privat

Sally Schulze ist Diplompsychologin, approbierte Psychotherapeutin und Expertin für Frauenheilkunde. Sie hat vier Jahre lang Frauen mit drohender Frühgeburt und Eltern auf der Babyintensivstation der Uniklinik Frankfurt betreut. Sie ist daher Expertin im Umgang mit Krisensituationen. An der Uniklinik hat sie außerdem Paare mit unerfülltem Kinderwunsch ehrenamtlich beraten. Bald schon konnte sie die vielen Anfragen von emotional belasteten Paaren nicht mehr abdecken. Aus diesem Bedarf heraus entstand die Idee für die Onlineplattform MentalStark.

ELTERN

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