Erneuter Kinderwunsch
 
Sie will noch ein Kind. Er nicht

Karin und Bernhard haben zusammen zwei Kinder – und sind sich nicht einig, ob ein drittes dazukommen soll. Ja, sagt Karin (38), noch ein Baby wäre schön. Bernhard (37) möchte, dass alles so bleibt, wie es ist. Was die beiden bewegt und was eine Psychologin dazu sagt.

Erneuter Kinderwunsch: Sie will noch ein Kind. Er nicht
iStock, Nadtochiy

Der Brief an Bernhard

Erneuter Kinderwunsch: Sie will noch ein Kind. Er nicht

Lieber Bernhard,

anstrengend – aber auch wunderschön. Das waren für mich die letzten Jahre mit Anne und Ben. Bevor ich Mutter wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, dass ich so viel aus diesem neuen Leben ziehen würde: Selbstvertrauen, Stärke, Lebensfreude, Optimismus.

Früher habe ich ständig für eine unbekannte, irgendwie unsichere Zukunft geplant: Was, wenn der neue Chef mich absägt, wenn ich die Beförderung nicht kriege, der Vermieter Eigenbedarf anmeldet? Heute bin ich viel gelassener. Wegen Anne und Ben. Und für sie - Kinder brauchen eine starke, zuversichtliche Mutter. Jeden Tag, an dem die beiden fröhlich und gesund sind, genieße ich - und ich hätte gern noch mehr davon.

Dass ich den Beruf hintangestellt habe, bereue ich nicht. Die Vormittage, an denen ich jetzt wieder im Büro arbeite, gefallen mir, ich mag das konzentrierte Arbeiten, den Kontakt mit den Kollegen, das Gefühl, etwas erfolgreich abzuschließen - und natürlich auch das Geld, das ich verdiene und das unsere Familie gut brauchen kann. Genauso gern bin ich aber auch mittags für die Kinder da. Ich darf ihre Entwicklung begleiten, das ist für mich ein Privileg. Ein drittes Kind würde in dieses Leben gut hineinpassen.

In mir ist im Moment so viel Kraft und Liebe - die würde dicke noch für ein paar Kinder mehr reichen. Jetzt wirst du blass! Musst du nicht, drei finde ich eine gute Zahl.

Lieber Bernhard, deine Argumente gegen meine Babypläne sind ja nicht schlecht, und tief drinnen weiß ich auch, dass sie nicht gegen mich gerichtet sind. Aber trotzdem: Dass du gegen ein weiteres Kind bist, beunruhigt mich ein bisschen. Die Entscheidung für ein Baby wäre für mich so etwas wie ein erneutes Bekenntnis zu mir, unserer Familie und unserem Leben. Nur so ein Gefühl - aber Kinderkriegen ist eben Gefühlssache.

Ich liebe dich, Karin

Der Brief an Karin

Es geht mir auch um unsere finanzielle Zukunft

Liebe Karin,

es ist doch gut so, wie es ist. Wir haben es schön! Hast du vergessen, wie müde und fertig du oft durch den Tag geschlichen bist, weil Anne schlecht geschlafen hat? Oder wie genervt du warst, wenn die beiden sich im Winter mit Husten, Schnupfen und Fieber abwechselten und du wochenlang kaum aus dem Haus kamst? Damals war auch unsere Beziehung ein bisschen abgekühlt, das ist jedenfalls meine Erinnerung.

Heute,wo die Kinder auch schon mal eigene Wege gehen, kleine Verabredungen haben, in ihren Zimmern spielen, reden wir wieder viel mehr miteinander. Das gefällt mir. Das ist aber nur das eine, die Erleichterungen im Alltag, die ich nicht missen möchte.

Das andere: Unsere beiden sind gesund und gut entwickelt - darüber bin ich so froh. Ich hätte irgendwie Angst, das Schicksal herauszufordern, wenn wir noch ein Kind bekommen. Wer weiß denn, ob Schwangerschaft und Geburt noch einmal gut über die Bühne gehen würden, ob ein drittes Kind auch gesund zur Welt käme?

Und noch etwas - was typisch Männliches vielleicht: Womöglich findest du es herzlos, bei klitzekleinen Babys an Geld zu denken, aber in der Tat geht es mir auch um unsere finanzielle Zukunft, unsere und die der Kinder. Zweimal Musikschule, Reitstunden, vielleicht irgendwann Nachhilfeunterricht, teure Ausbildungen sind gerade zu schaffen. Aber drei? Da reicht mein Einkommen einfach nicht mehr.

Was deinen Beruf betrifft: Noch sind die Kinder so klein, dass du dich aufteilen musst - was du, wie du immer versicherst, gern tust und nicht anders haben willst. Aber Ben ist jetzt vier: Wenn er in zwei Jahren in die Schule kommt, könntest du deine Stundenzahl wieder erhöhen, und wir könnten für beide Kinder eine Ganztagesschule suchen - und bezahlen.

Kinder werden so schnell groß, es wird nicht lange dauern, bis du wieder genug Freiraum hast, dich beruflich stärker zu engagieren. Und weil du gut bist, kannst du bestimmt noch eine Menge schaffen. Aber mit einem dritten Kind?

Weißt du, was mich lange Zeit belastet hat? Meine Mutter gab mir als Kind und Jugendlichem stets das Gefühl, sie zu vernachlässigen. Wenn ich mit anderen Jungs spielen wollte, mich mit meiner ersten Freundin treffen, allein in die Ferien fuhr, sagte sie oft: "Und ich darf mich allein langweilen!" Ich schlich dann mit schlechtem Gewissen aus dem Haus. Wahrscheinlich mag ich deshalb berufstätige Mütter so gern - die warten nicht dauernd auf ihre Kinder.

Dein Bernhard

Das sagt die Psychologin

Einen Kompromiss können Karin und Bernhard nicht finden

Margarethe Schindler ist Diplompsychologin und arbeitet seit vielen Jahren als Paar- und Familientherapeutin. Was sie zum umstrittenen Kinderwunsch sagt, was sie Karin und Bernhard rät:

"Ein gemeinsames Kind steht in einer Beziehung für das Verbindende, das Gemeinsame. Wenn ein Paar sich nicht einig ist beim Kinderwunsch, könnte das auf ein unterschiedliches Bedürfnis nach Nähe hinweisen. Derjenige, der sich das Kind wünscht, hat dann den Gedanken: 'Wenn ich schon so wenig von dir habe, dann will ich wenigstens (noch) ein Kind von dir.' Manchmal tragen Paare über den Kinderwunsch aber auch eine Machtfrage aus: Wer setzt sich durch?

Karin und Bernhard sind sich einig, dass ihr Leben mit den beiden Kindern gut ist. Sie haben bis jetzt Glück gehabt. Er ist zufrieden und möchte es so lassen. Keine Veränderung, kein Risiko durch ein drittes Kind. Sie dagegen möchte noch mehr vom Guten und verspricht sich von einem dritten Kind eine Steigerung ihrer Lebensqualität. Dahinter steckt wahrscheinlich auch der Gedanke, dass sie mit 38 nicht mehr jung genug ist, die Entscheidung für ein weiteres Kind lange nach hinten zu verschieben.

Ein Mann kann dieses Motiv nicht wirklich verstehen: Für ihn bleibt noch viel mehr Zeit, Kinder zu zeugen - das hat er im Hinterkopf, auch wenn er weiteren Familienzuwachs in diesem Moment für sich ausschließt. Natürlich denkt er nicht bewusst: Wenn mir noch mal nach einem Baby zumute ist, verlasse ich sie einfach und fange von vorn an. Aber er ist auch nicht an einem Endpunkt, das fühlt er.

Einen Kompromiss können Karin und Bernhard nicht finden - ein bisschen schwanger ist unmöglich. Sie können aber ein paar Fragen stellen, die ihnen ihre Motive klarer machen:Was fehlt Karin wirklich? Worauf müsste sie verzichten, wenn sie kein drittes Kind bekäme? Sie ist überzeugt,mit einem dritten Kind würde ihr Leben schöner und reicher - aber was würde sich für sie verändern, wenn sie es nicht bekäme? Wenn es bleiben würde wie bisher? Mit ihrem letzten Satz ('Die Entscheidung für ein Baby wäre für mich so etwas wie ein erneutes Bekenntnis zu mir ...') drückt sie ihr Bedürfnis nach mehr Sicherheit aus.

Es gibt durchaus Frauen, für die Kinder eine Art Klebstoff für die Partnerschaft sind. In Wirklichkeit funktioniert das natürlich nicht. Für die Beziehung sind allein die Partner verantwortlich. Wenn Karin Verlustängste hat, sollte ihr Mann sich (und sie) fragen, was er dagegen unternehmen kann. Um sich vom Standpunkt des jeweils anderen nicht verletzt zu fühlen, können beide Folgendes tun: Sie darf ihrem Mann ruhig glauben, dass er für die Familie mitdenkt und verantwortlich handelt, wenn er ausreichende Sicherheit für alle anstrebt. Für sich muss sie bedenken, dass ihre berufliche Entwicklung mit einem weiteren Kind vermutlich stillstehen wird. Will sie das? Er dagegen sollte versuchen, ihre 'Endzeitstimmung' zu verstehen, und begreifen, dass die Entscheidung gegen noch ein Kind mit seiner Frau wahrscheinlich eine endgültige ist. Und er könnte sich ein Beispiel an ihrer Zuversicht nehmen und sich klar machen, dass niemals alles planbar ist - das Risiko, das im Leben steckt, erhöht sich mit einem weiteren Kind nicht so dramatisch, dass man es in einer gesunden Beziehung nicht eingehen könnte."