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Pflegekind aufnehmen Wie ihr Eltern auf Zeit werdet – und was ihr vorab bedenken solltet

Frau hält ein Mädchen im Arm und tröstet es
© Mediaphotos / Adobe Stock
Ihr überlegt, ob ihr ein Pflegekind aufnehmen wollt? Eine gute Entscheidung, die wohl überlegt sein sollte! Denn die Pflegeelternschaft ist eine Aufgabe, die viel Geduld, Mut und eine ordentliche Portion Idealismus erfordert.

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Ein Pflegekind zu haben, bedeutet Elternschaft auf Zeit. Pflegefamilien wissen somit nie, wie lange das Kind letztlich bleiben wird. Bevor ihr ein Pflegekind aufnehmen möchtet, solltet ihr euch folgende Fragen stellen: Welche Voraussetzungen müssen wir als Pflegeeltern erfüllen? Wie gestaltet sich das Verhältnis mit der Pflegeperson? Und können wir gut loslassen, wenn die Zeit der Trennung gekommen ist? Alle Infos zum Thema Pflegeelternschaft findet ihr hier.

Welche Kinder werden zu Pflegekindern?

Pflegekinder bringen in den meisten Fällen eine längere Leidensgeschichte mit. Zum Beispiel, weil die Eltern der Ursprungsfamilie durch Krankheit, finanzielle Not oder Drogenabhängigkeit nicht in der Lage sind, sich gut um ihr Kind zu kümmern. Weil der zweite Elternteil nicht da oder unbekannt ist. Pflegekinder sind häufig vernachlässigt worden oder haben physische oder psychische Gewalt erfahren. Und diese Erfahrungen haben sie natürlich geprägt und werden das Zusammenleben in einer neuen Ersatz-Familie nie ganz einfach machen. Pflegekinder werden in der Regel gegen den Willen der leiblichen Eltern aus der Familie genommen. Daher ist eine Adoption der betreffenden Kinder zunächst nicht möglich. Erst wenn aus der Zwischenlösung zum Schutz des Kindes in vielen Fällen ein Dauerpflegeverhältnis wird und die leiblichen Eltern einer Freigabe zustimmen, könnte sich eine Adoption anschließen.

Was ist der Unterschied zwischen einem Pflegekind und einem Adoptivkind?

Wer sich für ein Adoptivkind entscheidet, hat auch die rechtliche Elternschaft für das Kind inne. Das bedeutet, dass ihr alle Rechte und Pflichten der leiblichen Eltern übernehmt. Das Kind trägt zudem euren Nachnamen, wird zu einem festen Teil eurer Familie und ist im Falle eures Todes erbberechtigt. Das Sorgerecht für ein Pflegekind bleibt hingegen bei den leiblichen Eltern, dem Vormund oder beim Jugendamt. Den Pflegeeltern wird lediglich eine Entscheidungsbefugnis für den Alltag zugesprochen – gemeint sind alltägliche Entscheidungen bezüglich der Kleiderwahl, Besuche bei Freund:innen, Impfungen und medizinische Eingriffe sowie die Schulwahl. Falls die Herkunftsfamilie ihr Kind wieder zu sich holen möchte, ist das unter bestimmten Bedingungen möglich. Die Dauer des Pflegeverhältnisses ist somit sehr variabel.

Was sind die Voraussetzungen für eine Pflegeelternschaft?

Die Frage, ob ein Paar für die Pflegeelternschaft geeignet ist, hängt nicht nur davon ab, wie viel die Partner verdienen oder in welchen Lebensumständen sie leben. Sondern vor allem davon, wie stark ihre Bereitschaft ist, dem Pflegekind Aufmerksamkeit, Liebe und Toleranz entgegenzubringen.

  • Verheiratet, liiert oder alleinerziehend: Paare, die gerne Pflegeeltern werden wollen, müssen nicht verheiratet sein. Auch gleichgeschlechtliche Paare können Pflegekinder aufnehmen. Ebenso werden Einzelpersonen mit eigenen Kindern oder ohne eigene Kinder als Pflegemütter oder Pflegeväter akzeptiert. Es kommt jedoch immer auf die Situation an: So kann es für ein bestimmtes Pflegekind besser sein, wenn Mutter und Vater als Rollenvorbilder da sind. Oder wenn Geschwister dem Pflegekind dabei helfen können, soziales Verhalten zu lernen.
  • Finanziell abgesichert: Pflegeeltern sollen in gesicherten finanziellen Verhältnissen leben und eventuell auch auf das Einkommen eines Partners verzichten können, damit das Pflegekind gut betreut werden kann. Pflegeeltern erhalten vom Jugendamt zwar mit dem Pflegegeld eine finanzielle Unterstützung, sie ist aber vor allem für die Unterhaltskosten des Kindes gedacht. Auch sollte die Wohnung groß genug sein, damit das Pflegekind seinen Platz finden kann. Pflegeeltern brauchen für die Bewerbung außerdem ein Gesundheitsattest und ein polizeiliches Führungszeugnis.
  • Belastbar, geduldig und kooperativ: Ein Kind zu erziehen, ist nie ein Spaziergang – egal, ob es ein leibliches, adoptiertes oder in Pflege aufgenommenes Kind ist. Aber im Gegensatz zu leiblichen Eltern müssen sich künftige Pflegeeltern darüber im Klaren sein, dass sie Entscheidungen nicht immer allein treffen werden. Sie werden mit dem Jugendamt zusammenarbeiten und eventuell auch direkt mit den Eltern des Kindes. Aber die sicherlich größte Herausforderung wird es sein, sich in die Gefühle und Vorstellungswelt des Kindes einzufühlen. Das Pflegekind so anzunehmen, wie es ist – mit seiner Vergangenheit und den daraus entstandenen Problemen. Und an seinen Erziehungszielen festzuhalten, auch wenn Schwierigkeiten auftreten. Viele Pflegekinder haben aufgrund von Trennung, Vernachlässigung und erfahrener körperlicher oder psychischer Gewalt Verhaltensweisen entwickelt, auf die Pflegeeltern intensiv eingehen müssen: So klammern Pflegekinder häufig sehr stark. Andere lassen niemanden an sich heran. Außerdem sollte bedacht werden, dass viele Pflegekinder unter Entwicklungsstörungen leiden können.
  • Mindestens 25 Jahre alt: Wer ein Pflegekind aufnehmen möchte, sollte den 25. Geburtstag bereits überschritten haben. Im Gegensatz zu einer Adoption gibt es keine strenge Altersgrenze nach oben hin. Pflegekinder werden auch noch an Paare vermittelt, die bereits Mitte oder Ende 40 sind.

Als kinderloses Paar ein Pflegekind aufnehmen – geht das?

Nach oft jahrelangen Versuchen müssen manche Paare akzeptieren, das sie kein Kind bekommen können – so schmerzhaft es auch ist. Die Alternative Adoption ist bei vielen Paaren schon nicht mehr gegeben, weil etwa eine Altersgrenze überschritten wurde. Und wenn man ein Pflegekind aufnimmt und sich für eine gewisse Zeit um ein Kind kümmert? Schon für viele Paare, die bereits Kinder haben, ist das eine große Aufgabe, die auch Mut und eine Portion Idealismus erfordert. Wie sieht es mit Paaren aus, die sich bisher mit Erziehung nur theoretisch beschäftigt haben? Ist das eine zu große Herausforderung? Nein, es gibt kinderlose Paare, die Pflegekinder aufnehmen und in dieser Aufgabe voll und ganz aufgehen.

Ihr wollt ein Pflegekind aufnehmen? Wo ihr euch bewerben könnt!

Bevor ihr euch für diesen Schritt entscheidet, ist es sinnvoll, den Kontakt mit anderen Pflegefamilien zu suchen und so erste Eindrücke zu sammeln. Euer zuständiges Jugendamt hilft euch dabei. Darüber hinaus klärt es euch auch über die verschiedenen Modelle der Pflege auf: Bereitschaftspflege und Vollzeitpflege. Die Bereitschaftspflege ist eine Übergangslösung, bei der die Kinder maximal drei Monate in eine Pflegefamilie gegeben werden. Der Grund für die Unterbringung ist eine Notsituation, die das Kindeswohl gefährdet. Innerhalb dieser Zeit wird eine Lösung für das Kind gefunden – entweder wird es bei Verwandten oder in der Vollzeitpflege untergebracht. Im Rahmen der Vollzeitpflege kommt das Kind oft über mehrere Jahre in eine Familie. Das Pflegeverhältnis endet mit der Volljährigkeit des Pflegekindes.
Habt ihr euch entschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen, bewerbt ihr euch beim Jugendamt. Etwas Geduld müsst ihr mitbringen: In der Regel dauert das Bewerbungsverfahren mehrere Monate. Werdet ihr als Bewerber:innen für eine Pflegeelternschaft akzeptiert, belegt ihr Pflichtseminare, um euch auf eure Rolle als Pflegeeltern vorzubereiten. Danach wird überlegt, welches Kind am besten zu euch passt. Meist sind Pflegekinder zwischen drei und zwölf Jahren alt, manchmal auch jünger. Ihr dürft Wünsche bezüglich des Alters angeben. Ist ein Kind gefunden, erhaltet ihr ausführliche Informationen über seine Vorgeschichte und seine leibliche Familie. Ihr habt dann Ruhe und Zeit, euch für diese neue und wichtige Aufgabe zu entscheiden.

Wie viel Geld bekommt ihr für die Aufnahme eines Pflegekindes?

Pflegeeltern steht zwar Elternzeit, aber kein Elterngeld zu.Stattdessen erhaltet ihr ein monatliches Pflegegeld, das vom Jugendamt ausgezahlt wird. Das Pflegegeld wird für Kinder bis 18 Jahren, in Ausnahmefällen auch für Pflegekinder bis zum 21. Geburtstag gezahlt. Wie viel Pflegegeld ihr erhaltet, hängt sowohl vom Alter des Kindes als auch von eurer Kommune ab. Je nachdem, wo ihr wohnt und wie alt das Kind ist, bekommt ihr zwischen 700 und 900 Euro pro Monat. Allerdings könnt ihr noch weitere Beihilfen beantragen – etwa, wenn eine größere Anschaffung für das Kind getätigt werden muss oder wenn eine Klassenfahrt ansteht. Das staatliche Kindergeld wird mit dem Pflegegeld verrechnet.

Was solltet ihr bedenken, bevor ihr Pflegeeltern werdet?

Einem Pflegekind ein Heim auf Zeit zu bieten, ist eine große Herausforderung. Ihr solltet euch genau überlegen, ob ihr der Aufgabe als Familie gewachsen seid. Stehen alle Familienmitglieder hinter der Entscheidung? Bedenkt auch, eigene Kinder in die Entscheidung mit einzubeziehen, um Eifersucht zu vermeiden. Grundvoraussetzung für ein gelungenes Pflegeverhältnis sind zudem: Harmonie, Liebe, Unterstützung, Geduld, Sicherheit, Toleranz und Verständnis. Auch die Fähigkeit, loslassen zu können, ist für Pflegeeltern ganz wichtig. Manche Paare entscheiden sich aus diesem Grund übrigens bewusst für eine kurze Pflegezeit. Wer ein Pflegekind bei sich aufnimmt, sollte zudem genug Eingewöhnungszeit einplanen und eventuell Elternzeit nehmen. Bezieht euren Arbeitgeber mit ein und informiert diesen frühzeitig über euer Vorhaben.
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