Kinderwunsch
 
Kinderwunsch: Chancen und Risiken

Jedes zehnte Paar, das sich Kinder wünscht, bekommt keine. Viele davon setzen alle Hoffnung auf die Reproduktionsmedizin. Wir haben uns mit dem Reproduktionsmediziner Wolfgang Würfel vom Kinderwunsch Centrum München über Erkenntnisse, Herausforderungen und Risiken unterhalten.

Kinderwunsch: Kinderwunsch: Chancen und Risiken
Der Reproduktionsmediziner Wolfgang Würfel vom Kinderwunsch Centrum München über Erkenntnisse, Herausforderungen und Risiken.

ELTERN: Herr Professor Würfel, eine geschätzte Zahl besagt, dass jedes zehnte Paar, das sich Kinder wünscht, keine bekommt. Können Sie diesen Paaren Hoffnung machen?
Professor Wolfgang Würfel: In der Fortpflanzungsmedizin heißt die Zahl, die den Erfolg misst, "Baby-Take-Home-Rate". Die liegt in Deutschland um 25 Prozent pro Behandlungszyklus, je nach Alter der Patientin. Weil menschliche Eizellen sich generell schwer einnisten und entwickeln, wird es in absehbarer Zeit hier wohl keinen Quantensprung geben.

90 Prozent der Paare, die eine Behandlung starten, kennen die Ursache für ihre Kinderlosigkeit - verschlossene Eileiter, hormonelle Störungen, langsame Spermien. Welche Schwierigkeit gibt es darüber hinaus?
Das große Problem ist die Implantation. Warum nisten Eizellen sich - trotz mehrfacher Versuche - bei einzelnen Patientinnen nicht ein, oder warum kommt es zu wiederholten Fehlgeburten? Das sind die Herausforderungen, vor denen wir stehen. Der Prozess, wie Mutter in spe und Kind sich erfolgreich verzahnen, ist noch längst nicht entschlüsselt.

Körperliche Voraussetzungen wie Fehlbildungen der Fortpflanzungsorgane, Qualität von Eizellen oder Spermien sind also nicht die Hauptursache für ungewollte Kinderlosigkeit?
Das sind technische Herausforderungen, die bereits gut lösbar sind. Die heutige Reproduktionsmedizin muss man als technische Medizin bezeichnen. Was es als Nächstes zu verstehen gilt, sind komplexe Steuerungsverfahren, wie sie das Immunsystem leistet. Schwangerschaft bedeutet, dass der Körper ein Lebewesen, das ihm fremd ist, unterstützen und voranbringen muss - eine aberwitzige Herausforderung für sein Abwehrsystem. Wie geschieht das? Hier stehen wir noch vor vielen Unbekannten.

Warum sind Wissenschaftler sicher, dass das Immunsystem der Schlüssel zur Schwangerschaft ist?
Ich nenne Ihnen ein Beispiel. Eine Mutter von elf Kindern wird immer bestätigen, dass sie mit jedem Kind schneller schwanger geworden ist. Dabei ist sie aber doch auch älter geworden, das jugendliche Alter kann also nicht der ausschlaggebende Faktor sein. Entscheidend ist vielmehr, dass ihr Körper den Schlüssel gefunden hat, Schwangerschaften zu organisieren. Das Immunsystem zeigt intelligentes Verhalten, es ist lernfähig und hat ein Gedächtnis.

Es gibt Mütter, die nach einem ersten kein weiteres Kind bekommen können.
Diese sekundäre Sterilität ist besonders schwer zu behandeln. Auch in diesen Fällen vermutet man immunologische Ursachen, die während oder nach vorausgegangenen Schwangerschaften entstanden sind.

Welche Behandlungsansätze gibt es, die auf die problematische Einnistung des Embryos zielen?
Wir kennen jetzt den Wachstumsfaktor G(M)-CSF, den der Embryo von Zellen der Mutter bekommt. Wird G(M)-CSF dem Kulturmedium, in dem die künstliche Befruchtung stattfindet, zugesetzt, hat der Embryo bessere Chancen, zu reifen und sich in der Gebärmutter festzusetzen. Das zeigen klinische Studien, die derzeit in der dritten Phase durchgeführt werden. Allerdings ist G(M)-CSF sicher nur ein Faktor unter anderen, die wir noch nicht kennen.

Für viele Paare wird der Kinderwunsch irgendwann zur Bürde, was macht die Behandlung so anstrengend?
Es ist die Belastung einer "Alles-oder-Nichts"-Medizin, am Ende steht das Urteil: schwanger oder nicht schwanger. So eine Schicksalstherapie ist in der Medizin immer extrem belastend. Wer dieses Prozedere mehrmals durchmacht, läuft Gefahr, sich zu traumatisieren.

Traumatisierung bedeutet Verletzung. Woher rührt die Verletzung der Seele bei Kinderwunschpatientinnen?
Eine Patientin, die erfolglose Behandlungen hinter sich hat, trotzdem immer wieder neue Versuche startet, setzt ihren Willen gegen die natürlichen Signale des Körpers. Das ist ein starker innerer Konflikt. Und dann noch die Entsagung: Man wünscht sich etwas, tut viel dafür, bekommt es aber nicht.

Trotzdem nehmen Paare mehrere Behandlungszyklen auf sich. Wie ist das zu erklären?
Kinderwunschbehandlungen haben Suchtpotenzial. Mit jeder befruchteten Eizelle, die in die Gebärmutter transplantiert wird, ist die Frau ganz nahe an einer Schwangerschaft, ein euphorisches Gefühl macht sich breit. "Es muss sich nur noch einnisten", sagen dann viele. Aber genau das ist ja das Hauptproblem. Schlägt der Versuch fehl, bleibt die Sehnsucht nach einem Baby. Und auch nach diesem intensiven Glücksmoment. Da will die Patientin wieder hin. Das hat drogenähnlichen Charakter.

Nimmt die Euphorie nicht mit jedem Fehlversuch ab?
Sicher nimmt eine realistische Einschätzung zu, die Skepsis wird oft größer, damit steigt aber auch der Erfolgsdruck und damit wiederum der Stress.

Stress, der nicht hilfreich ist, weil er das empfindliche Gleichgewicht aus Hormonen und Botenstoffen stört?
Deshalb bieten wir, wie viele andere Kliniken, eine auf die Behandlung zugeschnittene Entspannungsmethode an.

Wenn es nicht klappt mit dem Baby, liegen die Hauptgründe dafür in etwa der Hälfte der Fälle beim Mann. Männliche Zeugungsfähigkeit nimmt tendenziell ab, welche Erklärung gibt es dafür?
Sicherlich setzen Umweltbelastungen dem Körper zu: Weichmacher aus Kunststoffen, Schwermetalle, aber auch Hormone, die etwa aus der Pille ins Trinkwasser gelangen. Davon sind junge Männer zunehmend betroffen, und deren Spermaqualität sinkt offenkundig.

Das Durchschnittsalter von Erstgebärenden dagegen steigt, ist das ein Problem?
Es macht eine erfolgreiche Behandlung schwerer. Weibliche Eizellen werden nie neu gebildet, sie liegen lebenslang auf Lager und altern mit der Frau. Eine 44Jährige hat Eizellen, die 44 Jahre alt sind. Das geht massiv zulasten von deren Vitalität und genetischer Kompetenz. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft ist dann gering, das Risiko für Fehlgeburten und Chromosomenschäden beim Embryo größer.

Raten Sie einer 44-jährigen Patientin von einer Kinderwunschbehandlung ab?
Wenn sie noch nie geboren hat, ganz klar: Ja.