Künstliche Befruchtung
 
Präimplantationsdiagnostik - Alle Fakten pro und contra PID

Die genetische Untersuchung eines künstlich gezeugten Embryos ist in Deutschland nur innerhalb strenger Grenzen erlaubt. Erbkrankheiten und eine drohende Tot- oder Fehlgeburt können die Präimplantationsdiagnostik rechtfertigen. Wir erklären den Ablauf einer PID und diskutieren die ethischen Aspekte.

Neugeborenes mit Eltern
iStock, SanyaSM
Inhalt: 
Was ist eine Präimplantationsdiagnostik?Wie läuft die Untersuchung ab?Wie ist die Gesetzeslage in Deutschland?Welche Vorteile hat die Präimplantationsdiagnostik?Welche Argumente haben die PID-Gegner?Welche medizinischen Risiken sind mit einer PID verbunden?Gibt es Alternativen zur PID?Wo darf eine PID durchgeführt werden? Ist die PID in anderen Ländern erlaubt?

Was ist eine Präimplantationsdiagnostik?

Präimplantationsdiagnostik (PID) ist ein Sammelbegriff für genetische Untersuchungen an Zellen von Embryonen, die durch künstliche Befruchtung gezeugt wurden. Die Diagnostik findet in der Regel statt, um zu verhindern, dass ein kranker Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt wird. Die PID ermöglicht theoretisch auch die Selektion eines Embryos nach seinem Geschlecht oder anderen genetisch festgelegten Merkmalen. Die Eltern könnten mit ihrer Hilfe auch ein sogenanntes "Retterkind" suchen - ein Embryo, dessen Gewebe zu dem eines erkrankten Geschwisterkindes passt. Das ist beispielsweise in Großbritannien erlaubt. Die Gefahr des Missbrauchs und die Frage nach den ethischen Grenzen der Präimplantationsdiagnostik waren immer wieder Gegenstand emotionaler Debatten in Politik und Gesellschaft.

Wie läuft die Untersuchung ab?

Eine Präimplantationsdiagnostik ist nur bei Embryonen möglich, die durch eine In-vitro-Fertilisation (IVF) oder eine Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) künstlich gezeugt wurden. Ist eine PID geplant, müssen acht bis neun statt der laut Embryonenschutzgesetz erlaubten drei Embryonen pro Zyklus gezeugt werden, um genug Ausgangsmaterial für die Untersuchung zu haben.
Nachdem Eizelle und Spermium verschmolzen sind und die Embryonen etwa drei Tage im Reagenzglas in einem Brutschrank kultiviert wurden, liegt durch die mehrfache Teilung genug Zellmaterial für die Untersuchung vor. In der Regel entnimmt ein Embryologe mit einer extrem feinen Nadel ein bis zwei Zellen (Embryobiopsie). Dazu muss er die Eihaut (Zona pellucida,) durchbrechen, ohne die Zellen des Embryos zu schädigen. Zu diesem Zeitpunkt enthalten alle Zellen bereits das komplette Erbmaterial der Eltern. Sie werden je nach Fall auf das Geschlecht, bestimmte Chromosomenfehlverteilungen (wie bei der Trisomie 21) oder eine spezifische Erbkrankheit hin untersucht. Über 50 Gendefekte können so nachgewiesen werden. Unter anderem die Stoffwechselstörung Mukoviszidose, die Bluterkrankheit (Hämophilie) oder das Nervenleiden Chorea Huntington.
Liegt kein auffälliger Befund vor, wird der Embryo in die Gebärmutter übertragen und die Eltern bekommen mit großer Wahrscheinlichkeit ein gesundes Kind. Andernfalls wird der Embryo vernichtet.  
Bei Krankheiten, die geschlechtsgebunden vererbt werden, reicht es bei der Präimplantationsdiagnostik aus, aus den gezeugten Embryonen das Geschlecht auszusuchen, das die Erbinformationen nicht weitergeben kann. Die Bluterkrankheit kann beispielsweise nur auf den männlichen Nachwuchs übertragen werden. Trägt die Frau ein Mädchen aus, ist es in dieser Hinsicht mit Sicherheit gesund.

Wie ist die Gesetzeslage in Deutschland?

War eine PID vor 2011 in Deutschland generell verboten, sprach sich die Mehrheit des Deutschen Bundestages im Juli 2011 für eine Änderung des Embryonenschutzgesetzes aus. Im Rahmen einer künstlichen Befruchtung dürfen betroffene Paare, die um schwere Erbkrankheiten in ihrer Familie wissen, Embryonen auf Gendefekte untersuchen lassen, bevor diese in die Gebärmutter übertragen werden. Damit ist die Präimplantationsdiagnostik in Deutschland heute in einem sehr begrenzten Rahmen erlaubt. Bei Paaren, die eine schwere genetische Vorbelastung haben oder bei denen das Risiko einer Tot- oder Fehlgeburt sehr hoch ist, darf der Arzt im Vorfeld des Embryonentransfers Gentests durchführen.
Das Verfahren wird allerdings nicht standardmäßig angewandt. Die Voraussetzung für eine Durchführung ist, dass jeder Fall einzeln begutachtet und durch eine Ethikkommission entschieden werden muss. Derzeit gibt es in Deutschland fünf dieser Kommissionen. Darüber hinaus darf das Verfahren nur in lizensierten Zentren durchgeführt werden. Durch diese Hürden wird die Zahl der PIDs in Deutschland auch in Zukunft überschaubar bleiben. Der erste Bericht der Bundesregierung über die Erfahrungen mit der Präimplantationsdiagnostik verweist darauf, dass im ersten Jahr nach der Zulassung des ersten Zentrums im Februar 2014 nur 13 Anträge gestellt wurden. Neuere Zahlen liegen derzeit noch nicht vor. Alle zugelassenen Zentren melden ihre Daten regelmäßig an das Paul-Ehrlich-Institut. Die Einrichtung fungiert als Zentralstelle zur Dokumentation aller im Rahmen einer PID durchgeführten Maßnahmen.

Welche Vorteile hat die Präimplantationsdiagnostik?

Das Hauptargument für die Zulassung der PID sind die Folgen ihrer Unterlassung. Denn: Wird eine Erbkrankheit oder eine Cromosomenanomalie erst während der Schwangerschaft bei einer Pränatalen Untersuchung (PND) diagnostiziert, ist die Folge häufig eine Abtreibung. Ist es dann für die Frau nicht besser, dass sich der kranke Embryo gar nicht erst entwickeln kann? Und welche Rechte hat das Kind? Fragen, die im Vorfeld der Abstimmung im Bundestag, der Gesellschaft und den Kirchen sehr kontrovers diskutiert wurden.

Welche Argumente haben die PID-Gegner?

Die Gegner der Präimplantationsdiagnostik sehen schon im Embryo schützenswertes Leben, das nicht vom Menschen nach medizinischen Kriterien selektiert werden darf. Den Verweis darauf, dass vorgeburtliche Untersuchungen im Mutterleib (PND) und Spätabtreibungen erlaubt sind und die PID diese minimieren könne, lassen sie als Pro-Argument nicht gelten. Immerhin sehe man gerade an der Pränatalen Diagnostik, dass ein Verfahren, das zunächst als Ausnahme gedacht war, viele Frauen mittlerweile als Standardprogramm der Vorsorge nutzen. Die Kritiker verweisen auch auf das Ausland, wo sich die Präimplantationsdiagnostik auf immer mehr Krankheitsbilder und gar Behinderungen ausgeweitet habe. Die Gegner befürchten, dass behinderte Menschen stärker diskriminiert werden und sich die Eltern dem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt sehen, weil sie sich bewusst für ein behindertes Kind (z.B. mit Down-Syndrom) entschieden oder die vorhandenen diagnostischen Verfahren nicht genutzt haben.

Welche medizinischen Risiken sind mit einer PID verbunden?

Die Frau trägt außer den bekannten Risiken der angewandten Methode der Künstlichen Befruchtung kein zusätzliches Risiko.
Werden bei der Untersuchung die embryonalen Zellen verletzt, wird der betroffene Embryo nicht ausgewählt und stirbt. Im Rahmen einer PID können viele Krankheiten diagnostiziert werden aber längst nicht alle. Das Verfahren führt somit nicht zu 100 Prozent zu einem gesunden Kind. Lange ging man davon aus, dass die Entnahme von Zellen in diesem frühen Stadium der menschlichen Entwicklung keinen Schaden nach sich zieht. Neuere Studien weisen aber darauf hin, dass die betroffenen Embryonen zum Teil unter Entwicklungsverzögerungen leiden.

Gibt es Alternativen zur PID?

Paare, die wissen, dass sie Träger bestimmter Erbkrankheiten sind oder aus anderen Gründen befürchten, ihr Kind könne nicht gesund sein, können in Deutschland unterschiedliche Verfahren der pränatalen Diagnostik (PND) nutzen.
Für werdende Eltern, die auf natürlichem Weg schwanger geworden sind, ist die PND ohnehin die einzige Möglichkeit, Informationen über mögliche Krankheiten oder Fehlbildungen zu bekommen. Schließlich ist die Präimplantationsdiagnostik nur bei künstlich erzeugten Embryonen möglich.
Zur Pränataldiagnostik gehören neben der normalen Ultraschalluntersuchung, der Nackenfaltentransparenzmessung und Bluttests, die keinerlei Risiko für das Kind darstellen, auch Verfahren, die nicht unumstritten sind. Dazu gehören die Amniozentese (Fruchtwasseruntersuchung) oder die Chorionzotten-Biopsie.

Wo darf eine PID durchgeführt werden?

Eine PID darf laut dem 2011 geänderten Embryonenschutzgesetz nur in dafür zugelassen Zentren durchgeführt werden. Dadurch soll sichergestellt werden, dass das Verfahren nur Ärzte und Wissenschaftler durchführen, die auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis sind und über die notwendige diagnostische, medizinische und technische Ausstattung verfügen. Eine aktuelle Liste der deutschen PID-Zentren kann auf der Homepage des Bundesverbands Arbeitsgemeinschaft Präimplantationsdiagnostik in Deutschland im Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands e.V. (BRZ) heruntergeladen werden.

Ist die PID in anderen Ländern erlaubt?

In Luxemburg und Irland wird das Verfahren nicht durchgeführt, weil die gesetzlichen Rahmenbedingungen fehlen oder sich das Verbot bereits aus der Verfassung ergibt. In Italien ist die Präimplantationsdiagnostik nur erlaubt, um der Unfruchtbarkeit eines Paars Abhilfe zu schaffen. In anderen europäischen Nachbarländern ist die PID zwar erlaubt, unterliegt aber ähnlichen Einschränkungen wie in Deutschland. Die Diagnostik von schweren Erbkrankheiten steht an erster Stelle als Argument für eine PID. Ein Aneuploedie-Screening, also eine Untersuchung auf eine Chromosomenfehlverteilung ist in Österreich und Frankreich nicht gestattet. Die Auswahl immunkompatibler Embryonen, die später als Spender für erkrankte Geschwister („Retterkinder“) fungieren sollen, ist in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden verboten, während sie in Norwegen, Schweden und Frankreich erlaubt ist. 
So verschieden die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Europa sind, in der Frage der Geschlechterauswahl ist man sich relativ einig. Embryonen dürfen nur nach ihrem Geschlecht selektiert werden, wenn die Auswahl aufgrund einer geschlechtschromosomal vererbbaren Krankheit stattfindet. In den meisten US-Staaten und in Israel dürfen Embryonen bei einer PID auch nach ihrem Geschlecht selektiert werden. Das sogenannte „social sexing“ wird in den USA dabei in erster Linie genutzt, um das Geschlechterverhältnis innerhalb einer Familie auszubalancieren. Die Bevorzugung eines Geschlechts konnte nicht nachgewiesen werden.