Gedächtnis
 
In welchem Alter beginnt die Erinnerung?

Die ersten Schritte, das erste Mal Ostereiersuche, der erste Tag im Schwimmbad. Sie machen Fotos und drehen ein Video. Erinnerung für später. Aber wie ist das - ab wann bewahrt das Gedächtnis Ihres Kindes Ereignisse auf?

Baby macht erste Schritte
iStock, M_a_y_a

So sehr Sie sich auch bemühen - an die ersten drei Jahre seines Lebens wird sich Ihr Kind später nicht erinnern können. Zwar hat es in dieser Zeit so viel Neues erlebt und gelernt wie nie wieder in seinem Leben, aber sie werden später keine bewusste Erinnerung daran haben. Ihr Kind wird vergessen, dass es als Baby zu Weihnachten einen Teddybär geschenkt bekommen hat, oder dass es mit zweieinhalb den Karton mit den teuren Weihnachtskugeln hat fallen lassen.

Kindliches Vergessen

Sigmund Freud hat das Phänomen des "kindlichen Vergessens" als Erster beschrieben. Seitdem beschäftigen sich viele Wissenschaftler mit dem rätselhaften Gedächtnisschwund der ersten Lebensjahre. Auch wenn es bis heute keine eindeutige Erklärung dafür gibt, Freuds Deutung gilt inzwischen als widerlegt: Der Psychoanalytiker ging davon aus, dass das Hervorkramen der im Gehirn gespeicherten Ereignisse und Bilder der ersten sechs Lebensjahre scheitere, weil die Gedanken an diese Zeit mit sexuellen Tabus und Aggressionen belastet seien. "Dass dieser Ansatz falsch ist, geben inzwischen auch die Verfechter der Psychoanalyse zu", sagt Gedächtnisforscher Professor Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld.

Die Drei Faktoren für die Erinnerung

Wissenschaftler gehen heute davon aus, dass drei Faktoren zusammenkommen müssen, damit man sich später an bestimmte Ereignisse erinnern kann:

  1. Die Sprache
    Erst wenn wir unsere Muttersprache nahezu beherrschen, fängt das autobiographische Gedächtnis, in dem wir persönliche Erlebnisse aufbewahren, an zu funktionieren. Hans Markowitsch: "Erlebnisse, die wir als Kinder noch nicht mit Worten beschreiben konnten, sind für uns als Erwachsene nicht mehr abrufbar." Das heißt: Die zerbrochenen Christbaumkugeln sind zwar irgendwo im Hirn ihres Kindes abgespeichert, aber es wird ihm nicht gelingen die Erinnerung später hervorzukramen.
  2. Die Hirnreifung
    Das Gehirn eines Kleinkindes ist mit dem eines Erwachsenen nicht vergleichbar. Erst in der Pubertät hat sich das Netzwerk von Nervenzellen so weit ausgebildet, dass die Bedingungen zur Abspeicherung von Erinnerungen optimal sind. Bei Babys und Kleinkindern funktioniert das Gedächtnis noch auf sehr einfache Art, es entwickelt sich erst über die Jahre hinweg zu einem komplexen System. Ganz am Anfang erinnern sich Babys nur an Dinge, die fast reflexhaft ablaufen: zum Beispiel daran, dass sie an der Brust saugen müssen, um satt zu werden. Oder an den Geruch der Mutter. Später erinnern sie sich daran, wer Opa ist und dass die Herdplatte heiß sein kann. Erst ab einem Alter von etwa drei Jahren ist die Hirnentwicklung so weit, dass auch das autobiographische Gedächtnis, das persönliche Erlebnisse speichert, zu funktionieren beginnt.
  3. Die Ich-Entwicklung
    Im Alter von zwei bis drei Jahren entwickeln Kinder eine Vorstellung davon, wer sie sind, und dass sie ein eigenständiges Leben führen. In dieser Phase lernen sie, sich in den großen Zusammenhang der Welt einzuordnen und zu erkennen, was gestern, heute oder morgen ist. "Solange Kinder kein Verständnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft haben, können sie auch keine Erinnerungen abspeichern oder wieder hervorrufen", sagt Gedächtnisforscher Markowitsch.

Erzählungen führen zu Erinnerung

Weil Erinnern also erst funktioniert, wenn diese Faktoren zusammenkommen - und das ist etwa um den dritten Geburtstag der Fall-, misstrauen die meisten Wissenschaftler jenen Erinnerungsfetzen aus der Zeit davor. Dass es diese überhaupt gibt, erklärt sich Professor Markowitsch so: "Manchmal halten wir auch Nicht-Erlebtes für wahr. Oder wir meinen uns an etwas zu erinnern, das uns in Wahrheit von den Eltern oder anderen Verwandten erzählt wurde. Oder wir reimen uns unbewusst etwas zusammen." Sollte sich Ihr Kind also doch an den Teddy erinnern, so liegt es wahrscheinlich daran, dass Sie Ihm immer wieder Fotos von Weihnachten gezeigt haben und erzählt haben, wie sehr er sich über das Geschenk gefreut hat.

Woran wir uns erinnern

Niemand kann sagen, an was sich Kinder später erinnern werden. „Fest steht nur, dass unsere Erinnerungen an die Kindheit sehr davon abhängen, wie stark uns eine Situation oder ein Erlebnis berührt hat“, erklärt Markowitsch. „Ob wir freudig oder traurig, gerührt oder beschämt sind in solchen Momenten, spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass wir innerlich bewegt sind.“ Vielleicht erinnert sich ihr Kind später an die schönen Weihnachtslieder, die sie ihm vorgesungen haben und wie es dabei auf Ihrem Schoß saß und sich dabei glücklich und geborgen fühlte.

Besonders intensiv sind Erinnerungen, die an Gerüche und Geschmacksempfindungen gekoppelt sind. An den Geruch von Bratäpfeln zum Beispiel. „Das Geruchsgedächtnis ist ein sehr ursprüngliches Gedächtnis“, sagt Hans Markowitsch. „Es sicherte früher das Überleben.“ Die Fähigkeit, Gerüche mit bestimmten Erinnerungen zu verbinden, ist dem Menschen bis heute geblieben.

Kein Mensch kann sich an alles erinnern, was in seiner Kindheit passiert ist. Meistens bleiben nur einzelne Bilder im Gedächtnis. Aber: „Selbst wenn man sich nicht an konkrete Ereignisse erinnern kann, existiert in jedem Menschen doch ein Gefühl dafür, ob er sich als Kind geliebt, beschützt und geborgen gefühlt hat oder nicht“, sagt Hans Markowitsch.

Wozu wir Erinnerungen brauchen

Schöne Kindheitserinnerungen sind das Beste, was uns passieren kann. Wenn wir sie abrufen, steigern sie das Wohlbefinden - ähnlich wie ein Stück Schokolade oder schöne Musik. Endorphine werden ausgeschüttet, die wiederum unser Immunsystem stärken und unsere Leistungsfähigkeit erhöhen.
Die Erinnerung an unsere Vergangenheit macht außerdem einen großen Teil unserer Persönlichkeit aus. Das Abspeichern von guten und schlechten Erlebnissen, positiven und negativen Gefühlen macht uns einzigartig, erklärt Charakterzüge und Empfindlichkeiten.

Bereiten Sie Ihrem Kind schöne Erinnerungen

Leider ist das nicht so einfach. Sie können ihrem Kind zwar beibringen, mit Messer und Gabel zu essen und beim Niesen die Hand vors Gesicht zu halten. Aber sie können ihm nicht vorschreiben, woran sie sich später erinnern soll. Jeder Mensch hat seinen eigenen Erinnerungsschatz, und er selbst kann oft nicht sagen, warum er sich ausgerechnet an dieses oder jenes Ereignis erinnert.
Dennoch: Ein wenig können Eltern durchaus Einfluss nehmen auf die Kindheitserinnerungen ihres Kindes, sagt Hans Markowitsch. Seine Vorschläge:

1. Machen Sie Erinnerungen persönlich
Kinder lieben es, wenn man sich ganz auf sie konzentriert und Dinge mit ihnen unternimmt, die einen besonderen Zauber auf sie ausüben (und das sind häufig nicht die Dinge, die wir Erwachsenen toll finden). Die meisten Eltern haben ein Gefühl dafür, was ihre Kinder mögen: in den Zoo gehen, das Schwimmbad besuchen, auf Papas Schultern reiten - jedes Kind hat seine Vorlieben. Wenn Zeit und Geduld es zulassen, sollten Eltern so oft wie möglich auf diese Wünsche eingehen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder sich an das eine oder andere erinnern.

2. Sorgen Sie für Wiederholung
Wir Erwachsenen mögen das ständige Wiederholen von Spielen, Liedern und Witzen langweilig finden. Kinder sind da anderer Meinung. Dinge, die sie lieben, können sie bis zum Umfallen wiederholen. Geben Sie diesem Wunsch nach, auch wenn es ab und zu nervt. Vertraute, häufig wiederholte Erlebnisse werden leichter im Gehirn abgespeichert als einmalige Momentaufnahmen.

3. Sprechen Sie über Erlebtes
Es macht Spaß, sich abends noch einmal gemeinsam an die schönsten Ereignisse des Tages zu erinnern. Was kam gut an, was war doof? Das Ausnahme-Nutellabrot am Abend war klasse, der Streit im Kindergarten blöd. Was man sich bewusst macht und ausspricht, bleibt eher hängen. Und: Im Schlaf wird Erlebtes noch weiter verinnerlicht. Wer kurz vor dem Einschlafen noch einmal über den Tag nachdenkt, hat gute Chancen, dass sich einige Momente davon im Hirn verankern.

4. Sorgen Sie für Bewegung
Klingt banal, ist aber wirkungsvoll: Eine Wanderung oder eine Fahrradtour fördert die Ausschüttung von Glückshormonen. Die sorgen dafür, dass tolle Erlebnisse in noch schönerem Licht gesehen und dadurch besonders intensiv wahrgenommen werden. Mit dem Ergebnis, dass sie leichter im Gedächtnis haften bleiben.