Emotionsforschung
 
Gefühle in verschiedenen Kulturen

Gefühle sind keineswegs überall gleich, sondern werden von Kultur zu Kultur unterschiedlich bewertet. Wie entwickeln sich Emotionen in verschiedenen Kulturen? Eltern.de ist dieser Frage nachgegangen und hat sich mit dem Entwicklungspsychologen und Emotionsforscher Professor Dr. Manfred Holodynski unterhalten.

Emotionsforschung: Gefühle in verschiedenen Kulturen
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Eltern.de: Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen verhalten sich unterschiedlich. Sind diese Unterschiede auch schon bei Kleinkindern zu beobachten?
Manfred Holodynski:
Neugeborene unterscheiden sich in ihrem Verhalten nicht, egal aus welchem Kulturkreis sie stammen. Allerdings gibt es zwischen Neugeborenen einer Kultur bereits deutliche Temperamentsunterschiede wie z. B. die Intensität der emotionalen Reaktion oder der Grad der Irritierbarkeit. Erste kulturelle Unterschiede lassen sich etwa ab dem vierten Lebensmonat beobachten: Europäische Babys zeigen im Vergleich z. B. zu japanischen mehr Gefühle, sie lächeln öfter und sind insgesamt positiver gestimmt. Auf der anderen Seite reagieren sie aber auch mit deutlich mehr Unmut, zum Beispiel, wenn etwas nicht so klappt, wie sie das erwarten oder wünschen.

Eltern.de: Wie kommt es zu diesen Unterschieden im Verhalten?
Manfred Holodynski:
Japanische Mütter verhalten sich anders gegenüber ihren Kindern: Sie versuchen, ihre Kinder möglichst wenig Frustsituationen auszusetzen. Und sie bieten ihren Kinder weniger Stimulation an - Greifringe, Mobilees etc. sind nicht so beliebt wie bei uns. Europäische und amerikanische Mütter passen ihren Lebensrhythmus zwar auch ihrem Kind an, japanische Mütter machen das aber deutlich ausgeprägter. Ihre Kinder sind dadurch insgesamt ruhiger als europäische. Darüber hinaus wird bei uns der Säugling sehr viel mehr stimuliert und ungeduldig gewartet, bis das Kind endlich das erste Lächeln zeigt.

Eltern.de: Welches Verhalten wird dadurch erzielt?
Manfred Holodynski:
Wenn Kinder andauernd angeregt werden, kann das auch zu einer Überstimulation führen und das Kind reagiert möglicherweise mit Protest. Das nehmen wir im europäischen Kulturraum in Kauf und fangen mit Beruhigungsritualen erst dann an, wenn das Baby schreit. Die Japanerin würde gleich von Anfang an versuchen, diesem Zustand vorzubeugen. In unserem Sinne wachsen diese Kinder eher überbehütet auf. Alle Wünsche zu erfüllen, ist bei uns nur bei kleinen Babys angesagt. Sind die Kinder ein bisschen größer, wird verstärkt darauf geachtet, dass sie schnell selbständig werden, früh alleine essen lernen und sich selbst beschäftigen können.

Professor Dr. Manfred Holodynski
Professor Dr. Manfred Holodynski

Eltern.de: Zwischen welchen Kulturen finden sich die größten Unterschiede in der Entwicklung von Emotionen?
Manfred Holodynski:
Innerhalb Europas sind die Unterschiede nicht so offensichtlich. Die größten Unterschiede lassen sich zwischen europäischen und amerikanischen Kindern einerseits und japanischen, beziehungsweise chinesischen Kindern andererseits beobachten. Hier sind auch die meisten entwicklungspsychologischen Studien durchgeführt worden.

Eltern.de: Studien zeigen, dass japanische Kleinkinder weniger Trotzanfälle haben als amerikanische und europäische. Wie kommt das?
Manfred Holodynski:
Eltern in Japan geben schneller nach und erfüllen eher die Wünsche ihrer Kinder oder versuchen sie abzulenken – immer mit dem Ziel, Situationen zu vermeiden, in dem der kindliche Wille mit ihrem eigenen kollidiert. So kommt es natürlich weniger leicht zu Zwischenfällen, die sich aufschaukeln. In Europa oder auch Amerika ertönt in solchen Fällen meist eine scharfe elterliche Stimmung mit einem lauten „Nein!“. Und wie es in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus: Der kindliche Widerspruch ist vorprogrammiert, die Situation kann sich schnell hochschaukeln.

Eltern.de: Heißt das, wir sollten uns in dieser Hinsicht bei den Japanern einiges abschauen?
Manfred Holodynski:
Im Sinne der Gelassenheit gäbe es da in der Tat Einiges zu lernen. Im asiatischen Kulturraum gehen Erwachsene deutlich ruhiger und entspannter mit Kindern um und versuchen, kleinen Kindern nicht mit gereiztem, ärgerlichem Ton zu begegnen. Das kann viele Situationen deutlich entspannen.

Eltern.de: Verläuft dann die gesamte Trotzphase und auch die Pubertät bei japanischen Kindern gemäßigter?
Manfred Holodynski:
Ja, die Trotzphase wird in diesem Sinne auch nicht nachgeholt. In asiatischen Ländern werden die Kinder länger „in Watte gepackt“ und weniger mit Dingen konfrontiert als bei uns. Sie lernen von Früh an, sich an dem zu orientieren was andere möchten. Dadurch wollen sie eher das tun, was die Umwelt für schätzenswert hält. Um den Schulanfang herum werden Kinder dann massiv gefordert, die bestehenden Normen zu übernehmen. Gearbeitet wird hier nicht mit Druck oder der Androhung von Strafen, sondern eher mit dem Prinzip des Lächerlichmachens – „du bist ja noch wie ein Baby“ – und der Scham.

Eltern.de: Wenn man beispielsweise nach China schaut, fällt auf, dass hier viele Emotionen anders besetzt sind. Welche Gefühlsregungen sind dort verpönt?
Manfred Holodynski:
Massiv Ärger zu äußern, Stolz auf eigene Leistungen zu zeigen und sich insgesamt raumgreifend zu verhalten, ist überhaupt nicht angemessen. Hierzulande wird es gebilligt, Ärger zu zeigen, wenn dieser berechtigt ist. Ein anderes Beispiel: Bei uns freuen sich Eltern nicht sonderlich, wenn ihr Kind zurückhaltend und schüchtern ist, und auch unter ihresgleichen gelten schüchterne Kinder schnell als „uncool“. In asiatischen Ländern ist Schüchternheit aber eindeutig positiv besetzt.

Eltern.de: Wie verhalten sich chinesische Kinder, wenn sie sich ärgern?
Manfred Holodynski:
Für uns kaum vorstellbar, aber dem chinesischen Kind erscheinen viele Situationen nicht als „Ärgersituationen“ – zum Beispiel, wenn ihm etwas weggenommen wird. Einfach, weil es sie gar nicht als Situation zum Ärgern kennenlernt. Wie man sich nicht über schlechtes Wetter aufregt, so bleibt man auch gelassen, wenn man nicht das bekommt, was man gerade gerne hätte. Und wenn die Situation für chinesische Kinder doch mal zu hart ist, reagieren sie nicht mit energischem Ärger sondern eher mit Jammern.

Eltern.de: Andere Kulturen bringen eine andere Bewertung von Gefühlen mit sich. Was könnten europäische Eltern daraus als Tipp ableiten?
Manfred Holodynski:
Ruhig mal schauen, wie andere Kulturen die Erziehung und das Zusammenleben regeln! Dabei wird schnell klar, dass es nicht nur einen Weg gibt. Diese Unterschiede zeigen sich natürlich verstärkt im interkulturellen Vergleich – aber auch bei uns, das heißt in unserem Freundes- und Bekanntenkreis, gibt es viele unterschiedliche Ausprägungen, die Dinge zu sehen.

Wir danken für das Interview!

Zum Weiterlesen

Emotionen - Entwicklung und Regulation
von Manfred Holodynski
Taschenbuch: 234 Seiten
Springer Verlag
19,95 Euro