Gruppengefühl
 
Da sind ja noch mehr Kinder!

Kinderwagen schaffen Kontakt. Mütter sprechen mit Wildfremden, wenn die Kinder in etwa gleich alt sind. Dem Kind im Wagen dagegen ist in den ersten acht Monaten ziemlich wurscht, wem es da begegnet. Hauptsache, Mama oder Papa ist da!

Gruppengefühl: Da sind ja noch mehr Kinder!

Doch dann ist auf einmal über Nacht alles anders: Zwischen neun und vierzehn Monaten kommt der Tag, an dem Kinder anfangen, sich für den "Kollegen" im Kinder- oder Einkaufswagen nebenan zu interessieren. Jetzt beginnt ein spannendes Kapitel in der seelischen Entwicklung Ihres Kindes. Schauen Sie, wie jetzt die Grundlagen fürs Zusammenleben geschaffen werden.

Zwölf Monate: Da ist einer wie ich!

Laufen können macht sicher: Auge in Auge, auf gleicher Höhe, können Einjährige auf einmal miteinander umgehen. Der erste Kontakt läuft immer nach etwa dem gleichen Muster ab: dem Gegenüber zuerst in die Augen schauen, dann ein Lächeln, jetzt anfassen. Die Finger tasten nicht nur nach dem ausgestreckten Händchen, sondern auch ins Gesicht des anderen Kindes.
Nur jetzt, mit etwa einem Jahr, lassen es Kinder zu, wenn ein Gleichaltriges sich so herantastet. Schon ein paar Monate später wehren Kinder die Hand im Gesicht ab. Worte spielen beim Kennenlernen noch kaum eine Rolle. Freudiges Glucksen, Lachen und Quietschen reichen für die Verständigung.
Ganz wichtig: Einjährige brauchen eine vertraute Person im Hintergrund, damit der Kontakt nach draußen gut läuft. Allein mit Gleichaltrigen sind die Kinder jetzt noch überfordert. Und: Lange hält das Miteinander der Einjährigen noch nicht. Ein paar Minuten, mit viel Glück eine Viertelstunde, dann ist die Neugier erschöpft, und Mama oder Papa muss wieder her.

18 Monate: Mit dem spiele ich!

Mit etwa eineinhalb Jahren wagen Kinder den nächsten großen Schritt nach draußen: Sie fangen an, mit anderen Kindern zu spielen. Eine Riesenleistung, die jedoch nicht spektakulär aussieht, sondern zum Beispiel so: Das eine Kind beobachtet, wie das andere (auch etwa achtzehn Monate alte) Kind versucht, einen Teddy anzuziehen. Und kramt dann aus den Puppenklamotten eine Mütze hervor, die es seinem Mitspieler reicht.
Oder: Das Kind schnappt sich auch ein Spielzeugauto und lässt es neben dem Fahrzeug des anderen herbrummen. Zwei, die so miteinander spielen, können schon viel:

  • Eine Situation erfassen, den Plan hinter dem Spiel erkennen.
  • Sich selber eine Rolle zuweisen.
  • Mama und Papa als Anreger und Mitspieler (wenigstens kurz) vergessen.

Dieser Entwicklungsschritt macht Müttertreffs, Krabbel- und Spielgruppen viel entspannter. Jetzt können die Erwachsenen auch mal einen Satz zu Ende sprechen, denn das Spiel läuft gelegentlich ohne sie.

Mit knapp zwei Jahren: Dem nehm ich was weg!

Friedlich miteinander spielen ist ein langer Lernprozess, der nicht ohne Rückschläge abgeht. Im Wortsinn: Von einer Sekunde auf die andere hauen zwei eben noch ruhig spielende Kinder aufeinander ein. Eltern kann das den letzten Nerv rauben, Entwicklungspsychologen haben jedoch eine entlastende Erklärung, wenn knapp Zweijährige "unsozial" sind: Die Kleinen spielen gnadenlos ihre Macht über den anderen aus. Auf den frischen Sandkuchen patschen - was für ein Effekt, wenn der Bäcker schreit wie am Spieß! Einfach Klasse, wie die Puppenmutter weint, nimmt man ihr das Kind weg.
Diesen Moment der Überlegenheit kosten Kinder mit knapp zwei aus. Unbewegt oder – schlimmer - schadenfroh schauen sie auf ihr heulendes Gegenüber. Es fällt schwer, den Übeltäter nicht zu schimpfen.
Aber: Mit knapp zwei verstehen Kinder noch nicht, warum es "böse" ist, dem anderen den Sandkuchen zu zerstören. Sie können sich noch kaum in andere hineinversetzen und lieben einfach den Effekt. Besser als schimpfen - die Situation mit Ablenken entschärfen und eine Weile mitspielen.

Zweieinhalb Jahre: Helfen macht Spaß!

Bitte genau hinschauen, denn dieser Entwicklungsschritt läuft ganz leise - jetzt strahlen Kinder auf einmal, wenn sie den Frieden fördern, statt den Krieg zu schüren. Das kann so aussehen: Das eine Kind hält seinem Spielkameraden das Schaukelbrett fest, weil es weiß, wie kippelig das Ding ist. Oder es entwickelt Fürsorge - wenn es an den eigenen Ohren kalt ist, braucht auch der andere ein Stirnband. Und war die Pfütze zu tief für die Gummistiefel, lassen Kinder jetzt ihren Freund nicht einfach ins Nasse laufen, sondern warnen ihn.
Alle diese Beispiele beweisen eine große Leistung: Das Kind hat gelernt mitzufühlen, es kann sich in die Lage eines anderen (kleinen) Menschen hineinversetzen. Absolut stabiler Friede ist natürlich zu viel verlangt. Kinder zwischen zwei und drei müssen sich auch streiten, sich gegenseitig etwas wegnehmen, sich anbrüllen, ihre Kräfte messen. Oft müssen die Streithähne getrennt werden, damit sie sich nichts antun.
Manchmal aber gelingt jetzt die Versöhnung ohne elterliche Hilfe. Und noch ein großes Plus haben die Streitparteien zwischen zwei und drei: Sie sind überhaupt nicht nachtragend.

Drei: Große Kinder find’ ich gut!

Beste Lehrmeister: große Kinder
Beste Lehrmeister: große Kinder

Dieser Entwicklungsschritt macht die Kinder fit für den Kindergarten. Denn in der Gruppe müssen sie ja mit unterschiedlich alten Kindern zurechtkommen. Dreijährige bewundern, was die Großen alles können. Sie freuen sich drauf, von ihnen zu lernen. In der Sprachentwicklung sind die Kleinen jetzt so weit, dass sie mit den Fünf-jährigen einigermaßen mithalten können.
Mit drei gelingt es Kindern auch, vor Wut nicht mehr auszurasten, wenn große Kinder um so viel geschickter sind: Sie schauen staunend zu, wenn ein Fünfjähriger wie bestellt einen Baum malt; sie stehen als Publikum Spalier, wenn die Großen auf Rollern sausen.
Die Kleinen lernen von den Großen anders und viel lieber als von Erwachsenen. Ein Beispiel: Wie man mit einer Kinderschere umgeht, kapieren Dreijährige auch mit viel Training kaum, wenn Erwachsene vorschnipseln. Von größeren Kindern schauen sich kleine die Schneide-Technik sofort ab. Viele Dreijährige lassen sich von größeren Kindern viel gefallen. Bei ihnen halten sie still, wenn die Haare gefönt werden. Sie putzen sich die Zähne so lang, bis die Großen den Mund ausspülen. Und auch mal einen harschen Befehlston halten Dreijährige von größeren Kindern aus. "Ruhe jetzt", schrie Konrad, 6, seinen dreijährigen Bruder an, der nicht einschlafen wollte. Der Kleine hielt tatsächlich den Mund!