Geschlechterrollen
 
Von Anfang an ein Mädchen

Verhalten sich Baby-Eltern anders, wenn sie ein Mädchen haben? Wann ist eine Mutter ein gutes Vorbild für ihre Tochter? Und warum haben Mädchen eigentlich so eine besondere Beziehung zu ihren Vätern? Wir haben uns mit der Diplom-Psychologin Elisabeth Raffauf unterhalten.

Geschlechterrollen: Von Anfang an ein Mädchen

Es wird viel geredet und diskutiert über die Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert. Oft wird dabei problematisiert. Bücher für Jungs-Eltern und Mädchen-Eltern gibt es etliche, uns hat eins besonders gut gefallen: "Das Mädchen-Buch" von Elisabeth Raffauf. Die Autorin ist der Meinung: "Mädchen haben es nicht leichter oder schwerer als Jungen, nur ihre Situation ist teilweise eine andere". Ihr Buch bietet Anregungen und zeigt neue Blickwinkel.

Expertin und Autorin: Elisabeth Raffauf

Geschlechterrollen: Von Anfang an ein Mädchen

Elisabeth Raffauf ist Diplom-Psychologin und arbeitet als Autorin und Expertin für den WDR und den Kinderkanal KiKa. Außerdem leitet sie in einer Erziehungsberatungsstelle Gruppen für Eltern junger Mädchen und pubertierender Jugendlicher. Sie ist selbst Mutter einer Tochter und eines Sohnes.

Ist ein Baby erstmal ein Baby - oder ist es gleich von Anfang an ein Junge, bzw. ein Mädchen?

Auf jeden Fall ist ein Baby von Anfang an schon ein Junge oder ein Mädchen, u.a. weil wir schon vor der Geburt anfangen uns Gedanken zu machen und unterschiedliche Projektionen auf Mädchen und Jungen richten. Das läuft ganz automatisch. Wenn Kinder auf der Welt sind, hören sie von Anfang an andere Dinge. So machen Eltern ihren Jungen beispielsweise eher auf einen großen Bagger aufmerksam, Mädchen eher auf ein schönes Kleid.

Inwiefern verhalten sich Baby-Eltern bei einem Sohn oder einer Tochter unterschiedlich?

Zu diesem Thema wurden schon viele Studien gemacht - mit interessanten Ergebnissen: Mütter lassen kleine Jungs weiter von sich wegkrabbeln als Mädchen. Eltern können sich selber testen, indem sie sich fragen, was sie eher zu einem Mädchen, was eher zu einem Jungen sagen: Im Buch ist ein kleiner Test: "Welche Sätze sagen Eltern zu welchem Kind?" Sage ich zu einem Mädchen oder zu einem Jungen eher "Tob dich mal so richtig aus", oder "Möchtest du in den Tanzunterricht?

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Mädchen-Eltern den Ball nicht so weit wegrollen, wie Jungen-Eltern. Wollen sie etwa Jungen von vorne herein zu mehr Unternehmensgeist erziehen oder Mädchen näher an sich binden?

Studien belegen: Mädchen werden eher beschützend erzogen und Jungs mehr nach dem Motto: "Geh in die Welt". Das könnte dahinter stecken. Es ist so, dass Mütter und Väter das Gefühl haben, dass Mädchen mehr Schutz brauchen als Jungen. Und sie verhalten sich entsprechend. Ein Vater erzählte mir: "Wenn ein Junge hinfällt, gehe ich hin und sage: Steh auf, ist doch nicht so schlimm.’ Ein Mädchen würde ich eher fragen: Hast du dir weh getan?’"

Sollten wir Mädchen und Jungen unterschiedlich behandeln?

Ich würde es mal so sagen: Gleichbehandeln geht nicht. Das hat nicht nur mit dem Geschlecht zu tun, sondern in erster Linie damit, was mein Kind für ein Typ ist. Jedes Kind benötigt etwas anderes. Natürlich gibt es Kernsachen, die braucht jedes Kind: Liebe, Schutz usw. Grundsätzlich ist es wichtig zu schauen: Was braucht mein Kind? Ich würde das gar nicht so geschlechtsspezifisch sehen wollen. Ich würde aber auf jeden Fall sagen, dass mein Kind einem Geschlecht zugehören „dürfen muss“. Das gibt dem Kind auch Sicherheit. Versuche Kinder geschlechtsneutral zu erziehen zeigen, dass diese Kinder sehr verunsichert wurden.

Woher kommt die spezielle Verbindung zwischen Vätern und ihren kleinen Töchtern?

Der Vater ist das erste männliche Vorbild für die Mädchen. Sie bekommen mit (wenn es gut läuft), dass er sich um sie kümmert, warmherzig ist und sich liebevoll um die Mutter sorgt. Der Vater ist das erste männliche Modell, an dem sich die Mädchen ausprobieren: Wie ist das denn, wenn ich ihm etwas Witziges erzähle? Da lacht er! Das mache ich nochmal. Der Vater ist jemand, an dem das kleine Mädchen Probe handeln kann. "Wie wirke ich?" "Wie ist es, wenn er mir Komplimente macht?" Die Mädchen sehen auch, wie der Mann mit ihrer Mutter umgeht und wie Männer überhaupt mit Frauen umgehen.

Frauen suchen sich oft Männer aus, die die Eigenschaften ihres Vaters besitzen oder genau das Gegenteil aus. Ist das auf das Modellverhalten zurückzuführen?

Zumindest gibt es einen Bezug, eine Verbindung. Es gibt auch Frauen, die sich für genau das Gegenteil entscheiden, und das sind dann manchmal sogar die gleichen Eigenschaften, nur mit einem anderen Vorzeichen. Das Verhältnis, das wir zum Vater haben, hat auf jeden einen Einfluss auf die Partnerwahl.

Schon mit zwei oder drei Jahren finden Mädchen Nagellack faszinierend und wünschen sich Ohrlöcher. Ist das okay, weil es zur Rollenfindung gehört?

Das ist okay. Kleine Mädchen gucken, was Ältere machen und möchten das auch. Deshalb muss ich als Eltern das nicht erlauben, aber der Wunsch ist erlaubt. Auf Kleidung und die Farbe rosa bezogen: Eltern kaufen in dem Alter die Kleidung ein und bestimmen somit, was getragen wird. Wenn Eltern gezielt nicht nach Rosa suchen, finde ich das absolut okay. Wenn das kleine Mädchen dann trotzdem die kitschige Kutsche von der Freundin ganz toll findet, kann man das nicht verhindern - aber es ist auch nicht so schlimm. Eltern müssen das nicht fördern, aber sie müssen auch keine Angst haben. Ich kann als Mutter oder Vater ja trotzdem sagen, mir gefällt das nicht so gut, aber ich muss es ja nicht schlecht reden.

Wie kann ich als Mutter ein gutes Vorbild für meine Tochter sein?

Ich sage es mal so: Es wäre schön, wenn ich mich selbst gut leiden kann. Und zwar nicht nur als Mutter, sondern als Frau. Wenn ich nicht selber ständig an mir rummäkeln muss. Wenn ich mich blöd finde, dann bekommt die Tochter das mit. Das saugt sie auf. Wie steht meine Mutter in der Welt? Was hat sie für ein Selbstbewusstsein? Die Mutter ist natürlich das erste Modell von Frau, das die Tochter mitbekommt. Wenn ich ein gutes Selbstwertgefühl habe, kann ich das auch meiner Tochter vermitteln.

Was sollte ich vermeiden?

Grundsätzlich spielt in der Erziehung immer eine Rolle, was die Eltern vorleben. Schon Zweijährige bekommen kleine Laptops und spielen damit im Restaurant. Wenn ich aber möchte, dass ich mit meinem Kind im Kontakt bin, wenn wir im Restaurant sind, dann ist es gut, wenn ich das so nicht vormache. Oder dass ich nicht selber telefoniere, wenn wir gemeinsam die Straße entlang gehen.

Viele Eltern wünschen sich ein Mädchen, das robust ist, gerne auch mal ein bisschen wild. Was, wenn die Dreijährige nur Rosa trägt, niemals die Hose vom großen Bruder anzieht und sich für Lego, Bagger und Bausteine überhaupt nicht interessiert?

Kleine Kinder wollen einerseits kooperieren, andererseits gucken sie, „was geht“. Ich kann sagen – und das ist völlig okay: "Die rosa Hose kaufe ich dir jetzt nicht". Und vielleicht stoße ich dabei bei den Mädchen auf Widerstand: Das kann auch ein Zeichen dafür sein, dass das Mädchen gerade ausprobiert, was ihr eigener Willen ist und sich fragt, ob sie was anderes machen kann, als ihr vorgegeben wird. Das wäre auch normal.

Was geht in den Köpfen kleiner Mädchen in der Trotzphase vor? Unterscheidet sich die Trotzphase von Mädchen von der Trotzphase der Jungen?

Schon kleine Jungs sind motorisch aktiver und auch beweglicher. Sie hauen um sich, treten. Das erzählen auch schon Mütter, wenn die kleinen Kerle noch im Mutterleib sind. Und Eltern werden auch in der Trotzphase Unterschiede feststellen. Mädchen sind anders trotzig, schon in dem Alter. Von Müttern von Mädchen hört man, die Mädchen beißen oder ziehen an den Haaren. Jungs trommeln auf den Tisch, hauen und schlagen.

Wenn man Berichte aus dem Schulalltag liest, wird häufig das Bild von angepassten, braven Mädchen und von wilden, frechen Jungs vermittelt. Wie kommt das?

Mädchen lernen schon früh, angepasster zu sein. Mädchen werden früher angehalten sich systemkonform zu verhalten. Die Mädchen sehen in ihren Müttern und Lehrerinnen Vorbilder, die sich anpassen. Die Mädchen im Grundschulalter, die sich nicht trauen, vor den Lehrern den Mund auf zu machen, werden dafür belohnt. Wenn sie das machen, bekommen sie dafür was: "Das hast du gut gemacht". Das Verhalten wird von uns gezielt gefördert und natürlich ist es auch einfacher mit pflegeleichteren Mädchen umzugehen, aber es ist sicher auch bei uns ein Rollenverständnis, vielleicht auch eher unbewusst, dass Mädchen so zu sein haben. Bei Jungen wird das Wild sein gefördert. In der Gesellschaft sind wilde Jungs anerkannt. Ein wilder Junge ist eher ein Ideal, als ein schüchterner Junge.

Was ist bei der Erziehung, insbesondere von Mädchen, wichtig?

Das Wichtigste ist , sie anzunehmen wie sie ist und sie nicht anders haben zu wollen. „Du bist gut so wie du bist. So lieben wir dich.“ ist die Nachricht. Zu schauen: Was braucht dieses Kind, dieses Mädchen? Ihr Dinge altersgemäß zuzutrauen und sie zu ermutigen, ihrem Gefühl zu vertrauen und ihre Meinung zu äußern.

Buchtipp: Das MädchenBuch

Geschlechterrollen: Von Anfang an ein Mädchen
Elisabeth Raffauf
Das MädchenBuch
Die neuen Mädchen - was sie für ihren Weg ins Leben brauchen. Ein Elternratgeber
EUR 17,95
ISBN 978-3-407-85965-5
280 Seiten
Gebunden

Für weitere Infos: www.beltz.de