Kinderentwicklung
 
Das kannst Du schon allein!

Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder möglichst früh selbstständig werden. Wie man Selbstständigkeit bei Kindern fördert, ohne sie dabei zu überfordern und in welchem Alter Kinder bestimmte Aufgaben meistern können, lesen Sie hier.

Den goldenen Mittelweg finden

Kinderentwicklung: Das kannst Du schon allein!

"Mit der Selbstständigkeit bei Kindern ist es wie mit allen Dingen in der Erziehung: fördern, aber die Kinder nicht überfordern", sagt Dr. Dieter Spanhel, emeritierter Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Erlangen- Nürnberg. Und spricht damit die wohl größte Schwierigkeit für Eltern an: den goldenen Mittelweg zu finden.

Handlungsrahmen setzen und einhalten

Deshalb hat Spanhel die Idee der Rahmen entwickelt: "Eltern sollten für jede Situation einen Rahmen vorgeben. Er bietet Kindern einen Spielraum und kennzeichnet zugleich die Grenzen ihres Tuns. Diese können räumlicher, gedanklicher oder zeitlicher Natur sein." Ein Beispiel: Ihr Kind spielt allein vor dem Haus. Der Rahmen kann in diesem Fall so aussehen: Das Kind darf nur bis zur nächsten Straßenecke laufen, es muss auf dem Gehsteig bleiben, wenn ein Auto kommt. Und um 17 Uhr soll es spätestens nach Hause kommen. Natürlich müssen nicht immer alle drei Punkte abgesteckt sein, am Spielplatz kann zum Beispiel nur ein Rahmen gelten: "Auf den ganz großen Kletterturm darfst du noch nicht, sonst kannst du alles spielen."

"Wichtig dabei: Der Rahmen muss eingehalten werden", so Dr. Spanhel. "Tut das Kind dies nicht, muss es eine Konsequenz spüren, denn: Nur so kann ein Kind lernen, sein Verhalten zu kontrollieren." Innerhalb des Rahmens dagegen gibt es den Freiraum, den das Kind selbst ausfüllen kann. Und der wird natürlich umso größer, je älter das Kind wird. Das sind die wichtigsten Entwicklungsschritte, denen Eltern ihr Handeln anpassen sollten:

Bis zum 3. Lebensjahr: Hilf mir, es selbst zu tun

"Der Grundstein für Selbstständigkeit wird bis zum Ende des dritten Lebensjahres gelegt", so die Münchner Entwicklungspsychologin und Psychotherapeutin Doris Heueck- Mauß, die in ihrem Ratgeber "Das Trotzkopfalter" die kindlichen Entwicklungsphasen beschreibt: "Gerade in der Ich- Phase um das zweite Lebensjahr herum kann man Kinder und ihre Selbstständigkeit fördern: indem man sie so viel wie möglich selbst machen lässt. Denn nur durch Versuch und Irrtum lernen Kinder Neues."

Das beste Motto für diese Phase stammt von Maria Montessori: "Hilf mir, es selbst zu tun." Aber auch die Anlagen für Moral und Mitgefühl werden jetzt gelegt. Dass der eigene Körper nur einem selbst gehört, kann man Kindern zwischen zwei und drei Jahren immer wieder deutlich machen: Eltern sollten die Geschlechtsteile nicht verniedlichen, sondern benennen und den Kindern sagen, dass nur sie selbst sie anfassen dürfen. Oder wenn ihnen Mama, Papa oder eine andere Vertrauensperson beim Saubermachen helfen sollen. Nur so lernen Kinder, Grenzen zu setzen. Zu Fremden "Nein" zu sagen, lernen Kinder sogar noch früher: in der sogenannten Fremdelphase um den ersten Geburtstag herum. Ganz wichtig in dieser Zeit: Kinder dürfen Abstand zu ihnen unbekannten Menschen halten. Das gilt auch später: am besten immer dafür sorgen, dass die nette Verkäuferin die Wurstscheibe der Mama gibt, nicht direkt dem Kind. Auch Geld soll es nicht selbst annehmen dürfen. Kinder, die das nicht anders kennen, lassen sich von Fremden nicht so rasch zu Verbotenem verleiten.

4. bis 7. Lebensjahr: Das magische Denken

Im Märchen lernen Kinder, wie man sich gegen das Böse zur Wehr setzen kann: Charaktereigenschaften wie Mut und Hilfsbereitschaft führen den Guten, den Helden der Geschichte, aus einer misslichen Lage wieder zurück ins Glück. Logisch denken können Kinder erst im Alter von etwa sechs bis acht Jahren. Bis dahin sind sie sehr gutgläubig. Deshalb sollte man ihnen zusätzlich immer wieder die gleichen Dinge sagen: nichts von Fremden annehmen, bei niemandem ins Auto einsteigen.

Gefahrenbewusstsein können Kinder zwar ab etwa vier Jahre entwickeln, aber bis zum sechsten Lebensjahr bleibt es ein sogenanntes akutes Bewusstsein: Das Kind merkt erst auf dem Baum, dass es auch herunterfallen könnte, oder es wird ihm klar, dass die Herdplatte unangenehm heiß ist, wenn es sie gerade anfasst. Erst mit circa acht Jahren entsteht das vorausschauende Gefahrenbewusstsein. Schon bei Vierjährigen entwickeln sich die sozialen Fähigkeiten rasant, vor allem in der Gruppe: Das Kind lernt, abzuwarten oder auch mal sich und seine Spielsachen zu verteidigen. Der Kindergartenbeginn ist also der ideale Zeitpunkt, um erste kleine Freundschaften zu knüpfen und auch mal für ein paar Stunden ohne Mama bei einem anderen Kind zu bleiben. Wer seinem Kind bislang wenig zugetraut und alles abgenommen hat, wird erfahren, dass es in der Gruppe schnell aufgibt, wenn ihm etwas nicht gelingt.

In jedem Alter: Den eigenen Lebensraum erfahren dürfen

Abseits von allen Entwicklungsphasen ist eines besonders wichtig: dass unsere Kinder am Beispiel von uns Eltern lernen können. Auf dem Land müssen Eltern ihrem Kind andere Dinge beibringen als in der Stadt. Während Landkinder gewisse Strecken auch mal zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegen müssen, sind U-Bahn und Bus bei der Stadtfamilie ein ebenso wichtiger Erfahrungsbereich. Und so landet man wieder bei den Rahmen: Jede Familie wird ihren Kindern andere Rahmen geben und auch geben müssen.