Therapie
 
Wann brauchen Kinder wirklich eine Therapie?

Beinahe jedes zweite Schulkind hat schon eine Therapie gemacht. Muss wirklich alles behandelt werden, was auffällig ist? Anhand von sechs Beispielen erklären Experten, was therapiert werden sollte und was "normal" ist.

Therapien Kinder
iStock, SerrNovik

Viele Kinder im Kindergartenalter sind in Therapie

Mehr als jedes vierte Kind war in Deutschland schon in einer Sprachtherapie, fast jedes fünfte bekam Ergotherapie, ebenso viele haben Krankengymnastik kennengelernt, jedes zehnte war laut einer Forsa-Umfrage bereits in psychotherapeutischer Behandlung. Vor allem im späten Kindergartenalter wird auffallend vielen Kindern eine Therapie verordnet.

Unnötige Therapien können Kindern mehr schaden als helfen

Inzwischen warnen manche Experten davor, bei jeder Abweichung nach einer Therapie zu suchen. Unnötige Therapien können einem Kind mehr schaden als helfen. Was löst es in einem Kind aus, wenn seine Eigenheiten als behandlungsbedürftig betrachtet werden? Wie lässt sich unterscheiden, ob es eine Therapie braucht oder einfach etwas mehr Zeit, Verständnis oder Konsequenz?

Jonas spielt nicht allein

Der dreijährige Jonas beschäftigt sich selten länger als fünf Minuten allein. Am liebsten ist es ihm, wenn Mutter oder Vater mit ihm spielen. In einer Spielgruppe schaut er mehr zu, als mitzumachen. Den Eltern ist jetzt schon bange vor dem Kindergarten-Eintritt.

Katrin Sanne, Spieltherapeutin, Logopädin und integrative Kindertherapeutin, Schönberg:

In Jonas' Alter ist es nichts Ungewöhnliches, wenn ein Kind einen "Spielpartner" benötigt, um sich für eine längere Zeit mit einer Spielsache zu beschäftigen. Dreijährige lieben zum Beispiel Rollenspiele wie Kochen mit der Kinderküche, Einkaufen, Puppen-Füttern mit Mama oder Papa, dadurch bekommen sie die volle Zuwendung und Aufmerksamkeit. Es genügt also nicht, ein dreijähriges Kind mit attraktiven Spielsachen zu versorgen. Nur durch dieses gemeinsame Spielen kann das Kind eigene Ideen und Freude an seiner Fantasie entwickeln. Jonas wird dann auch so viel Selbstvertrauen aufbauen, dass er sich in der Spielgruppe aktiv beteiligt.


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Lukas verkrampft sich beim Malen

Den Stift hält Lukas, 5, immer noch eher mit der Faust statt mit drei Fingern. Ihn scheint diese Haltung sehr anzustrengen, denn allzu große Ausdauer hat er beim Malen nicht. Die Erzieherinnen drängen die Eltern, Lukas in die Ergotherapie zu schicken, damit er bis zur Einschulung den Stift richtig halten kann. Zumal er sich auch mit der Schere schwertut. Lukas verliert beim Malen und Basteln schnell die Lust und tobt lieber mit den anderen Kindern.

Dr. med. Martin Lang, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Vorsitzender des Landesverbandes Kinder- und Jugendärzte in Bayern:

So einfach kann man nicht erkennen, ob Lukas eine Ergotherapie braucht. Zunächst müsste ich nachforschen, wie intensiv der Junge in seinen fünf Lebensjahren gefördert worden ist. Haben sich Eltern oder Großeltern genügend mit ihm beschäftigt? Sind im Kindergarten Malprogramme umgesetzt worden? Gerade Jungen bauen gern tolle Legohäuser, nehmen aber freiwillig keinen Stift in die Hand. Wenn die Erzieherinnen solche Kinder nicht ein bisschen dirigieren, kann wertvolle Zeit verloren gehen. In den meisten Fällen braucht ein Kind keine Therapie, sondern jemanden, der sich mit ihm hinsetzt nach dem Motto: "Wir schauen mal, ob wir ein Auto malen können." Kinder, die so gefördert und im Alltagsleben gefordert werden, zum Beispiel auch, indem sie beim Tischdecken oder beim Wäsche-Zusammenlegen mithelfen, bewegen sich sicherer und haben dann auch mehr Fingerfertigkeiten. Da bei einem Fünfjährigen die Schuleingangsuntersuchung bald ansteht, würde ich Lukas die Ergotherapie zähneknirschend genehmigen. Warum zähneknirschend? Weil die Ergotherapie nur einen Sinn hat, wenn die Familie ihr Leben zu Hause so einrichtet, dass Lukas täglich seine Übungen machen kann. Wir Ärzte sehen mit großer Sorge, dass Eltern, Erzieher und Lehrer unter Ergotherapie oft so etwas wie Nachhilfestunden verstehen. Niemand erwartet, dass ein Kind ohne tägliches Üben Klavierspielen lernt. Auch das, was ein Kind in der Ergotherapie lernt, muss viele Male wiederholt werden, damit es "sitzt".


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Felix trödelt bei den Hausaufgaben

Zweitklässler Felix braucht Stunden für seine Hausaufgaben. Nur wenn sich seine Mutter dazusetzt und ihm gut zuredet, kommt er einigermaßen voran. Dabei ist er normal begabt. Sobald sie weggeht, träumt er nur vor sich hin. Die Mutter ist schon ganz verzweifelt.

Gabriele Griehl, Diplom-Heilpädagogin (FH) und Lerntherapeutin, Gauting:

Hier muss etwas passieren. Ich würde prüfen, ob das Kind überfordert ist. Vielleicht hat es Wahrnehmungs- oder Konzentrationsprobleme oder eine noch unerkannte Teilleistungsschwäche. Es kann auch sein, dass sich das Verhalten so eingeschliffen hat, weil die Mutter ihr Kind gern unterstützt. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, aber ein Kind, dem die Eltern oft helfen, wird immer unselbstständiger. Aus so einem Kreislauf kommen Mutter und Kind kaum allein wieder raus. Im Grunde geht es hier um ein Eltern- Coaching. Ich würde die Mutter bitten, an einem Nachmittag einmal die Videokamera mitlaufen zu lassen. Anhand eines solchen Films wird den meisten Eltern schon einiges klar. Ich würde dann einen Plan vorschlagen, nach dem Felix Schritt für Schritt lernt, die Hausaufgaben ohne den Beistand der Mutter zu machen.


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Ann-Marie lispelt

Die vierjährige Ann-Marie hatte bis vor Kurzem für die Nacht einen Schnuller. Eigentlich klingt das Lispeln ja ganz süß, finden ihre Eltern, und seit es die lispelnde Fernseh-Moderatorin Katja Burkhard gibt, fragen sich sowieso viele, ob man so einen Sprachfehler unbedingt wegtherapieren sollte.

Dr. Iris Eicher, Expertin für Stimmtherapie und Sprachtherapie in der Akademischen Lehrpraxis der Universität München:

Langes Schnullern und Lispeln – das ist ganz typisch. Schnullern verhindert, dass Kinder das "infantile Schluckmuster", das sich normalerweise bis zum dritten Lebensjahr verliert, ablegen. Auch Kinder, die am Daumen oder an Bettzipfeln gelutscht oder lange eine Trinkflasche bekommen haben, bleiben bei diesem Schluckmuster. Die Zunge schiebt sich beim Schlucken und bei Zischlauten wie "s", "sch" und "z" gegen die Frontzähne, statt gegen den Zahndamm, dem Wulst hinter den oberen Schneidezähnen, zu drücken. Lispeln ist ein Durchgangsstadium beim Sprechenlernen und verliert sich normalerweise mit der Zeit. Eine Dreijährige muss noch nicht behandelt werden. Vorausgesetzt, das Gehör ist in Ordnung und das Kind lutscht nicht an Daumen, Schnuller, Flaschensauger usw. Ich rate dazu, mit Ann-Marie in eine Sprachtherapie zu gehen. Da die Sache mit dem Schnuller jetzt erledigt und damit die ungünstige Lutschgewohnheit abgelegt worden ist, kann man das korrekte Sprechen üben, bevor sich Ann- Marie zu sehr an das Lispeln gewöhnt.


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Leon stolpert oft

Im Sommer kommt Leon, 6, in die Schule. Er kann schon ein paar Wörter schreiben und rechnet im Zehner-Bereich. Aber wenn man Leon laufen sieht, wirkt er kraftlos, total gelangweilt oder genervt. Er schlurft, hebt seine Füße kaum vom Boden ab. Deshalb stolpert er häufig. Wenn die Eltern oder Erzieherinnen ihn ermahnen, geht er wie ein Storch. Mit anderen Kindern herumzutoben, ist nicht sein Ding.

Vera Hugenpoth, staatl. geprüfte Motopädin, Fröndenberg:

Wenn ein Kind sich über längere Zeit so energielos bewegt, kann man nicht einfach abwarten. Möglicherweise kann Leon eine Mototherapie helfen - eine psychomotorische Therapieform, die bei ängstlichen, unsicheren und ungeschickten Kindern Selbstvertrauen aufbaut. Welche Art von Therapie er braucht, lässt sich durch bewährte Testverfahren feststellen. Wichtige Fragen sind: Wie lange geht das schon? Gibt es weitere Auffälligkeiten? Gab es in letzter Zeit ein akutes Problem in der Familie oder im Kindergarten? Wir Motopäden sehen mit Sorge, dass Eltern heute oft alles tun, damit ihr Kind ein guter Schüler wird. Aber sie lassen zu wenige Freiräume, trauen Kindern zu wenig zu, binden sie zu sehr an sich und halten sie damit körperlich klein. Wir müssen den Eltern immer wieder erklären, wie wichtig zum Beispiel Balgen, Toben, Hüpfen, Sand-Spielen, Fingerfarben-Malen sind, damit Kinder sich in ihrem Körper zu Hause fühlen.


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Hannah hat panische Angst vor Unwetter

Sturm, Blitz und Donner lösen bei Hannah, 5, große Furcht aus. Das hat etwa mit drei Jahren angefangen und sich immer mehr gesteigert. Mittlerweile wird sie schon nervös, wenn es draußen sehr windig ist. Bei einem richtigen Gewitter weint sie, verkriecht sich unter den Tisch und ist nicht zu beruhigen. Die Erzieherinnen sagen, das sei „nicht mehr normal“.

Dr. Dietmar Mühlbacher, Psychotherapeut (Kognitive Verhaltenstherapie), Wien:

Vielleicht haben die Eltern Hannahs Angst dadurch verstärkt, dass sie sie getröstet und beschützt haben. So lernt ein Kind nicht, mit solchen Ängsten umzugehen. Wenn Kinder Angst haben (etwa auch vor Ärzten oder vor Hunden), ist es wichtig, dass die Eltern souverän bleiben, dem Kind in altersgerechter Weise erklären, worum es geht, und außerdem für Entspannung sorgen. So könnten die Eltern beim nächsten Gewitter Hannah mit einem neuen Buch, Puzzle oder Spiel überraschen und sich intensiv mit ihrem Kind beschäftigen. Etwas Geduld müssen Mutter und Vater aufbringen - eine Angst, die sich über lange Zeit aufgebaut hat, verschwindet nur langsam.


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