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Mein großes, kleines Kind

Erst forsch, dann wieder anhänglich: Wie viel Hilfe brauchen die Eineinhalb- bis Zweijährigen noch von uns? Was können sie schon allein schaffen?

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Klettern, schaukeln, wippen wie gefährlich ist der Spielplatz?

Zweijährige: Mein großes kleines Kind
Thinkstock - rayes
Zweijährige: Mein großes kleines Kind

Aus Kindersicht:
Stella, 19 Monate, hat ein neues Hobby: den eigenen Körper. Was kann man mit diesem Wunderding nicht alles vollbringen! Endlich sind ihre Arme lang genug, um sich die Leiter zur Kleinkinderrutsche hochzuziehen. Ob ihr wieder so schön schwindelig wird, wenn sie mit dem Kopf nach unten hängt? Und was passiert eigentlich, wenn man auf der Wippe bis zur Mitte hochklettert?
Aus Elternsicht:
Stellas Vater ist hin- und hergerissen: Wo sich seine Maus überall verletzen könnte! Ständig will er zu Hilfe eilen. Wenn ihr etwas passierte, würde er sich Vorwürfe machen. Andererseits: Wie soll Stella ihren Körper und seine Grenzen kennenlernen, wenn sie nicht selbst ein Gefühl dafür entwickelt?
Aus Expertensicht:
Bewegung und geistige Entwicklung sind bei Kleinkindern eng verknüpft. Die Sportwissenschaftlerin und Buchautorin Renate Zimmer ("Kinder brauchen Selbstvertrauen Bewegungsspiele, die klug und stark machen", Herder, 8,90 Euro) rät: "Kleine Fehler müssen Kinder selbst machen dürfen, nur so können sie ihre Motorik ausbilden." Übergroße Sorge bewirkt letztlich das Gegenteil: Das Kind wird unsicher, ängstlich - und tatsächlich ungeschickter als seine Altersgenossen. Renate Zimmer rät: "Anteil nehmen, aber nur eingreifen, wenn das Kind sich ernsthaft in Gefahr bringt." Wichtig: das Kind nicht in Panik anschreien - sonst fällt es noch vor lauter Schreck von der Schaukel. Sondern klar und bestimmt "Stopp" sagen. Und nachher in Ruhe erklären, was hätte passieren können.
Umgekehrt bringt es nichts, vorsichtigere Naturen ständig zu animieren. Im Gegenteil, sagt Renate Zimmer: "Wenn ein Kind zurückhaltender ist, hat das seinen Grund - es spürt selbst, dass es noch nicht so weit ist." Die Devise: Zeit lassen - und ihm vielleicht zeigen, wie's die anderen machen. Von Gleichaltrigen schauen sich Kinder Bewegungsabläufe am leichtesten ab.

Mal ein Wochenende zu zweit können wir unseren Einjährigen bei Oma lassen?

Aus Kindersicht:
Finn, er ist etwas über ein Jahr alt, spürt, dass sich etwas zusammenbraut. Die Mama erzählt auf einmal ständig von Oma und guckt dabei so ernst. Was tun? Am besten, Mama nicht mehr aus den Augen lassen.
Aus Elternsicht:
Zu Finns erstem Geburtstag bekam auch seine Mutter ein Geschenk: einen Gutschein für ein Wochenende in London. Mit Mann, ohne Kind. Finn könnte bei seiner Oma bleiben. Ein Traum: endlich mal wieder in Ruhe ins Restaurant, ein bisschen Zeit für uns zwei. Aber können wir Finn das zumuten? Bekommt seine Bindung zu uns einen Knacks? Dürfen wir so egoistisch sein?
Aus Expertensicht:
Ob ein Einjähriges so eine Trennung gut verkraftet, hängt von verschiedenen Faktoren ab", sagt Gabriele Gloger-Tippelt, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Düsseldorf. Zum einen vom Mutter-Kind-Verhältnis: Hat Finn seine Mutter bis jetzt als verlässlich und liebevoll erlebt, ist er sehr wahrscheinlich, wie Fachleute sagen, "sicher gebunden". Dann schmerzt eine Trennung zwar im Moment, das Kind vertraut aber zurecht darauf: Mama kommt wieder. Zum Zweiten vom Temperament: Robuste Forschernaturen tun sich leichter als Kinder, die empfindlich auf Veränderungen reagieren. Drittens: Je vertrauter Finn mit Oma und ihrer Wohnung ist, desto wohler wird er sich fühlen. Und, ganz entscheidend: Je mehr Mutter und Vater mit ihrer Entscheidung im Reinen sind, desto besser geht es ihrem Sohn.
Wenn Finn bei seinen Eltern Angst und schlechtes Gewissen spürt, kommt das als Bedrohung bei ihm an: Wenn Mama und Papa so besorgt sind, muss es ja schrecklich sein, was sie mir antun. Die Psychologin empfiehlt: Langsam herantasten. "Die Mutter könnte mit Finn zum Beispiel schon mal bei der Großmutter übernachten. Wenn vertraute Dinge wie das eigene Bettchen dabei sind, beruhigt das zusätzlich." Haben die Eltern danach immer noch kein gutes Gefühl, muss der Trip eben noch warten. In einem Jahr ist London auch noch schön.

Mein Kind spielt nicht mit anderen - stimmt da was nicht?

Aus Kindersicht:
Lena, eineinhalb, wundert sich. Dass Papa am Samstagnachmittag mit seinem Kumpel Heiko Fußball schaut - okay. Aber was soll sie mit diesem anderen Kind in ihrem Zimmer? Vor allem: Was fällt dieser Carola eigentlich ein, in ihrer Spielzeugkiste zu wühlen?
Aus Elternsicht:
Die Väter wundern sich auch: Wieso können sich ihre gleichaltrigen Töchter nicht mal eine Halbzeit lang gemeinsam beschäftigen? Haben wir was falsch gemacht? Erziehen wir da kleine Zicken? Müssen wir uns doch dazusetzen?
Aus Expertensicht:
Janina Knobeloch, Diplom- Pädagogin und Dozentin am Berliner Institut für Frühpädagogik, sagt: "Im zweiten Lebensjahr spielen Kinder noch nicht wirklich miteinander. Eher nebeneinander mit dem gleichen Spielzeug." Dass Anderthalbjährige mal ihre Bausteine oder Sandförmchen tauschen, ist die erste Stufe zum gemeinsamen Spiel. Wie fürs Sprechenlernen gilt auch fürs soziale Spielen: Es gibt Frühstarter und Spätzünder.
Krippenkinder oder jüngere Geschwister haben oft die Nase vorn: Sie müssen sich früher mit Fragen nach "mein" und "dein" auseinandersetzen und imitieren das Spiel der Größeren. Denn auch Sozialverhalten will geübt sein. Kleinen Solisten hilft es, wenn sie regelmäßig in einer Spielgruppe oder zum Mutter-Kind-Turnen dürfen. Empfehlung an die beiden Väter: Ihre Töchter bespielen oder ihnen sonstwie auf die Sprünge helfen, das müssen sie nicht. Aber auch nicht böse sein, wenn eine lieber unbedingt bei Papa auf dem Schoß Fußball mitschauen möchte.

"Jetzt wart doch mal!" - Kann ein knapp Zweijähriges Geduld lernen?

Aus Kindersicht:
Dem 22 Monate alten Luca ist es herzlich egal, dass seine Mutter gerade mit ihrem Steuerberater telefoniert. Er will mit Mama schmusen. Jetzt - und nicht erst in fünf Minuten. Denn fünf Minuten können sich verdammt lang anfühlen.
Aus Elternsicht:
Lucas Mutter ist genervt. Mit Kind auf dem Arm Notizen machen, das geht nun mal schlecht. Könnte er mit seinen knapp zwei Jahren doch eigentlich schon begreifen, oder? Je mehr Luca an ihr zerrt, desto gestresster fühlt sie sich. Bis er heult. Und sie kurz davor ist.
Aus Expertensicht:
Kinder im zweiten Lebensjahr haben im Erwachsenensinn noch kein Zeitgefühl", sagt Pädagogin Knobeloch. "Für sie ist es schon eine enorme Leistung, sich 15 Minuten allein zu beschäftigen." Erst ab dem zweiten Geburtstag etwa entwickeln Kinder langsam eine Vorstellung von Abläufen und ihrer Dauer. Andererseits: "Mit knapp zwei können sie auch schon lernen, dass sie nicht immer im Mittelpunkt stehen." Und dass es machbar ist, dringende Wünsche für kurze Zeit aufzuschieben.
Angemessene Lösung: ungeduldige Zwerge mit einbinden. Bekommt Luca sein Plastiktelefon oder ein altes schnurloses in die Hand gedrückt, kann er die Zeit durch "Mittelefonieren" überbrücken. Oder wenn ein Zweijähriges noch eine schrecklich lange Viertelstunde aufs Mittagessen warten muss: inzwischen beim Tischdecken mithelfen lassen, zusammen ein Lied singen. Und wenn der Hunger allzu groß wird, gibts einen Apfelschnitz als Vorspeise.

"Mein Eimer, meine Schaufel, meine Harke" - Was tun, wenn Kleinkinder sich streiten?

Aus Kindersicht:
Anna, 20 Monate, rennt außer sich vor Wut zu ihrer Mutter. Hat der große Junge im Sandkasten doch einfach ihre Gießkanne gekidnappt! Aber die braucht sie, unbedingt. Ein lebenswichtiges Ding, wie ihr Puppenbuggy und die grüne Harke.
Aus Elternsicht:
Erster Impuls von Annas Mutter: Ihr kleines, unschuldiges Kind ist Opfer eines tückischen Angriffs geworden, sie muss umgehend eingreifen. Zweiter Gedanke: Soll sich Anna nicht so anstellen. Hier liegt doch genug anderes Spielzeug herum! Dritter Gedanke: Hm, muss ich da vermitteln?
Aus Expertensicht:
Man sollte die Verzweiflung seines Kindes in so einer Situation ernst nehmen", sagt Janina Knobeloch. Es mag sich nur um eine Zwei-Euro-Plastikgießkanne handeln - aber für Anna hängt davon in diesem Moment der Seelenfrieden ab. In dieser Phase der kindlichen Entwicklung kann ein geliebter Gegenstand so wichtig sein wie ein Körperteil, und sein Verlust kommt einer Amputation gleich. Deshalb können streitende Kleinkinder noch nicht ganz ohne die Großen auskommen. Aber die haben kein Richteramt, sondern Vermittlerfunktion. "Wenn die Mutter sich mit Löweninstinkt vor dem größeren Jungen aufbaut und die Gießkanne zurückfordert, zeigt sie ihrer Tochter damit: Konflikte sind etwas Bedrohliches", sagt die Pädagogin. Einfach laufen lassen ist aber auch keine gerechte Lösung.
Besser ist der dritte Weg: gemeinsam hingehen, verhandeln. Vielleicht hat der große Junge ja einen schönen blauen Eimer, den Anna dafür benutzen darf? Dann versteht Anna: Menschen haben unterschiedliche Interessen - aber dafür lässt sich eine Lösung finden. Natürlich wäre auch Tauschen eine gute Idee. Oder sich mit der Gießkanne abwechseln. "Aber Kinder unter zwei begreifen diese Prinzipien noch nicht ganz", sagt Janina Knobeloch, "das ist eher was fürs Kindergartenalter. Trotzdem kann man jetzt schon anfangen, es ihnen zu erklären." Und irgendwann gehts ganz ohne Treten und Schubsen.