Sauber werden
 
Töpfchen-Training? Ja, bitte!

Aus Angst, ihrem Kind Gewalt anzutun, bereiten es viele Eltern gar nicht mehr aufs Klo vor, stellt Familientherapeutin Nele Kreuzer fest. Und damit, so ihre These, riskieren sie Probleme.

Inhalt: 
Sauberkeit - ein sensibles Thema!Verstopfung statt VertopfungAus alter Liebe zum Wickelritual

Sauberkeit - ein sensibles Thema!

Sauber werden: Töpfchen-Training? Ja, bitte!

Seit einiger Zeit ist "Sauberkeit" in vielen Familien wieder zum Riesenthema geworden: Vierjährige mit Windel, die fürs große Geschäft hinter den Vorhang gehen und dann "Mama, fertig!" rufen, Kindergartenkinder mit chronischer Verstopfung, Mädchen und Jungen, die ihre Eltern mit dem Toilettengang erpressen.

In der Familienberatung sprechen mich immer mehr Mütter und Väter auf das Thema Sauberkeit an - oder fragen in E-Mails an ELTERN: "Wir wollen unsere Tochter eigentlich nicht mehr wickeln. Aber sie macht nur in die Windel. Oder gar nicht. Was sollen wir tun?" Ich bin mir sicher: Wenn ein Kind in wohlgesetztem Deutsch "Könntest du mir bitte die Windel ausziehen" sagt, dann ist was schiefgelaufen. Da wurde etwas vernachlässigt, was früher selbstverständlich war: die Sauberkeitserziehung.

Mir ist völlig klar, dass die Kontrolle der Ausscheidungen auch eine Frage der körperlichen Reifung ist. Ein Kind muss seine Schließmuskeln beherrschen können - und die Nervenbahnen, die dem Gehirn "Blase voll" oder "Darm voll" signalisieren, müssen aus gereift sein. In der Regel ist das am Ende des zweitens Lebensjahrs der Fall, manchmal erst mit zweieinhalb, selten vor eineinhalb.

Und ich weiß auch, dass die Blase ein sensibles Organ ist. Sie zu kontrollieren fällt Kindern oft schwerer als beim Darm, nicht zuletzt, weil sie viel öfter Pipi machen müssen. Ein eigenes Thema ist das Einnässen, von dem man aber erst ab dem fünften, sechsten Lebensjahr spricht.

Verstopfung statt Vertopfung

Neun von zehn Dreijährigen können ihren Darm kontrollieren

Deshalb geht es mir in meinem Appell auch nicht ums Trockenwerden, sondern ums Sauberwerden. Tatsache ist, dass neun von zehn Kindern bis zu ihrem dritten Geburtstag den Darm gut kontrollieren können, der Rest höchstens ein Jahr später.

Daher erstaunt die große Zahl von Mädchen und Jungen, die auch im Kindergartenalter noch mit Stinker am Po herumlaufen und eher vier Tage keinen Stuhlgang haben, als sich auf Topf oder Toilette zu setzen. Ich finde das, ehrlich gesagt, nicht nur zeitaufwändig, sondern auch unökologisch und ein bisschen unappetitlich.

Wie es zu dieser Entwicklung kommt? Mein Verdacht: Eltern wollen es heute besser machen als ihre Großmütter. Die setzten ihre Kinder oft schon mit dem ersten Geburtstag auf den Topf, in der Hoffnung, die würden dann schneller trocken.

Das Töpfchen-Kabinett

Weiterlesen
Töpfchen-Training - ist das nicht von vorgestern?

Bis die Wissenschaftler uns verrieten, dass frühes Training wegen mangelnder Reifung gar nichts bringt, ja, die Kinder sogar quält. Gleichzeitig spürten Krabbler dank immer besserer Windeln kaum noch unangenehme Feuchtigkeit am Hintern. Und bald hieß es: Töpfchen-Training? Das ist doch von vorgestern!

Deswegen kann man heute die Mutter eines Viereinhalbjährigen fragen: "Na, ist dein Max schon sauber?" - und bekommt zur Antwort: „Nein, ich warte, bis er von sich aus was sagt. Ich will das nicht forcieren. Er soll ja nicht traumatisiert werden."

Ich glaube eher, dass Max traumatisiert wird, wenn er im zweiten Kindergartenjahr noch mit dicker Hose herumläuft und deshalb schief angeguckt wird - von den Gleichaltrigen und den Erzieherinnen.

Die Zurückhaltung der Eltern ist sicher gut gemeint. Dahinter steckt der ehrenwerte Wunsch, sein Kind gleichwertig zu behandeln, ihm nichts vorzuschreiben, es möglichst mitbestimmen zu lassen. Und das Gefühl, dem Vierjährigen Gewalt anzutun, wenn man es auf den Topf setzt.

Aber das ist ein Missverständnis. Ein Kindergartenkind kann und will nicht alles mitentscheiden. Es kann sich nicht vorstellen, dass Aufs- Klo-Gehen praktischer ist als das Gewurstel mit der Windel. Wenn ihm seine Eltern also aus falsch verstandener Fürsorge oder auch nur aus Gleichgültigkeit die Töpfchen-Nachhilfe verweigern, läuft Max womöglich nach vier Jahren noch begeistert mit seinem tragbaren Klosett herum. Er kennt es ja nicht anders.

Aus alter Liebe zum Wickelritual

Und: Könnte es sein, dass Max die Windel auch deshalb gut findet, weil er beim Wickelritual die Aufmerksamkeit bekommt, für die Mutter und Vater im stressigen Familien- und Arbeitsalltag nicht immer die Zeit aufbringen? Dass die Aufmerksamkeit seiner Eltern von Woche zu Woche größer wird, weil die ganze Windelei sie zunehmend nervt?

Max findet das interessant. Nicht dass es sein innigster Wunsch wäre, die Eltern zu erpressen, aber er merkt, dass er ein Mittel an der Hand hat, mit dem er echt spannende Reaktionen hervorrufen kann. Das Problem: Aus einem Machtkampf geht niemand als Sieger hervor. Je mehr Druck die Eltern aufbauen, desto mehr schaltet Max auf stur. Denn: Seinen Schließmuskel kontrollieren kann er schließ lich! Es gibt Kinder, die ihr großes Geschäft eine Woche oder länger bei sich behalten - bis der Arzt kommt.

Deshalb: Machen Sie es anders! Ringen Sie sich zu einem - moderaten - Töpfchen-Training durch.

Sie könnten doch vor dem zweiten Geburtstag gemeinsam shoppen gehen und Ihr Kind seine "Kindertoilette" aussuchen lassen (nach meiner Erfahrung ist das Töpfchen beliebter als der Toilettenaufsatz).

Wenn das eigene Klo da ist: Erinnern Sie Ihr Kind regelmäßig daran. Sie können es alle zwei, drei Stunden draufsetzen, sollten jedoch nicht enttäuscht sein, wenn anfangs nichts im Topf landet. Aber loben Sie es, wenn was drin ist.

Besonders gut lässt sich die warme Jahreszeit fürs Töpfchentraining nutzen - man muss dann nicht so viel ausziehen. Aber wenn es im Winter passieren soll, gönnen Sie Ihrem Kind einen Platz im Warmen, wenn's sein muss, darf das Töpfchen auch mal im Wohnzimmer stehen.

Wenn Sie das Training einige Tage durchhalten, wird Ihr Kind wahrscheinlich spätestens nach einer Woche von selbst auf seinen Thron gehen, wenn es muss. Manchmal auch erst kurz danach, aber solche Missgeschicke gehören anfangs dazu.

Je entspannter Sie das Töpfchenthema nehmen, desto leichter wird Ihrem Kind das Sauberwerden fallen. Aber ganz ohne Ihre Hilfe geht's eben nicht.