Förderung
 
Lesen mit vier?

Wir vertrödeln viel Zeit, wenn wir unsere Kinder erst in der Schule richtig fördern. Auch EF-Autorin Susanne Betz ist dieser Meinung. Welche Erfahrungen die dreifache Mutter gesammelt hat und was sie ändern möchte, lesen Sie hier.

Wunderkinder?

Förderung: Lesen mit vier?

Zara in London ist vier und kann fast alle Buchstaben lesen. Der fünfjährige Tom in San Francisco weiß genau, wie viele Autos er hätte, wenn er zu seinen 32 eigenen noch neun geschenkt bekäme. Und der gleichaltrige Kent in Japan spielt auf seiner Geige kleine Mozartstücke. Wunderkinder? Keineswegs. Die drei wurden nur früh gefördert. Auch in Deutschland wollen das immer mehr Eltern. Gleichzeitig fragen sie sich aber, ob sie ihre Kleinen damit nicht zu sehr unter Druck setzen.

Diese zwiespältigen Gefühle kenne ich gut. Als Mutter einer fast vierjährigen Tochter bin ich hin und her gerissen. Es ärgert mich, wenn ich mitbekomme, wie viel Mühe und Zeit in den meisten Kindergärten auf Basteln verwendet wird - Harriet bringt serienweise Laternen, Osternester oder Marienkäfer nach Hause. Sicher ist es wichtig, dass die Feinmotorik meiner Tochter geschult wird. Auch dass beim gemeinsamen Spiel soziale Kompetenz geübt und im Stuhlkreis Lieder geprobt werden, finde ich gut und richtig.

Fit für die Globalisierung?

Aber reicht das? Mein Mann und ich diskutieren oft über dieses Thema. Viel mehr als zu der Zeit, als unsere beiden größeren Kinder im Alter von Harriet waren. Seitdem hat sich tatsächlich vieles verändert. In der Welt um uns herum - und in unserer Einstellung. Trotzdem sind wir ambivalent: Einerseits wissen wir, dass Bildung in einer globalisierten Informations- und Wissensgesellschaft zum unverzichtbaren Startkapital für einen Menschen geworden ist. Andererseits ist eine unbeschwerte Kindheit ebenfalls ein wichtiger Baustein für ein zufriedenes Leben. Deshalb wollen wir unsere Kinder ganz bestimmt nicht zu etwas zwingen und schon gar nicht auf Karriere trimmen. Unser oberstes Ziel ist, dass sie glückliche und selbstständige Menschen werden.

Aber auch dazu, so glauben wir, gehört die Fähigkeit, wach und lernfähig auf alles Neue zuzugehen. Nur dann können junge Menschen ihr intellektuelles und praktisches Potenzial ausschöpfen und ihren Weg frei wählen.

Irgendwie beschleicht mich das ungute Gefühl, dass unsere Kinder auf diese globale Welt nicht richtig vorbereitet werden. Wie viele andere Eltern auch finde ich, dass bei uns wichtige Jahre vertrödelt werden. Dann aber kommt es für die Kinder richtig heftig. Treten sie mit sechs oder sieben in die Schule ein, müssen sie bald Unmengen von Stoff pauken und auswendig lernen.

Fremdsprachen schon im Kindergarten?

Manches davon wäre ihnen vielleicht zu einem früheren Zeitpunkt leichter gefallen. Wenn ich zum Beispiel beobachte, wie angestrengt und oft widerwillig meine 13-jährige Tochter und mein elfjähriger Sohn Vokabeln einüben, denke ich, dass es besser gewesen wäre, wenn sie schon im Kindergarten erste Kontakte mit einer Fremdsprache gehabt hätten. Und wenn wir im Skandinavien-Urlaub sind, fällt mir positiv auf, dass dort die meisten Fernsehserien im englischen Originalton mit Untertiteln gesendet werden. Selbst wenn es kein Wort versteht – den Klang und den Rhythmus der englischen Sprache bekommt so jedes Kind nebenbei mit. Wäre doch vielleicht auch bei uns zumindest eine Überlegung wert?

Forschung für die Kleinsten

Mit Druck hat all dies nichts zu tun. Soll es auch nicht. Ich möchte, dass sich meine kleine Tochter individuell und fröhlich entwickelt. Dass sie toben, albern und kreativ sein kann. Aber wie ich in einer amerikanischen Provinzstadt beobachten konnte, muss das auch kein Widerspruch zu früher Förderung sein. In einem ganz normalen Hort für Drei- bis Siebenjährige habe ich dort ein tolles kleines Labor gesehen. Man konnte es darin zischen, blubbern und rauchen lassen.

Die kleinen Jungen und Mädchen waren nicht nur begeisterte Zuschauer. Sie stellten auch unentwegt Fragen, schauten selbst durchs Mikroskop, ließen Wasser verdampfen und fingen den Nebel an Plastikdeckeln wieder auf. Für sie wurde Natur in kleinen Portionen verständlich gemacht. Selten habe ich solch aktive und wache Kinder erlebt. Ich weiß, dass es auch bei uns in Deutschland tolle Projekte in Kindergärten, Horten und Schulen gibt. Aber warum sind es nach wie vor Projekte? Warum ist vieles nicht längst Standard? Dann müssten Eltern nicht privat organisieren und bezahlen, was sie in den öffentlichen Einrichtungen vermissen.

Aber nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen: Ich möchte mein Kind nicht verplanen und programmieren. Am Montag zwei Stunden Computerkurs für Vorschulkinder, am Dienstag Ballett und den Nachmittagsworkshop für Englischanfänger am Freitag. Oder vielleicht gleich Mandarin, die Sprache der Zukunft?

Dem Instinkt folgen

Vor so einem Stundenplan für Harriet graut mir. Er würde bei uns auch nicht funktionieren. Erstens weil er uns zu teuer wäre. Zweitens weil wir beide berufstätig sind und in unserer freien Zeit nicht Taxifahrer für unsere Jüngste spielen möchten. Außerdem wollen wir uns auch noch um Harriets größere Geschwister kümmern.

Deshalb geht es uns wie den meisten Eltern: Unsere Ideen und Wünsche bezüglich Frühförderung und deren praktische Umsetzung sind schwer auf einen Nenner zu bringen. Wie so oft, wenn ich unsicher bin, hilft mir meine bewährte Methode weiter: Ich beobachte mein Kind und folge meinem Instinkt.

"Was ist das?", fragt Harriet immer öfter beim Anziehen, beim Einkaufen, beim Essen. Dabei deutet sie auf Aufkleber, Preisschilder oder die Packung der Cornflakes. In Zukunft werde ich dann einfach mal ein, zwei Minuten nicht weiter aufräumen oder Gemüse putzen, sondern erklären: B ist der Buchstabe, mit dem die Wörter Banane, Bus oder Bahnhof beginnen. Die Zahl 3 bedeutet, dass die Kirschen drei Euro kosten. Statt das Gemüse selbst aus dem Keller zu holen, kann ich Harriet auffordern: "Bringst du mir bitte fünf Karotten?"

Und wenn Harriet das nächste Mal wissen will, warum Wasser nass ist, lasse ich sie ein Schüsselchen mit Wasser ins Gefrierfach stellen. Zwei Stunden später kann sie über das Eis staunen. Das darf sie dann in einem Topf auf dem Herd wieder auftauen.