Fit für die Schule
 
"Gut reden lernt man durch reden"

Zuhören und sich selbst mitteilen können - diese Fähigkeiten werden schon von Erstklässlern erwartet. Denn wer in der Schule etwas lernen will, muss zuhören können. Und wer anderen mitteilen will, was er weiß, sollte erzählen können. Beides muss man trainieren, wie das geht, erklärt Joachim Kahlert, Professor für Pädagogik an der LMU München.

Fit für die Schule: "Gut reden lernt man durch reden"
ELTERN family: Gibt es etwas, das Eltern grundsätzlich tun können, wenn es um die Vorbereitung auf die Schule geht?
Prof. Kahlert:Ja, sie sollten in den Gesprächen mit ihrem Kind darauf achten, welche Empfindungen seine Art des Zuhörens und Erzählens in ihnen weckt – und mit ihm darüber sprechen!

EF: Ich merke immer wieder, wie sehr es mich anstrengt, dass mein Kind ohne Punkt und Komma redet. Das soll ich ihm sagen?
Prof. Kahlert: Das ist eine typische Situation, die man oft genervt hinnimmt, weil man denkt, diese Art des Erzählens sei Charaktersache. Dabei lässt sich das ändern. Unterbrechen Sie den Redeschwall Ihres Kindes immer wieder freundlich. Zum Beispiel so: "Können wir mal eine Pause machen? Ich wüsste gern, ob ich so weit alles verstanden habe."
Auf diese Weise spürt Ihr Kind Ihr Interesse und lernt gleichzeitig, dass zu einem Gespräch immer zwei gehören. In der Kommunikation ist es ein grundlegender Schritt, wenn man versteht, dass man sein Gegenüber mit ins Gespräch einbeziehen muss.

EF: Was ist mit den Kindern, die sich ständig darüber beklagen, dass ihnen niemand zuhört? Wie hilft man ihnen?
Prof. Kahlert: Mit noch einer Einsicht, die jedes Kind erst einmal lernen muss: Es gibt Dinge, die mich brennend interessieren, aber andere langweilen. Für Vorschul- und Grundschulkinder ist das nicht leicht zu verstehen, wenn sie sich noch nicht in ihr Gegenüber hineinversetzen können. Allerdings kann auch zu monotones oder zu leises Sprechen der Grund sein, warum andere nicht zuhören.

EF: Was kann man tun, damit sich das ändert?
Prof. Kahlert: Sprechen Sie mit Ihrem Kind über seine Erfahrungen und haken Sie nach: Wie kommst du darauf, dass dir niemand zuhört? Woran merkst du das? Hast du die anderen schon einmal darauf angesprochen? Etwa so: "Ich habe den Eindruck, du hast mir gar nicht zugehört. Kann das sein?"
Wenn man auf diese Weise die Sache anspricht, fühlt sich der andere nicht beschuldigt und kann darüber reden. Was man dann zu hören bekommt, ist nicht immer ganz angenehm, aber man erfährt, was man künftig besser machen kann.

EF: In der Schule kommt es unter anderem darauf an, das, was man sagen will, auf den Punkt zu bringen. Wie lernen Kinder das?
Prof. Kahlert: Bringen Sie regelmäßig Struktur in die Gespräche mit Ihrem Kind. Zum Beispiel beim Abendbrot: Reihum spricht jeder am Tisch zwei Minuten lang über ein bestimmtes Thema. Etwa: Was hat dich heute überrascht? Was hast du heute neu gelernt? Oder: Was hat dich am meisten genervt?
Eindeutige Themen oder Fragen zwingen dazu, die eigenen Erlebnisse zu filtern und sich auf die wesentlichen Informationen zu besinnen. Plus: Jeder am Tisch weiß, dass alle die gleiche Zeit zum Reden bekommen, während die anderen zuhören. Eine super Übung fürs Mündliche in der Schule!

EF: Und noch eine Situation: Viele Kinder fragen einem Löcher in den Bauch, hören bei der Antwort aber nicht zu. Was dann?
Prof. Kahlert: Da hilft nur: das Kind darauf ansprechen und ihm erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man sich Mühe mit einer Antwort gibt, die das Kind dann nicht erreicht. Auch wenn man das jetzt noch nicht kennt, spätestens mit den Hausaufgaben lernen die meisten Eltern diese Situation kennen.

EF: Woran liegt das?
Das Kind befindet sich in einer Zwickmühle: Einerseits braucht es den Tipp der Eltern, andererseits will es ihn aber gar nicht bekommen, weil es sich durch die allwissenden Eltern kleiner fühlt, als es ist. Das ist kein schönes Gefühl. Also setzt es sich subtil zur Wehr – und hört nicht zu.
Oft genügt schon ein einfacher Hinweis, um das Kind auf sein Verhalten aufmerksam zu machen: "Du kannst mich gern fragen, aber dann solltest du mir auch zuhören, wenn ich antworte!"

EF: Und was können die Eltern selbst machen, um ein gutes Vorbild zu sein?
Prof. Kahlert: Es passiert leicht, dass man seinem Kind nicht richtig zuhört. Das merkt es und fühlt sich nicht ernst genommen. Der beste Tipp lautet daher: Schenken Sie Ihrem Kind möglichst oft ein offenes Ohr, dann wird es selbst ein guter Zuhörer werden.

Noch mehr Wissenswertes zum Thema von Prof. Joachim Kahlert finden Sie unter www.ganzohrsein.de
Außderm: Unter www.br-online.de finden Sie Infos zum "Hörclub", mit dem bereits über 1000 Schulen erfolgreich arbeiten.