Zweites Lebensjahr
 
"Ich spreche und verstehe"

Zwischen eins und zwei tut sich unglaublich viel im Köpfchen. Viel besser, als mit Vorsatz zu fördern, ist es, hinzuhören, Zeit zu haben und sich am Kind zu freuen.

Kleiner Junge auf allen Vieren
iStock, SbytovaMN

Diplompsychologin Claudia Thoermer arbeitet an der Ludwig-Maximilians-Universität in München am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie. Mit ELTERN- Redakteurin Christiane Börger sprach sie darüber, wie clever Kinder im zweiten Lebensjahr sind.

Eltern.de: Es heißt immer, dass Kinder nie mehr im Leben so viel und so schnell lernen wie in ihrem ersten Lebensjahr. Ist das zweite für die Entwicklung weniger bedeutend?
Claudia Thoermer:
Nein, diese Schlussfolgerung wäre falsch. Denn gegen Ende des ersten Lebensjahres beginnt das Kind zu verstehen, dass es eine eigene Person ist. Und es erkennt, dass auch die Menschen in seinem Umfeld eigenständige Wesen sind, mit Wünschen, Absichten und Gefühlen, die ganz anders sein können als die eigenen. Diese Entwicklung bezeichnen manche Forscher sogar als eine Art Revolution.

Was heißt das konkret für das zweite Lebensjahr?
Plötzlich hat es für Kinder Sinn, sich auszutauschen. Sie begreifen, dass sie sich mit Gesten und Lauten relativ differenziert mitteilen können. Mama und Papa sind keine Bäume, sondern Wesen mit einem Eigenleben. Durch Zeigen oder Sprechen gelingt es den Kindern, die Aufmerksamkeit anderer nicht nur auf sich, sondern auch auf etwas Drittes zu lenken, etwa auf einen Ball, und sie können sich darüber austauschen. Es ist kein Zufall, dass diese Erkenntnis und das Einsetzen der Sprache zeitlich in etwa zusammenfallen.

Manchmal unterschätzen wir Erwachsene Kinder. Wir freuen uns zwar, wenn sie die ersten Worte sprechen, haben aber doch das Gefühl, dass sie nicht wirklich viel verstehen.
Dieses Gefühl trügt. Selbst wenn der aktive Wortschatz eines Kindes zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat im Schnitt "nur" etwa 50 Wörter umfasst und es sich vor allem mit Zwei-Wort-Sätzen verständigt, so versteht es immerhin schon um die 200 Wörter. Bereits Einjährige können den Satz "Gib mir mal den Schnuller" verstehen und danach handeln. Im Lauf des zweiten Lebensjahres verstehen sie immer mehr und handeln immer differenzierter.

Aber mit einem Satz wie "Geh doch mal ein paar Schritte rückwärts!" haben Zweijährige Schwierigkeiten. Warum?
Mal abgesehen davon, dass Kinder erst im zweiten Lebensjahr die motorische Fähigkeit entwickeln, rückwärts zu laufen, hören sie eine solche Anweisung einfach sehr selten. Am besten verstehen Kinder das, was in ihrer Welt regelmäßig vorkommt – und das Rückwärtslaufen gehört bei den meisten sicherlich nicht dazu. Außerdem haben Zweijährige noch Schwierigkeiten z. B. mit räumlichen und zeitlichen Konzepten: Hinten und vorne, links und rechts können sie noch nicht so klar unterscheiden; genauso wenig wie gestern, heute und morgen.

Umgekehrt gefragt: Was können Kinder in diesem Alter schon, was wir ihnen vielleicht noch gar nicht zutrauen?
Sie haben zum Beispiel ein ziemlich genaues Verständnis von Satzstrukturen. Dazu gibt es eine Reihe von Untersuchungen. Zeigt man 16 bis 18 Monate alten Kindern zwei Bildschirme, auf denen einmal das Krümelmonster Grobi kitzelt und einmal Grobi das Krümelmonster, und hören sie dann dazu den Satz "Krümelmonster kitzelt Grobi", so betrachten die Kinder bevorzugt den Fernseher, auf dem auch diese Handlung gezeigt wird. Sie verstehen also genau, wer wen kitzelt, auch wenn sie es noch lange nicht sprachlich korrekt ausdrücken können.

Wie können Eltern ihre Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen?
Eigentlich sind es die einfachen Dinge, die Kinder wirklich fördern: viel mit seinem Kind sprechen, zuhören, gemeinsame Spiele und Unternehmungen. Das müssen nicht immerzu und ständig Mutter oder Vater tun. Die Hauptsache ist, dass diese Personen sich auf das Kind einlassen können und erkennen,was es interessiert. Ein Beispiel: Eine Mutter, die mit ihrem Kind ein Bilderbuch anschaut, kann die Aufmerksamkeit des Kindes unbedacht lenken, etwa mit einer Bemerkung wie: "Schau mal, da sitzt eine Katze auf dem Fensterbrett!" Sie kann aber auch beobachten,worauf das Kind selbst den Blick und den Finger richtet, und dann darüber reden. Vielleicht findet das Kind den Hund, der vor der Hütte liegt, viel spannender als die Katze. Es ist dann aufmerksamer und hat mehr Freude, etwas darüber zu erfahren.

Ein Zweijähriges braucht also keine speziellen Frühförderprogramme?
Nein. Es ist auch nicht nötig, ihm einen "Was ist was"-Band über Hunde zu kaufen, nur weil es sich im Bilderbuch am meisten für den Hund interessiert. Viel sinnvoller ist es, das Thema ein wenig zu erweitern, ganz einfach und lebensnah: "Guck mal, der Hund ist ja ganz müde. Er liegt vor der Hütte und schläft. Vielleicht hat er gerade einen langen Spaziergang hinter sich." Und so weiter und so weiter. Man kann solche Themen beliebig ausdehnen und dabei die angeborene Neugier seines Kindes nutzen. So lernt es völlig unverkrampft. Wichtig ist auch, dass ein Kind viel ausprobieren darf und Aufgaben bekommt, die es fordern. Es dauert zwar etwas länger, wenn ein Zweijähriges versucht, sich selbst die Schuhe anzuziehen. Aber wenn es das geschafft hat, ist es unwahrscheinlich stolz und hat eine Menge gelernt. Genau das jedoch fällt vielen Eltern schwer – alles soll möglichst schnell und perfekt funktionieren, und so nehmen sie die Dinge lieber selbst in die Hand. So fördert man allerdings weder die Entwicklung noch das Selbstvertrauen der Kinder.