Erziehungsauftrag
 
Machen Eltern es sich zu bequem?

Wie streng müssen Eltern mit ihren Kindern sein? Sollen sie ihnen alles durchgehen lassen oder müssen sie nicht auch Grenzen setzen? ELTERN-Kolumnistin Sabine Maus über die Klagen einer entnervten Erzieherin.

Kind spuckt
Thinkstock - Heath Hiles

Wie Eltern in den Augen einer Fachfrau ihren Erziehungsauftrag vernachlässigen:

Wer Kinder erzieht, bringt ihnen bei, was geht und was nicht geht. Mütter und Väter machen das und können es. Davon bin ich überzeugt. Jetzt schickte mir eine langjährige, erfahrene Erzieherin einen ausführlichen Leserbrief, in dem sie von alltäglichen Erfahrungen in einer privaten Kita berichtet - was sie schreibt, hat mich nachdenklich gemacht.
Das persönliche Resümee der Fachfrau: Nur noch die Hälfte der Eltern erledigt den Erziehungsauftrag. Diese Eltern stoppen ihre Sprösslinge, wenn die über Tische und Bänke gehen, verhindern, dass der Nachwuchs Lakritzschnecken aus dem Supermarktregal klaut oder den Puppenbuggy gegen geparkte Autos rammt.
Die Hälfte, 50 Prozent? So wenige? Was machen die anderen? Die Erzieherin, seit mehr als 20 Jahren im Geschäft, schreibt: "Wir haben überwiegend Akademikereltern, jeder Zweite, Dritte würde eher sagen: Also, der Luis, der hat sich neulich die Lakritzschnecken aus dem Regal geklaut, ganz schön clever, unser Kleiner, nee, was müssen die den Süßkram auch immer in Kinderhöhe auslegen, unglaublich!"
Erzieherin G.- sie möchte nicht namentlich genannt werden, ihr Arbeitgeber würde sich bedanken - erlebt täglich Situationen, die sie an der Erziehungskompetenz oder besser: dem Erziehungswillen vieler Mütter und Väter zweifeln lassen.

Einige Beispiele, in denen Eltern ihrem Erziehungsauftrag nicht nachkommen:

Weil der Kindergarten, in dem sie arbeitet, in einer privaten Wohnanlage liegt, gibt es eine Vereinbarung mit den Kindern: Im Treppenhaus wird nicht getobt und gebrüllt, das machen wir erst, wenn wir drinnen sind.
Die Kleinen lernen das schnell, und es macht ihnen Spaß zu flüstern", schreibt Frau G. "Immer wieder gibt es aber empörte Eltern, die sich über diese Regel beschweren, weil sie der Ansicht sind, ihre Kinder sollten überall so laut schreien dürfen, wie sie wollen."
Einerseits: Das Bundes-Immissionsschutzgesetz gibt diesen Eltern recht. Es legt klar fest, dass "Geräuscheinwirkungen, die von Kindertageseinrichtungen, Kinderspielplätzen und ähnlichen Einrichtungen ausgehen, ... keine schädliche Umwelteinwirkung sind."
Andererseits: Es ist doch nett gemeint von der Kita-Leitung und nur höflich, wenn eine Krankenschwester, die zufällig im gleichen Haus wohnt, nach ihrer Nachtschicht ausschlafen darf und nicht viermal am Vormittag von Indianergeheul geweckt wird. Es stellt sich schon die Frage, was Eltern ernsthaft dagegen haben können, wenn ihre Kinder auf dem Weg durch den Hausflur zwei Minuten Flüsterpost spielen.
Andere Begebenheit aus dem Erzieherinnenalltag: Unterhalten sich zwei Mütter. Sagt die eine: "Der Soundso ist ein echter Kinderhasser. Lässt der doch einfach seine Gartentür offen stehen und regt sich dann auf, wenn mein Kleiner reinrennt und mir ein paar Blümchen vom Beet pflückt." Andere Mutter: "Echt, hat der offen gelassen? Der verbarrikadiert sich doch sonst immer hinter seinem Zaun, damit auch ja kein Kind den Rasen betritt." Antwort: "Klar, richtig offen gestanden hat das Gartentürchen nicht, aber es war auch nicht abgeschlossen. Und dann wundert er sich!"
Aua. Was da beschrieben wird, ist tatsächlich nicht Ausweis großer erzieherischer Wucht. Einem Kind beizubringen, das Eigentum anderer zu respektieren, ist kleines pädagogisches Einmaleins. Fast noch unerträglicher allerdings ist die Umkehr der Verantwortlichkeit: Der Gartenbesitzer hat also dafür zu sorgen, dass kein Vierjähriger in seinen Garten trampelt und Sonnenblumen köpft, er muss seine Gartentür vorbeugend abschließen?

Warum es sogar gefährlich sein kann, dem Erziehungsauftrag nicht nachzukommen:

Viele Eltern drehen das Verursacherprinzip einfach um!

Eltern, die tatsächlich so denken und handeln, tun weder dem eigenen Nachwuchs noch anderen Kindern, Müttern, Vätern einen Gefallen. Sie sorgen im Gegenteil dafür, dass der Graben, der in unserer Gesellschaft zwischen Eltern und Nicht-Eltern schon besteht, größer wird. Passt doch wunderbar zum Pauschalurteil: Eltern machen sich einen schlanken Fuß, und die Allgemeinheit muss ihre missratenen Sprösslinge aushalten.
Viele Eltern, das ist meine Erfahrung", schreibt Erzieherin G., "drehen das Verursacherprinzip einfach um." Sie sprechen ihre Kinder - und sich selber - von jeder Verantwortung frei, schieben die Schuld auf andere: Mein Kind hat nur gekloppt, weil Ihres Eierloch zu ihm gesagt hat. Unser Sohn hat halt einfach ein bisschen zu viel Kraft, deshalb hat er den Stuhl in die Puppenecke geworfen. Ist doch klar, dass meine Tochter die kleine Greta zwickt, wenn sie sich so ein wunderschönes Feenspiel ausdenkt und die eigensinnige Greta es einfach boykottiert.
Haben wir unseren sozialen Kompass verloren? Es ist doch eigentlich selbstverständlich, dass für Kinder keine Ausnahmeregeln gelten, nur weil sie Kinder sind, dass sie sich sozialverträglich verhalten sollen, anderen nicht auf dem Kopf herumtanzen. Sie wachsen hinein in ein Leben, in dem sie irgendwann kooperieren sollen, sie werden sich auch anpassen müssen - an Macken der Liebsten, Marotten des Vermieters, an Anforderungen in der Schule, in der Ausbildung, im Beruf. Sie werden freundlich behandelt werden und gut ankommen wollen bei anderen Menschen. Das werden sie nicht schaffen, wenn sie von ihren Eltern die Botschaft lernen: Du darfst tun, was immer du willst. Dir kann keiner was, du bist die Queen beziehungsweise der Chef, du hast und machst keine Fehler.
Welche Art von Erwachsene werden aus Jungen und Mädchen, die mit einem solchen Selbstbild aufwachsen? Unsympathischer Egomane ist ein wahrscheinliches Modell.
Man tut seinem Kind keinen Gefallen, wenn man ihm jede Idee durchgehen lässt. Manchmal ist das sogar richtig fahrlässig: Erzieherin G. erzählt in ihrem Leserbrief von einem Vater aus ihrer Kindergruppe, der seine Dreijährige mit keinem Wort ermahnte, als die, ohne zu schauen, über die Straße rannte. Ein paar Tage vorher hatte sie selbst die Kleine wegen der gleichen lebensgefährlichen Unart streng ermahnt. "Mich beschleicht oft das Gefühl, dass der Erziehungsauftrag abgegeben wird. Sollen doch die Erziehrinnen streng sein, die werden dafür bezahlt, daheim gibt es dann Gummibärchen und alles, was das Kind sich wünscht, damit es Mama und Papa auch bestimmt ganz doll lieb hat."

Einblicke in den Erzieherinnenalltag: Aufschlussreich, aber nicht repräsentativ?

Die Einblicke in den Erzieherinnenalltag waren aufschlussreich. Gehen aber tatsächlich so viele Mütter und Väter diesen - nur vermeintlich - leichten Weg mit ihrem Kind, jede, jeder zweite? So viele kann ich nicht sehen, ich beobachte immer noch deutlich mehr Eltern, die liebevoll, verständnisvoll, zugewandt sind, aber auch konsequent und klar in ihren Ansagen, wenn es sein muss. Die allermeisten Kinder, die ich treffe, sind selbstbewusst, fröhlich, klug, sozial, offen, freundlich - also richtig gut gelungen.
Wenn Frau G. und ich rein mengenmäßig auch nicht einer Meinung sind, stimme ich ihr in diesem Punkt doch zu: Jede Familie, in der Rechthaber, Ellenbogentypen, Verantwortungsabwiegler und Egoisten heranwachsen, ist eine zu viel.