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Autoritäre Erziehung Ist das Aufwachsen mit Hierarchien heute noch angebracht?

Autoritäre Erziehung: Mutter schimpft mit ihrer Tochter
© Yuganov Konstantin / Shutterstock
Die autoritäre Erziehung stand viele Jahre an der Tagesordnung und war der am weitesten verbreitete Erziehungsstil. Doch wie zeitgemäß ist die Erziehungsform, die auf Gehorsam und Konsequenzen setzt, heute?

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Definition: Autoritäre Erziehung

Hinter der autoritären Erziehung verbirgt sich ein strenger Erziehungsstil, der durch die Sozialpsychologie definiert wurde und früher weit verbreitet war. Erziehende setzten hierbei eine starke hierarchische Ordnung durch, in der an der Spitze die Eltern stehen. Sie definieren Regeln, an die sich das Kind zu halten hat. Beim Nicht-Einhalten drohen Bestrafungen. Eltern besitzen die gesamte Kontrolle, Kinder haben keinerlei Mitspracherecht über ihren eigenen Handlungsrahmen.

Nicht selten werden Anforderungen an das Kind gestellt, die es kaum oder nur sehr schwer erfüllen kann. Widersprüche, Hinterfragen und Verhandlungsspielraum werden nicht zugelassen. Die Meinung des Kindes spielt keine Rolle. Widersetzt sich das Kind den Anforderungen, drohen Strafen, die auch physisch durchgesetzt werden können. Das muss aber nicht immer der Fall sein.

Wie der autoritäre Erziehungsstil es vermuten lässt, ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kind kühl. Ein rauer Umgangston und wenig Zuneigung und Nähe lassen auch die Bedürfnisse des Kindes außen vor. Erfüllt das Kind allerdings die Erwartungen der Eltern, kann es mit Lob rechnen.

Beispiel zur autoritären Erziehung

Die Familie geht zusammen einkaufen, das Mädchen braucht eine neue Jacke für den Winter. Es spricht seine Mutter an, ob es nicht eine pinke Jacke haben darf, es ist ihre Lieblingsfarbe. Die Mutter besteht als Autorität darauf, dass eine blaue Jacke gekauft wird, ohne Erklärung. Das Mädchen fängt an zu weinen, da es sich übergangen fühlt und diese Anweisung nicht versteht. Die Mutter duldet dieses Verhalten nicht und verbietet dem Mädchen, am Nachmittag mit ihrer Freundin zu spielen. Ihr werden durch die Autorität Grenzen gesetzt, die sie aber häufig nicht versteht und entwickelt daraufhin ein geringes Selbstwertgefühl.

Auswirkungen der autoritären Erziehung

Kaum vorstellbar, dass dieser kühle Erziehungsstil noch vor 100 Jahren an der Tagesordnung stand. Fast alle Kinder sind unter solchen Bedingungen groß geworden. Heutzutage belegt eine Vielzahl von Studien, dass sich die autoritäre Erziehung größtenteils negativ auf das Kind auswirkt.

In den 1960er-Jahren kam es in der Gesellschaft zum Umdenken und die strenge autoritäre Erziehung wurde infrage gestellt. Der Gegenentwurf, die antiautoritäre Erziehung wurde von einer Studentenbewegung ins Leben gerufen, deren Mitglieder selbst so erzogen wurden und die sich von dem alten Erziehungsmodell entfernen wollten.

Kindliche Folgen der autoritären Erziehung:

  • Kaum Selbstwertgefühl
  • Kein Raum für Individualität, Kreativität und Spontanität
  • Keine Möglichkeit für eigene Erfahrungen
  • Gehemmte Persönlichkeitsentwicklung
  • Unterwürfige Rolle
  • Wenig Selbstständigkeit
  • Wenig Entscheidungskraft
  • Aggressivität, Gereiztheit

Bis in das Erwachsenenalter wirkt sich die autoritäre Erziehung im Bereich der sozialen Beziehungen aus. Im schlimmsten Fall entwickeln Kinder mit der Zeit eine psychische Störung, da sie im Kindesalter keine oder wenig emotionale Unterstützung und Zuwendung erhalten haben.

Wie sich der Erziehungsstil auf jedes einzelne Kind auswirkt, kann nicht bestimmt werden. Es hängt vom jeweiligen Charakter und seiner inneren Stärke ab. Auch das Maß der autoritären Erziehung ist nicht zu vernachlässigen. Vorsicht ist bei hochsensiblen Kindern geboten. Sie könnten unter der autoritären Erziehung besonders leiden, da sie Stimmungen und äußere Einflüsse viel intensiver in sich aufnehmen.

Kritik an der autoritären Erziehung

Zu lernen, sich einer Autoritätsperson unterzuordnen, ist an sich für den weiteren Verlauf des Lebens, speziell im Berufsleben, nicht verkehrt. Doch das Untergraben der kindlichen Bedürfnisse und die Beschneidung der eigenen Entfaltung stehen heutzutage zu Recht in starker Kritik. Ebenso die körperliche Züchtigung beim Nicht-Erfüllen der Anforderungen.

Die autoritäre Erziehung heute

Dieser Erziehungsstil ist überholt und absolut nicht mehr zeitgemäß. Wer ihn heute praktiziert, wandelt ihn in einer sanften Form ab und stellt klare Regeln auf, die jedoch auf das Wohl des Kindes bedacht sind. Hohe Erwartungen an das Kind gehen mit der autoritären Erziehung heutzutage immer noch einher. Doch der Unterschied ist die offene Kommunikation, die im Dialog stattfindet und auch die Meinung des Kindes respektiert. In diesem Sicherheitsgerüst können Kinder trotzdem soziale Kompetenzen erlangen.

Auch die Eingewöhnung im Kindergarten, der meist demokratisch ausgerichtet ist, geht leichter von der Hand. Strenge, Bestrafungen, Regeln und Folgen werden hier durch einen Erziehungsstil ersetzt, der die Entwicklung und das eigene Entfalten unterstützt. Die Kinder müssen sich hierbei der Erzieherin oder dem Erzieher selbstverständlich nicht unterordnen und hohe Anforderungen erfüllen.

Fazit

Der autoritäre Erziehungsstil ist in seiner reinen Form überholt. Hierarchien, Bestrafungen und ein nicht vorhandenes Mitspracherecht über die eigene Person sorgen im weiteren Verlauf des Lebens nicht selten für psychische Erkrankungen und ein geringes Selbstwertgefühl.

Autoritäre Verhaltensweisen sind nicht grundlegend schlecht, dürfen aber nicht über den Kopf des Kindes hinweg ausgespielt werden. Eine Gleichberechtigung und gesunde Balance zwischen Autoritätsperson und Vertrauensperson sollte gegeben sein, um die freie Entwicklung und Entfaltung des Kindes nicht einzuschränken. Wer schon in frühen Jahren lernt, seine Bedürfnisse und Gedanken äußern zu dürfen, wird ein selbstbestimmtes Leben führen.

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Verwendete Quellen: Konrad-Adenauer-Stiftung: Welche Erziehung ist richtig?, Antipädagogik: Studien zur Abschaffung der Erziehung

ELTERN

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