Schuldgefühle
 
Eltern und Schuldgefühle: Untrennbar?

Das Baby schläft nicht durch, das Krabbelkind kratzt andere Kinder und das Kindergartenkind will nicht basteln: "Wir sind schuld" sagen sich Eltern. "Stimmt nicht!" sagen Experten. Warum Schuldgefühle unberechtigt sind und wie man ohne ihnen viel besser erziehen kann, lesen Sie hier.

Warum sind Eltern nicht für alles verantwortlich?

Schuldgefühle: Eltern und Schuldgefühle: Untrennbar?
Darüber sprach ELTERN FAMILY-Autorin Xenia Frenkel mit Dr. Herbert Renz-Polster, Kinderarzt und Wissenschaftler am Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg.

EF: In Ihrem Buch "Menschenkinder" plädieren Sie für eine "artgerechte" Erziehung. Was meinen Sie damit?
Dr. Renz-Polster: Dass Kinder mit uralten Bedürfnissen und Erwartungen geboren werden. Das haben wir in der Erziehungsdebatte der vergangenen Jahre übersehen.

EF: Was ist das größte Missverständnis zwischen Eltern und Kindern?
Dr. Renz-Polster:Eltern denken, dass auf ihnen die ganze Last der Entwicklung liegt und sie für alles verantwortlich sind. Sie meinen, sie müssten Kinder leiten und formen. Dieses didaktische Modell ist weit verbreitet, es behindert aber den Aufbau einer echten, entspannten Beziehung. Aber Kinder brauchen solche Beziehungen, um ihre eigene Persönlichkeit zu bilden. Werden sie ständig von außen gesteuert und mit Projekten und Zielen beladen, findet kein eigenständiges Lernen statt.

EF: Kinder erfüllen alle Voraussetzungen, um ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen, sagen Sie.
Dr. Renz-Polster:Kinder wollen selbst lernen. Darauf dürfen Eltern vertrauen. Und darauf, dass nicht jedes störende Verhalten eine Störung ist. Heute gibt es ja eigentlich nur noch hochbegabte und außergewöhnliche oder aber gestörte und förderbedürftige Kinder. Ein normales Kind, bei dem man sagt: "Ich vertraue darauf, dass schon alles gut ist", findet man kaum noch.

EF: Sie sagen auch, dass Liebe allein nicht reicht, damit ein Kind sich gut entwickelt.
Dr. Renz-Polster:Liebe ist unglaublich wichtig, aber sie muss beim Kind auch ankommen. Dafür brauchen Eltern gewisse Kompetenzen.

EF: Welche denn?
Dr. Renz-Polster:Um die Bedürfnisse eines Kindes entwicklungsgerecht erfüllen zu können, muss man in eine sensible, authentische Beziehung zu ihm treten. Ihm ein Partner sein, der nicht nur Nähe und Schutz gibt, sondern auch den Raum, um selbstwirksam tätig zu sein. Diese Balance ist extrem wichtig.

EF: In der Theorie klingt das einleuchtend, in der Praxis bekommen Kinder Wutanfälle und bringen einen mit ihren seltsamen Ess- und Schlafgewohnheiten auf die Palme.
Dr. Renz-Polster:Wir denken: "Das Kind verhält sich komisch. Entweder stimmt bei mir etwas nicht oder beim Kind." Durch solche Schuldzuweisungen wird die Beziehung belastet, und das wiederum wirkt sich negativ auf die Entwicklung aus. Wenn man dagegen versteht, warum Kinder bestimmte Verhaltensweisen zeigen, muss man niemandem die Schuld geben, weder sich noch seinem Kind.

EF: Und warum essen Kinder kein Gemüse, kriegen Wutanfälle und turnen nachts herum, obwohl sie den ganzen Tag draußen gespielt haben?
Dr. Renz-Polster:Fangen wir beim Schlafen an. Wenn ein Kind darauf gepolt wäre, glücklich allein zu schlafen, hätte es im überwiegenden Teil der menschlichen Geschichte seine Kindheit nicht überlebt. Um sicher und geschützt zu sein, musste es die Nähe von Erwachsenen suchen und zur Not mit Nachdruck einfordern.

EF: Früher sind ja auch Hyänen ums Lager geschlichen, aber heute?
Dr. Renz-Polster:Waren Sie mal auf einem Zeltplatz an der Adria? Wenn Sie dort, in der sichersten aller Welten, nachts etwas rascheln hören, merken Sie, dass auch Ihr Gefühlskleid Alleinsein nicht vorsieht. Sie kämen sicher nicht auf die Idee, Ihr Kind in einem Extrazelt, ein paar Meter von Ihrem entfernt, unterzubringen, weil Sie mal gelesen haben, dass das seine Selbstständigkeit fördert.

EF: Aber ich muss trotzdem mal schlafen.
Dr. Renz-Polster:Aus Sicht der Evolution hat jeder in der Familie das Recht, einen Kompromiss zu finden. Man kann zum Beispiel ein kleines Lager in der Mitte des Bettes machen und kindgerecht vermitteln, dass dort Ruhe herrschen muss. Trotzdem: Durchschlafen ist nicht Teil der normalen Entwicklung von Kleinkindern. Der leichte Schlaf hat mit der Trinkbereitschaft zu tun. Zwischen drei und vier, dem Alter, in dem Kinder früher normalerweise abgestillt wurden, wird er von selbst fester.

EF: Sie sagen, dass aus Sicht der Evolution auch Trotz und Eigensinn natürlich sind.
Dr. Renz-Polster: Der Mensch hat lang als Jäger und Sammler gelebt. Dieser Lebensstil erforderte größte Nähe. Kinder mussten geschützt und getragen werden. Das fand ein abruptes Ende, wenn das nächste Kind geboren wurde. Das ältere Kind musste sich dann übergangslos in die altersgemischte Kindergruppe einfügen. Damit Kinder hier keinen Kaltstart hinlegen, müssen sie ab dem zweiten Lebensjahr ganz schnell viele Kompetenzen lernen. Viele Wutanfälle sind Selbstwirksamkeitsforderungen. Kinder schützen ihren eigenen Entwicklungsraum, indem sie ihren Willen zum Ausdruck bringen, etwas allein zu machen. Weil die Eltern alles viel besser und schneller können, muss das manchmal sehr energisch passieren.

EF: Kommen wir zum Essen. Eltern werden von allen Seiten beschallt, dass Kinder Vitamine brauchen und Gemüse essen sollen. Das eigene Kind aber verlangt nach Nudeln mit Ketchup und Vanilleeis.
Dr. Renz-Polster: Mit süß und fettig war der Mensch in der Vergangenheit auf der sicheren Seite. Anders bei Grünzeug. Das konnte auch giftig sein. Richtige Gemüsefans unter kleinen Kindern sind selten. Aber obwohl Kinder universell durch diesen sogenannten Gemüseengpass gehen, gedeihen sie prächtig.

EF: War der Mensch nicht mal Pflanzenfresser?
Dr. Renz-Polster: Nur wenn Sie zu den Vormenschen zurückgehen, also ein paar Millionen Jahre. Der moderne Mensch, der etwa 200 000 Jahre alt ist, war Mischköstler. Seine Essgewohnheiten hingen von seiner Umgebung ab. Wie vieles andere auch.

EF: Sie haben vier Kinder. Hat das Wissen um den evolutionären Hintergrund auch Ihre Beziehung verändert?
Dr. Renz-Polster:Es hat viele Ängste und Ziele, die ich mir für meine Kinder gesetzt hatte, relativiert. Wenn man sich aus evolutionärer Perspektive mit Kindern beschäftigt, bekommt man einen positiveren und entspannteren Blick.

Noch mehr Infos zum Thema:

Dr. Herbert Renz-Polster hat zu dieser Thematik zwei Bücher geschrieben: "Menschenkinder" und "Kinder verstehen - born to be wild", beide im Kösel-Verlag erschienen.