Moral
 
Engel oder Teufelchen?

Sie können so lieb sein, aber auch unglaublich gemein. Warum verhalten sich Kinder oft alles andere als moralisch? Wann lernen sie Mitgefühl? Und wie unterscheiden sich Lügen von Phantasiegeschichten?

Engelchen oder Teufelchen
iStock
Artikelinhalt

Ein Engel am Steuer: Auf dem Bobbycar thront Sara, drei Jahre alt. Blonde Löckchen umrahmen das zarte Gesicht mit den großen braunen Augen. So sieht die Sanftmut aus, denkt man.....
Bis Saras Freund Theodor versucht, den Anhänger von ihrem Fahrzeug abzukoppeln.
Peng, hat er Saras Linke an der Backe. Ein kleiner Haken gegen den Nachbarsjungen, aber ein dicker Schlag ins Gesicht all jener, die an kindliche Unschuld glauben!
Warum tut Sara das? Die Dreijährige hat von ihren Eltern noch nicht eine Ohrfeige gefangen. Wie kommt es, dass in deutschen Sandkästen geschubst und getreten wird? Dass Vierjährige ihrem besten Kumpel kalt lächelnd ins Gesicht sagen: "Du bist nicht mehr mein Freund"? Wieso wird geschwindelt, bis sich die Balken biegen? Warum können diese kleinen Wesen bisweilen so grausam sein?

Drei Vermutungen liegen nahe

Erstens: Der Mensch ist von Natur aus nicht nur gut, sondern hat immer auch das Potenzial, sich fies zu verhalten.
Zweitens: Es dauert einfach seine Zeit, bis Kinder Moral lernen.
Drittens: Was gut und was böse ist, müssen Eltern ihrem Nachwuchs erst langsam beibringen.
So viel vorweg: Dass die erste Behauptung stimmt, steht außer Zweifel. Doch hinter die beiden anderen Thesen setzen Forscher Fragezeichen.

Die Moralentwicklung

Über die Entwicklung von Moral haben sich viele kluge Köpfe den Kopf zerbrochen. Psychologen fragen sich: Wie kommt es, dass die meisten Kinder sich anständig verhalten (manche von ihnen so sehr, dass sie damit gegen ihre eigenen Interessen handeln), während andere überhaupt keine Rücksicht nehmen und damit ihren Mitmenschen und sich selbst schaden?
Um darauf eine Antwort zu finden, haben die Wissenschaftler Kinder beobachtet - wie sie urteilen, wie sie schwindeln und tricksen. Immer wieder auch, wie sie entscheiden, wenn man ihnen Videos mit Konfliktsituationen vorführt.
Was bei der Studien herauskam, liest Du auf der nächsten Seite.

Schon im ersten Lebensjahr

gibt es so etwas wie Mitgefühl: Neugeborene lassen sich bereits vom Weinen anderer Babys anstecken. Und freuen sich mit, wenn neben ihnen ein anderer Mensch lacht oder vor Begeisterung gluckst.

Mit zwei Jahren

haben Kinder die Fähigkeit, andere zu trösten. Sie streicheln ein Kind, das sich wehgetan hat, oder sie bieten ihrer Mutter das Schmusetuch an, wenn sie weint. Sie glauben an die Verpflichtung, Spielzeug oder Süßigkeiten möglichst mit anderen zu teilen. Die Kompetenz, mitzufühlen und uneigennützig zu handeln, scheint also grundsätzlich bei allen Zwei- und Dreijährigen vorhanden zu sein.

Mit etwa vier Jahren

Moral: Engel oder Teufelchen?

wissen 98 Prozent aller Kinder, dass man nicht stehlen darf. Mehrheitlich sagen sie bei Befragungen, dass es falsch ist, andere zu verletzen oder Lügen über sie zu verbreiten. Aber: Mit vier Jahren beginnen sie auch zu tricksen und zu schwindeln, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Jetzt verfügen sie nämlich über die geistigen Fähigkeiten und die soziale Kompetenz, um die Gedanken anderer Menschen zu erahnen. So können sie zum Beispiel Bonbons so verstecken, dass ihre Eltern sie nicht gleich finden.
Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München stellten bei den Vierjährigen eine erstaunliche Doppelmoral fest. Auf die Frage, wie sich wohl ein Kind fühlt, das Süßigkeiten geklaut hat, antworteten 80 Prozent der Mädchen und Jungen: "Prima, die Süßigkeiten schmecken klasse." Kurz zuvor hatten die gleichen Kinder noch im Brustton der Überzeugung erklärt, man dürfe nicht stehlen: "Das ist böse und gemein."

Im Grundschulalter

Hauen an sich ist böse.

können Kinder bereits moralische Grundsätze von gesellschaftlichen Normen unterscheiden. Beispiel: Sie wissen, dass man andere Kinder nicht schlägt. Und sie wissen, dass man Lehrer nicht mit dem Vornamen anredet.
Was wäre denn nun, so lautete die Frage eines Forschungsteams, wenn das Gesetz beides für rechtens erklärte? Da differenzieren die Siebenjährigen: Den Lehrer mit Vornamen anzureden, wäre in Ordnung, wenn das Gesetz es erlaubt. Ein anderes Kind zu schlagen jedoch auch dann nicht. "Das darf man nie", sagten sie. Hauen an sich ist böse.
Was folgt aus all diesen Beobachtungen? Dass die zweite Vermutung, kleine Kinder hätten von Moral noch keine Ahnung, unhaltbar ist. "Kinder verfügen schon früh über ein differenziertes moralisches Wissen", sagt Dr. Gertrud Nunner-Winkler vom Max-Planck-Institut für psychologische Forschung. Was die Wissenschaftlerin aber auch sieht: "Es gibt eine deutliche Kluft zwischen moralischem Wissen und moralischem Wollen".
Mit anderen Worten: Schon kleine Kinder wissen, wie man richtig handelt, nur mit der Umsetzung hapert es. Sie kennen die Normen, sehen aber (noch) nicht ein, warum sie sich daran halten sollen. Es scheint so zu sein, dass Kleinkinder und Kinder im Vorschulalter bestimmte kognitive Fähigkeiten, soziale Erfahrungen und Weltwissen erst noch sammeln müssen. Deshalb gibt es auch eine Reihe von Situationen, in denen wir ihnen mildernde Umstände einräumen sollten:

Gute Vorbilder festigen das moralische Korsett des Kindes.
  • Wenn ein Dreijähriger in einem Umzugskarton mit aufgemalten Scheinwerfern sitzt und stolz und ernsthaft behauptet: "Ich kann Auto fahren!", ist das wirklich eine Lüge? Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten, fällt in dieser so genannten magischen Phase vielen Kindern schwer, bis ins Schulalter hinein.
  • Kleinere Kinder handeln oft nur deshalb „unmoralisch“, weil sie sich in Not bzw. einer Zwangslage befinden. Sie lügen, weil sie Angst vor Strafe haben. Oder sie schlagen um sich, wenn sie sich von Gleichaltrigen bedroht fühlen und noch nicht darin geübt sind, Konflikte mit Worten auszutragen.
  • Nicht zuletzt manövrieren sich junge Wilde durch ihre Neugier in fragwürdige Situationen hinein. Sie wollen vieles ausprobieren, sich und andere testen, Reaktionen provozieren. Wir Erwachsene tun gut daran, nicht hinter allem gleich Böses zu vermuten.

Zum Beispiel bei dem Zweieinhalbjährigen, der andere Kinder so gern an den Haaren zieht: Er macht das nicht aus Sadismus, sondern findet den spitzen Schrei seines Gegenübers schlicht faszinierend. Als ihm seine Mutter eines Tages eindringlich erklärt, wie weh das Haareziehen tut, hört er mit dem schmerzhaften Spiel auf. Wehtun möchte er niemandem.
Übrigens wollte auch Sara, von der anfangs die Rede war, mit ihrem Hieb etwas austesten - ihre eigene Macht: Würde sie den Bobbycar-Anhänger ohne große Diskussionen behalten können? (Da Theodor nicht aufgab und nach Saras linkem Haken erst recht an dem Anhänger zerrte, versuchte sie es beim nächsten Mal mit Verhandeln).
Und damit stellt sich auch Vermutung Nummer drei als nicht ganz zutreffend heraus: Für die moralische Erziehung eines Kindes sind keineswegs (nur) dessen Eltern zuständig, sondern die ganze Umgebung. In unzähligen Situationen - mit Gleichaltrigen in der Krabbelgruppe oder im Kindergarten, bei den Großeltern, in Filmen im Fernsehen - sieht ein Kind, wie andere Menschen sich verhalten und urteilen. Und natürlich ist es von Bedeutung, ob diese Vorbilder überwiegend durch Fairness oder durch Schummeleien auffallen.
Mutter und Vater nehmen dabei fraglos eine Schlüsselfunktion ein. Aber eben auch nur durch ihr Vorbild, nicht, indem sie ständig ihren Zeigefinger erheben und ihr Kind belehren. Was nützt es, über eine Schwindelei seines Kindes zu schimpfen, wenn man im Alltag selbst nicht aufrichtig ist, mit der Nachbarin z. B. zuckersüß plaudert, aber zu Hause von der "dummen Ziege" spricht? Kinder lernen jeden Tag, was man macht und was nicht.

Gute Vorbilder festigen also das moralische Korsett eines Kindes.
Und was noch?

  • Im Alltag bieten sich oft wunderbare Gelegenheiten zum Diskutieren, man muss sie nur nutzen. Beispielsweise beim Vorlesen oder gemeinsamen Fernsehen: "War es nun richtig oder falsch, was der Held der Serie da gemacht hat?"
  • Ein warmer, einfühlsamer Erziehungsstil bringt nicht nur sozial handelnde, sondern auch reife und selbständig denkende Menschen hervor. So zitiert die Zeitschrift "Psychologie heute" eine Langzeitstudie aus den USA: Wer als Kind geliebt, umsorgt und oft ermutigt wurde, bringt auch als Erwachsener anderen Menschen Wertschätzung entgegen.
    Ähnliches zeigte eine Augsburger Studie mit Müttern und ihren zweijährigen Töchtern: Je feinfühliger und unterstützender die Mütter mit ihren Kindern umgingen, desto stärker zeigten diese Mitgefühl anderen Kindern gegenüber.
  • Wer dagegen vorwiegend auf Strafen setzt, fördert bei seinem Kind unerwünschtes Verhalten wie Schwindeln oder Heimlichtuerei, weil das Kind permanent zu Angstlügen verleitet wird.
  • Moralische Sicherheit erlangen Kinder am besten dort, wo feste Familienregeln gelten. Wo aber auch die Gewissheit herrscht, darüber jederzeit offen diskutieren zu können.

Fassen wir zusammen: Es ist ein allmählicher Prozess, der aus einem kleinen Menschen, der die Regeln kennt, einen Menschen macht, der auch nach diesen Regeln handelt. Je öfter ein Kind erfährt, dass Fairness und Gerechtigkeit zum Ziel führen, ja sogar zufrieden machen können, desto stärker wird es dieses Wertesystem in sein eigenes Leben aufnehmen. Rückschläge kann es natürlich immer geben. Doch selbst wenn Sara in ihrer Kindergartenlaufbahn noch ein paar Freunde verhaut und in der Schule ihre Banknachbarinnen nie beim Diktat abschreiben lässt - es ist nicht auszuschließen, dass sie doch noch die eine oder andere Lektion in Sachen Einfühlsamkeit lernt.

Die Moral sitzt vorne oben

Jahrhundertelang war die Kirche Hüterin von Recht und Sitten. Dann machten sich Philosophen und Psychologen auf die Suche nach dem menschlichen Wertesystem. Jetzt hat die Hirnforschung immerhin den Ort gefunden, an dem über Gut und Böse entschieden wird: Die Moral sitzt direkt hinter der Stirn, knapp über den Augenhöhlen. Im präfrontalen Kortex, auch Stirnlappen genannt, bewerten wir, was wir sehen und hören. Hier schätzen wir ab, wie unsere Handlungen bei anderen Menschen ankommen könnten.
Woher Wissenschaftler das wissen? Sie konnten nachweisen, dass Menschen, deren Stirnlappen bei einem Unfall verletzt wurde, zu moralischen Überlegungen nicht mehr fähig sind. Die Betroffenen waren nicht mehr in der Lage, sich in andere einzufühlen, Gewissensbisse waren ihnen fremd. Was Hirnforscher wie der Bremer Professor Gerhard Roth so erstaunlich finden: Kein anderer Teil des Gehirns kann die Aufgaben dieses Moralzentrums übernehmen. Ist also bei einem Kind der betreffende Teil des Stirnlappens verletzt (was zum Glück nur höchst selten vorkommt), kann aus diesem Kind kein sozial fühlendes und handelndes Wesen mehr werden.