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Wertschätzende Erziehung Hätte ich netter schimpfen sollen?

Wertschätzende Erziehung: Mutter umarmt ihre Tochter und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn
So kannst du deinem Kind Gelassenheit und Zuversicht vermitteln … 
© MoMo Productions / Getty Images
Im stressigen Familienalltag ist es für Eltern nicht immer leicht, ruhig zu bleiben. Wie ihr es dennoch schafft, euren Kindern auf eine liebe und wertschätzende Art Grenzen zu setzen, hat uns eine Expertin verraten.

In schwierigen Situationen entspannt bleiben und so den Kindern eine wertschätzende Erziehung vermitteln? Klingt für viele unmöglich. Ist es aber gar nicht! Die bekannte Kinder- Jugend- und Sachbuchautorin und Lehrerin Heidemarie Brosche gibt in ihrem neuen Buch "Hätte ich netter schimpfen sollen?" mit praktischen Anleitungen und Situationsbeispielen Hilfestellung, um gelassener zu bleiben. Uns hat sie erzählt, wie Eltern es schaffen, ihre Kinder sanft, liebevoll und wertschätzend zu erziehen – ohne zu schimpfen, zu drohen oder zu schreien. Wie, erzählt sie uns im Interview.

ELTERN: Liebe Frau Brosche, in welchen typischen Situationen beobachten Sie großes Potenzial für Streit und falsche Kommunikation zwischen Eltern und Kindern? 

Wenn das Kind nicht so will, wie die Eltern es wünschen. Erst versucht man es gerne mit einem freundlichen Gespräch und dem Appell an die Vernunft, aber stößt dies beim Kind nicht auf Gehör, schleicht sich schnell ein abwertender oder drohender Beiklang ein, und die Stimme wird immer lauter. Besonders brisant entwickelt es sich in Zeitnot und wenn die Eltern – ganz unabhängig vom Kind – nervlich schon angespannt sind. 

Wie können Eltern es in solchen Stresssituationen vermeiden, viel zu schimpfen, zu drohen oder zu schreien?

Indem Sie neben der Liebe auch zu Klarheit und Führung bereit sind, was nicht heißt, dass das autoritäre Verhalten früherer Zeiten wieder auflebt. Mit Erzeugen von Angst und mit Ausüben von Macht hat Klarheit nichts zu tun. Kinder brauchen Eltern, die ihnen Halt und Orientierung geben. Dabei müssen Eltern ihre Kinder als Wesen gleicher Würde betrachten und sie ernst nehmen – genau das hat man zu autoritären Zeiten eben nicht getan.

Ich empfehle auch:

a) Perspektivenwechsel: Wie fühlt sich die Situation gerade für mein Kind an?

b) Vorbeugung: Unter welchen Bedingungen, zu welchen Zeiten, an welchen Orten kommt es immer wieder zu Stress und Konflikten? Wie könnte man das entschärfen?

c) Gute Elternselbstfürsorge, die auch bedeuten kann, dass andere Menschen um Hilfe gebeten werden. Zusätzlich sollten Eltern ihr Leben immer wieder mal auf unnötige Stressfaktoren, die sich einfach so eingeschlichen haben, durchforsten. 

Wie gelingt eine wertschätzende Erziehung? Können Sie drei Tipps aufzählen, wie Eltern netter schimpfen können? 

  1. Wenn euch etwas wirklich wichtig ist, sagt es mit Nachdruck! Das ist noch kein Schimpfen. 
  2. Wenn ihr Kritik ausübt, zeigt dem Kind klar, dass ihr nur sein Verhalten meint!
  3. Lasst das Kind auch im Konfliktfall eure Liebe spüren, indem ihr ihm zum Beispiel über den Arm streicht oder ihm ein kleines Lächeln schenkt!

In welchen Momenten sollten Eltern besonders darauf achten, wie sie mit ihren Kindern umgehen? 

Wenn sie selbst schlecht drauf sind und spüren, dass sie an ihre eigenen Grenzen stoßen. Und wenn es Publikum gibt – aber nicht, weil man vor Publikum die Rolle der Supereltern spielen soll, sondern zum einen, weil man sich vor Publikum so leicht hilflos und beschämt fühlt und deshalb dazu neigt, nicht besonnen zu reagieren, und zum anderen, weil auch die Kinder nicht vor anderen Anwesenden blamiert und bloßgestellt werden sollen.

Was hilft Eltern, im Familienalltag gelassener zu werden? 

Hilfreich kann es sein, an der eigenen inneren Haltung zu arbeiten: Herausforderungen wie das trotzende Kleinkind oder der revoltierende Jugendliche werden dann als selbstverständliche Herausforderung des Lebens angesehen. Zudem können Eltern ihre Einstellung zu Konfliktsituationen überdenken, also anerkennen, dass das Kind nicht böse ist, sondern sich für sich selbst und seine Interessen einsetzt.

So trainiert das Kind Frustrationstoleranz und Konfliktfähigkeit.

Wenn das Kind traurig oder wütend die erlittene Enttäuschung verarbeitet, muss dies eben manchmal ausgehalten werden. Dabei hilft die Erkenntnis, dass das Kind lernt: Ich habe eigene Bedürfnisse, aber nicht all diese Bedürfnisse können erfüllt werden. So trainiert das Kind Frustrationstoleranz und Konfliktfähigkeit.

Haben Sie einen Ratschlag, wie man Grenzen richtig setzt? 

Auf keinen Fall sollte man sie setzen, weil "Kinder einfach Grenzen brauchen". Aber wenn ein Kind sein eigenes Wohlbefinden gefährdet, braucht es eine Grenze, wenn es andere gefährdet oder belästigt, ebenso. Und wenn die Eltern das sichere Gefühl haben, bei ihnen ganz persönlich sei das Ende der Gelassenheit erreicht, ist auch dies eine Grenze. In all diesen Fällen müssen Eltern eben klar, aber nicht schimpfend und "böse" dagegenhalten, auch wenn das Kind heftig protestiert. 

Was, wenn das Kind komplett dichtmacht, wenn es nicht aufhört zu schreien und in der Öffentlichkeit auf dem Boden einen Wutanfall bekommt. In solchen Momenten platzt vielen der Kragen …

Wenn Zeugen dabei sind, kommt zum Ärger der Eltern eben auch noch als Last, dass sie sich durch das trotzige, widerspenstige, sich "fehlverhaltende" Kind womöglich blamiert und vorgeführt fühlen. Hilfreich finde ich, sich vorher vorzustellen, was passieren kann und das im Geiste durchzuspielen. Tritt die Situation ein, wird man als Mutter oder Vater immerhin nicht mehr kalt erwischt. Eltern sollten sich auch in solchen Fällen bewusst darum bemühen, dem Kind Zuwendung zu schenken, also an seiner Seite bleiben, ohne viel zu reden. Das Kind spürt dabei: Mama oder Papa sind auch in dieser Krisensituation bei mir, aber sie knicken nicht ein.

Wie können Eltern respektvoll und wertschätzend bleiben und trotzdem Grenzen setzen? 

Wenn Eltern sich schwer mit dem Grenzensetzen tun, können zwei Gedanken helfen:

  1. Es ist gut für mein Kind! Das Kind bekommt sowohl Wertschätzung als auch Orientierung durch mich, ohne dass sein Selbstwertgefühl durch Abwertungen und Kränkungen angeknackst wird.
  2. Es ist gut für unser Zusammenleben und damit auch für mich selbst als Mutter oder Vater!

Oft eskalieren Situationen ja gerade dann, wenn Eltern zu lange unklar bleiben und Kinder immer mehr aufdrehen, bis bei den Eltern der sprichwörtliche Geduldsfaden reißt und sie in ihrer Not und Hilflosigkeit zu nicht wertschätzenden Reaktionen und Mitteln greifen. 

Was vergessen die meisten Eltern, wenn sie ihre Kinder anschreien und schimpfen? 

Dass das langfristig nicht nur keinen Erfolg bringt, sondern den Kindern wehtut. Zur Beruhigung: Wenn zwischen Eltern und Kindern eine sichere Bindung herrscht, wenn die Beziehung gut und von Wertschätzung geprägt ist, kurz: wenn die Kinder sich der bedingungslosen Liebe ihrer Eltern sicher sein können, dann "verzeihen" sie auch gelegentliche Ausraster. 

Und was sind langfristige Vorteile für Kinder, wenn Eltern ihren Kindern eine wertschätzende Kommunikation und Erziehung vorleben? 

Sie nehmen die Wertschätzung ganz selbstverständlich mit in ihr eigenes Leben – im Zusammenleben mit ihren Freund:innen, mit ihren Partner:innen und im Beruf. So kann sich auch gesellschaftlich etwas zum Guten verändern. Und natürlich werden die eigenen Kinder irgendwann davon profitieren. 

ELTERN

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