Geschwister: So unterschiedlich!
 
Sind die beide von uns?

ELTERN-Autor Matthias Kröner wundert sich immer wieder darüber, wie unterschiedlich Brüder sein können.

Vater mit Kindern
Berit Kröner

Es passiert im Waldkindergarten. Lennard, 3, rutschte auf einem Baumstumpf aus, fiel wie ein Stuntman, bremste aber leider mit seiner Nase. Es war gerade Abholzeit, ich sprintete zu ihm hin, stoppte die Blutung und überlegte mit den Erziehern, den Notarzt zu rufen. Weil Lennard ansprechbar blieb, sind wir dann erst von zu Hause aus in die Klinik gefahren. Selbstverständlich passieren solche Dinge an einem Freitagnachmittag, wenn die Kinderärzte
längst bei ihren eigenen Kindern sind ...
Nach ausgiebiger Wartezeit wurden wir aufgerufen. Lennards Nase war inzwischen auf eine Größe angeschwollen, die einen Box­Champion stolz gemacht hätte. Er selbst schien den Fall interessant zu finden, lief selbstsicher ins Sprechzimmer, setzte sich auf den Untersuchungsstuhl – und legte los: „Du hast aber schöne Schuhe. Auch die Glitzersterne darauf gefallen mir.“ Die Ärztin sah an sich herab. „Vielen Dank“, erwiderte sie. „Ich hätte sie noch lieber in Grün.“ Lennard nickte, als wäre er ein Designkritiker. Mit Kennerblick und einer Nase, die ziemlich schief in seinem Gesicht herumstand, fügt er höchst charmant hinzu: „Das hätte mir auch gefallen.“ Dabei schenkte er ihr ein wildes Lächeln, ließ sich mit einem Gerät in sein
Riechorgan gucken und strotzte vor Coolness. Das erinnerte mich an seinen Bruder Emil, der mit zwei Jahren seine erste Mini­Verwundung an einem Brombeerstrauchdorn erleiden und einen winzigen Tropfen Blut sehen musste. Er schrie fünf Minuten lang und schlief dann ein. Ich hielt ihn wacker im Arm, während die Welt vor seinen in Tränen schwimmenden Augen unterging. Seither will er mit Blut nichts zu tun haben und braucht dringend – „sofort!“ – ein Pflaster, sobald seine Haut leicht geritzt ist. Diese Tatsache hält ihn nicht davon ab, sich das Leben zu erobern, mit seinen Freunden zu raufen und sich, wenn nötig, auch durchzusetzen. Trotzdem ist er ein völlig anderer Typ.
Vielleicht liegt es daran, dachte ich, dass ich als Einzelkind groß wurde, weshalb ich mit Lennards Geburt einen Emil II erwartet hatte. Eine mehr oder weniger starke Kopie, die nur ein bisschen kleiner ist ... Wie unterschiedlich Kinder aus einer Familie mit identischen Eltern, dem gleichen Erziehungskonzept und derselben Lebenssituation (wir haben weder Wohnort noch Job gewechselt) werden können, hätte ich nicht für möglich gehalten.
Einmal musste meine Frau eine geliehene Feuerschale zu Freunden bringen. Diese Freunde wohnten exakt 400 Meter entfernt. Ich war nicht zu Hause, weshalb sie zu Emil sagte: „Ich fahr schnell mit dem Auto. Ich bin in fünf Minuten zurück. Bleib du solange mit Lennard hier!“
Emil, damals sechs, sah sie entsetzt an. In seinem Kopf klickte es: 400 Meter Entfernung, fünf Minuten Distanz – das geht nicht! Lennard, er war da gerade zwei, stand lässig daneben und winkte ab: „Kannst fahren, Mama!“ Emil zu Lennard mit einem Blick, als hätten wir ihn gezwungen, einen Horrorfilm anzuschauen: „Lenni, wir sind dann allein zu Hause! Mama ist weg!“ Lennard, nach kurzer Denkpause, indem er auf seine Mutter und seinen Bruder zeigte: „Ich bleib auch allein da!“
Meine Frau unternahm den Kurztrip mit beiden Kindern, brauchte eine halbe Stunde und erzählte mir später die Episode. Nach dem Abendessen nahm ich Emil zur Seite. „Wieso wolltest du nicht zu Hause bleiben? Mama wäre sofort zurückgekommen.“ Er antwortete mit einer Klarheit, die ich bis heute noch nicht erreicht habe: „Ja, Papa. Der Lennard ist eben mutiger als ich.“ Treffer! Wer so viel über seine Ängste weiß und sie sogar annehmen kann, der wird gut durchs Leben kommen.
An diesem Abend dachte ich länger über die beiden nach, darüber, wie anders sie waren, wie unterschiedlich sie das Leben sahen und wahrnahmen, wie sie anders auf Sachen zugingen und sich zu behaupten wussten. Jeder auf seine Weise, aber jeder eben doch gegensätzlich, teilweise genau anders herum als der andere.
So ließ sich Emil mit dem Laufenlernen Zeit. Er saß und beobachtete seine Gegend, vorzugsweise im PEKiP, wo er beeindruckt den anderen Kindern zusah, die irgendwelche Dinge mit Bällen und anderem Spielgerät anstellten. Emil hockte davor wie ein Wissenschaftler, der eine Versuchsanordnung verstehen wollte.
Der einjährige Lennard dagegen trainierte. Manchmal meinte ich, einen kommenden Marathonläufer im Haus zu haben. Er hasste den Kinderwagen. Nicht einmal die Tagesmutter schaffte es, ihn in ein solches Gefährt zu setzen. Monatelang wollte er nur eines: laufen lernen.
Ähnlich verhielt es sich mit dem Fahrradfahren. Natürlich, Emil fährt schneller und absolut sicher Rad. Doch Lennard hat eine Power, die den Zweitgeborenen gern nachgesagt wird. Aber seine Energie ist nicht allein durch die Geburtsfolge zu erklären. Steiler Berg? Er ist dabei! Steiler Aufstieg? „Schaff ich schon!“ Während sich Emil bei einem Anstieg gern mit einer Hand von mir schieben lässt („Papa, kannst du mal ...?“) und konsequent auf Entspannung setzt („Das gibt mir wieder Energie!“), will Lennard die härtesten Berge selber schaffen. Er versucht es wieder und wieder – und ärgert sich, wenn ich eingreifen muss, bevor er umkippt. Wenn er strauchelt und sich die Hand aufschürft, weint er kurz. Doch es gibt ein höheres Ziel, das ihn zurück zu sich bringt: weiterfahren.
Manchmal frage ich mich: Was prägt einen Menschen? Der Genpool oder die soziale Herkunft? Beides zusammen?
Während Emil bei den ersten Schneeflocken unbewusst sein erstes Gedicht erfindet („Der Schnee betäubt die Straßen in Weiß“), will Lennard seine Fahrradhandschuhe nicht mehr ausziehen, auch im Winter nicht, auch nicht in der Nacht („Die nehm ich mit in den Kindergarten.“).
Lennard ist anders, Emil auch. Doch zweimal am Tag sind sie sich einig. Dann muss man sich kloppen. Mit allem, was man hat und was dazugehört. Oft geht es um die Couch. Um einen Platz, den man dort erobern will. Emil gibt nicht nach, Lennard erst recht nicht. Wie schön, dass sie sich doch so ähnlich sind!