Im Wochenbett mit dem zweiten Kind
 
Und plötzlich war meine Kleine meine Große!

Im Wochenbett mit dem ersten Baby: Stillen, Schlafen, Kuscheln, verliebtes Babyanstarren und sonst gar nichts. Beim zweiten Kind: Die Besucherritze ist dauerbesetzt von der Großen. Zweisamkeit mit dem Baby, immer schlafen, wenn das Baby schläft? Fehlanzeige!

Im Wochenbett mit dem zweitem Kind
iStock, SolStock

Wenn ich an die erste Zeit zu dritt denke, dann sah das ungefähr so aus: Wir haben uns acht Wochen weggesperrt. Nur die engste Familie durfte mal lunzen. Mein Mann und ich haben geschlafen, wenn die Kleine schlief, sie verliebt angesehen, immer wieder etwas Neues, unglaublich Entzückendes an ihr gefunden, und zumindest ich bin in Gesprächen oder Gedanken die Geburt immer wieder durchgegangen. Nicht weil die so schlimm war, sondern einfach, weil sie beeindruckend war und ich das Ganze noch verarbeiten musste.
Beim zweiten Kind gab es das nicht wirklich. Denn meine Tochter Rixa (damals knapp 2 Jahre alt) konnte ich ja nicht aus dem Schlafzimmer aussperren. Und immer nur: „Psst, ruhig, wir schlafen hier, leg dich gern dazu,“ läuft bei einer Zweijährigen einfach nicht. Bilderbuch vorlesen war da noch die ruhigste Lösung. Dann lag oft der kleine Bruder Bela neben mir und Rixa saß auf meinem Schoß. Außer es war gerade Stillen angesagt, dann hat sie den Schoß auch mal geräumt.

Warten war nicht so ihr Ding

Ich hatte Glück mit Rixa. Von dramatischen Eifersuchtsszenen blieb ich vorerst verschont. Nach circa zwei Monaten wurde ihr klar: Der ist nicht nur zu Besuch da! Bela bleibt jetzt wirklich für immer bei uns! Gesagt hat sie mit knapp zwei Jahren dazu natürlich noch nix, aber ihr Gesicht sprach Bände. Sie beobachtete mich genau, wenn ich mich in hormoneller Glückseligkeit quiekend über Bela beugte. Natürlich wollte sie beim Stillen am liebsten auch auf meinem Schoß sitzen. Da der besetzt war, ist sie dann hinter mich auf den Sessel geklettert und hat mich von hinten umarmt und festgehalten. Manchmal drückte sie dabei etwas sehr doll an meinem Hals. Mal rutschte sie bei der Kletterei auch ab und kam gefährlich nahe an Belas Köpfchen ran. Also doch lieber runter vom Sessel und Bela und mir etwas Ruhe verschaffen. Dann saß sie vor uns und forderte in einer Tour, ich solle ihr ein Buch vorlesen, ins Kinderzimmer spielen gehen oder ähnliches. Ich konnte dann immer nur wiederholen, dass ich hier gerade nicht weg kann und sie warten muss. Warten war nicht so ihr Ding. Um möglichst nah bei uns zu sein, begann sie dann am Köpfchen ihres Bruder rumzuspielen. Solange das Bela nicht abgelenkt hat, ließ ich sie gewähren. Zum Glück hat sich dann oft mein Mann mit ihr kuschelnd in unsere Nähe gesetzt. Und nach der Milchmahlzeit haben wir dann getauscht. Er kümmerte sich ums Bäuerchen und ich schmuste mit Rixa.
 
 

Bis eben war sie noch der Star der Familie

Beim zweiten Kind kam der Wochenbettbesuch wesentlich früher ins Haus, fiel aber auch deutlich geringer aus. Diejenigen, die selber schon mehr als ein Kind hatten, haben meiner Tochter eine Kleinigkeit mitgebracht oder einfach mit ihr das Gespräch gesucht und nicht nur auf das Baby gestarrt. Die Beachtung tat ihr gut. Denn natürlich entging ihr nicht, dass alle auf einmal jauchzten und freudig das Baby halten wollten. Das fühlt sich nicht gut an, wenn man doch bis vor kurzem noch der Star in der Familie war. Ein kleines Pixibuch vom Besuch oder die Bemerkung, was sie für eine stolze große Schwester sei, freute sie sehr.
Auch unsere Kita hat das toll gemacht: Meine Tochter bekam ein T-Shirt, wo drauf stand „Tolle große Schwester.“ Sie wurde in ihrer Gruppe für ihre neue Rolle richtig gefeiert.

Gerechtigkeit ist nicht in greifbarer Nähe

Papa ist in der Zeit übrigens für sie noch mehr der Held des Alltags geworden. Er hat sie die ersten vier Wochen immer in die Kita gebracht und auch abgeholt. Beruhigend für mich zu sehen, wie viel Spaß die beiden hatten und wie eng sie die Zeit verbrachten. Aber manchmal gab es mir auch einen kleinen Stich ins Herz, denn so schön die Zweisamkeit am Vormittag mit Bela auch war, hatte ich doch wieder ein Baby im Arm, das nix konnte und wollte außer trinken und schlafen. Es dauert einige Monate, bis man das Gefühl hat, jetzt geben sie etwas zurück. Ein Lächeln. Ein bewusstes Erkennen, dass Du die Mama bist. Vorher buttert man da erst mal nur einseitig rein.
Ich freute mich nachmittags auf den kleinen Wirbelwind aus der Kita. Das war toll – die ersten Stunden. Bis mein Akku aufgebraucht war und ich feststellen musste, beiden gerecht zu werden, das schaffe ich nicht. Ständig habe ich im Kopf mitnotiert, wenn ich gerade drei Bücher in Ruhe mit Rixa gelesen habe, dann ist jetzt aber wirklich mal der Kleine dran. Umgekehrt habe ich Rixa, wenn sie aus der Kita kam, erst mal Zeit mit mir eingeräumt und Bela musste zurückstecken. Als wäre eine Art von Gerechtigkeit überhaupt in greifbarer Nähe und dann auch noch über stoppuhrmäßige Aufteilung der Zeit erreichbar. Voll nicht. Also wechselte mein schlechtes Gewissen abends immer mal die Richtung: Heute tat mir der Kleine leid, der viel zu viel nebenbei mitlief. Morgen war es andersherum.

Die Jogginghose war mein neues Markenzeichen

Und dann kam die Zeit, wo mein Mann wieder arbeiten ging und ich Rixa nachmittags selber aus der Kita abholte. Vier Wochen da komplett raus gewesen zu sein, das war komisch. Ich hatte meinen Mann ständig gefragt: „Und? Gibt’s was Neues?“ Mal konnte er was erzählen, aber oft eben auch nicht. Und ich hatte trotzdem das Gefühl, gar nicht mehr richtig an dem Leben vom Rixa teilzunehmen. Von daher war es gut, wieder täglich in der Kita zu sein und zu merken: Es gibt wirklich nichts Neues zu erzählen.
 
Dafür war das Timing für Bela und mich eine Herausforderung. Irgendwie hat uns der Zeitpunkt des Abholens fast jeden Tag wieder überrascht. Ich trug immer noch den Schlafanzug oder die Jogginghose: ausgeh-unfein sozusagen. Vorher noch mal schnell stillen und Windeln wechseln und dann mit Sack und Karre los. Der Spiegel in unserem Haus-Aufzug hat mich so manches Mal vor Peinlichkeit gerettet. Immerhin war Winter, so dass ich mit einer Wollmütze das Haarchaos erst mal verdecken konnte. Da ich in meine Jeanshose sowieso noch nicht wieder reinpasste, war die Jogginghose mein neues Markenzeichen.
Mit etwas Glück schlief Bela schon auf dem Weg in die Kita ein. Das gab mir Zeit, Rixa beim Anziehen zu helfen, mal die Windel noch schnell zu wechseln, bis Bela wieder aufwachte, weil der Kinderwagen sich ja nicht mehr bewegte. Hat oft geklappt, aber manchmal eben auch nicht. Dann hieß es mit vorgeschnalltem Baby in die Knie gehen und Schuhe anfriemeln und trotzdem die Geduld behalten, wenn Rixa die fünfte Runde mit Freunden in der Kita-Halle drehte oder gerade einen Trotzanfall in der Garderobe hinlegte. Schafft man alles, aber es kostet einfach UNGLAUBLICH viel Kraft. Und natürlich versucht man, die ganze Zeit völlig souverän dabei rüber zu kommen vor den anderen Eltern und Erziehern. Haben ja andere Mütter auch geschafft, ohne vor Erschöpfung rumzuschreien oder einfach nur zu heulen.
Da der Altersabstand bei unseren Kindern so gering war, musste bald eine Geschwisterkarre her. Wenn da erst mal wieder alles drin angeschnallt war, gab mir das Ruhe und Sicherheit. Aber mit einem Geschwisterwagen durch den öffentlichen Nahverkehr ist auch kein Spaß. Treppen runter tragen hilft dir kaum noch einer, wenn da zwei Möpse in der Karre sitzen. Wir sind dann einfach viel spazieren gegangen. Rixa konnte von ihrem Tag erzählen und Bela schlief die nächste Runde an der frischen Luft.

Mein Fazit

Auch wenn ich mich in der ersten Zeit mit zwei so jungen Kindern immer unzureichend gefühlt habe und öfter den Gedanken hatte: "Was tue ich meinen Kindern da nur an?", muss ich im Nachhinein klar sagen, es war das größte Geschenk für die Kinder, als Geschwister aufzuwachsen. Klar muss Nummer 1 von dem goldenen Thron runter und Platz machen für Nummer 2, aber spätestens nach dem ersten Jahr merkt man, wie viel die beiden einander bedeuten und wie schön sie miteinander spielen können. Auch streiten. Aber wenn es hart auf hart kommt, halten die beiden einfach zusammen. Sogar gegen uns Eltern. Finde ich toll!