"Kind, iss das auf!" Der schlimmste Eltern–Fauxpas der Welt

Unsere Autorin nimmt ihren Eltern wenig übel. Aber dass sie immer aufessen musste, hat ihr schon häufig Bauchschmerzen eingebrockt.

Kind will nicht mehr essen
iStock, dragana991
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„Nee, also sonst kommt das ja weg, dafür isses ja dann doch zu schade“, sagt meine Mutter und stopft sich widerwillig das letzte Stück Kuchen in den Mund. Diese Weisheit höre ich mir nun an seit ich einen Löffel in der Hand halten kann und wahrscheinlich wurde mir schon vorher der letzte Löffel Brei noch hysterisch reingeballert, auch wenn ich längst keinen Hunger mehr hatte. Damit der Rest um Himmels Willen nicht „wegkommt“. Ich hoffe inständig, dass ich ihr wenigstens ab und an mal auf den Latz gereihert habe, um mich schon mal vorsorglich zu rächen für dieses miese, verinnerlichte Ideal eines ratzeputzblanken Tellers ohne Reste. Denn nichts hat mich je wieder so verkorkst wie dieses grunddämliche Ideal.

Deine Hüfte und das Klo sind nicht besser als der Müll

Nicht falsch verstehen, ich finde es auch furchtbar, wenn sich Menschen riesige Berge an Buffets auf den Teller schaufeln, um dann die Hälfte wegzuschmeißen und sich was Neues zu holen. Keine Frage, das ist echt keine Art. Aber wenn man nun mal pappsatt ist, sich ein bisschen verkalkuliert hat oder Oma offensichtlich "fünf Kilo" verstanden hat, als man "ein kleines bisschen" sagte, dann macht es für mich einfach keinen Sinn, aufzuessen. Das hilft weder den Kindern, die nichts zu essen haben, noch hilft das dem Kuchenstück.



Wenn ich ein Kuchen wäre, würde ich auf jeden Fall lieber in Würde in einem Mülleimer verenden, als lebenslang die Speckrolle Nummer Vierzehn zu werden. Nichts gegen Speckrolle Nummer Vierzehn, aber mir erschließt sich der Sinn der Das-musste-halt-weg-Völlerei nicht. Spaß-Völlerei ist super, keine Frage. Aber halt echt nur, wenn es Spaß macht. Nur erklär mal einer Reste-Panikerin wie meiner Mutter, dass ihre Hüfte auch nicht besser ist als der Restmüll. Klingt zugegebenerweise auch nur so semi-charmant.

Die kausale Kette hinkt

Dabei ist es so logisch. Wenn wir weniger essen, müssen wir weniger kochen, kaufen weniger ein, können für gleiches Geld hochwertigere Produkte aus fairem Handel kaufen, Milch von glücklicheren Kühen und Gemüse, das vielleicht zwei Würmer, dafür aber keine Chemiekeulen liefert. Aber das wäre ja viel zu intelligent. Satt ist man, wenn der Teller leer ist. Oder der Topf. Oder der Kühlschrank. Weil sonst das Wetter schlecht wird. Glaube ich. Hab es ja noch nie ausprobiert, denn nichts ist so nachhaltig wie schlechte Erziehung. Ach Mama, da hast du mir echt was eingebrockt... und wie immer muss ich die Suppe jetzt auslöffeln. Ohne Reste. Ehrensache.

Dieser Artikel ist zuerst erschienen bei BRIGITTE.de.

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