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Erziehung Raus aus der Kinderkarre!

Junge schaukelt
© romrodinka / iStock
ELTERN-Autorin Sabine Maus beobachtet immer mehr Kinder, die nicht selbständig sein dürfen: Vierjährige, die im Kinderwagen spazieren gefahren werden, Dreijährige, die nicht alleine rutschen dürfen und und und. Lesen Sie, warum es so wichtig ist, Kinder viel selber machen zu lassen. Und weshalb Eltern es aber nicht immer schaffen.

Die Beobachtungen von Sabine Maus

Einen Löffel für Bob den Baumeister, einen Löffel für Papa und einen für Tante Beate. Brav öffnet das Kind den Mund, Mama schiebt Banane-Pfirsich-Mus aus dem Babygläschen hinein. Neben den beiden auf der Spielplatzbank parkt der Kinderwagen. Nach fünf bis sieben Happen hat das Kind genug. Es sagt: "Ich spiele jetzt weiter mit dem Bagger", hüpft von der Bank und saust auf stämmigen Beinen davon. Fünf Minuten später weht lautes Streitgebrüll vom Sandkasten herüber, der Baggerfahrer hat seinen Sand über einem kleinen Mädchen abgebaggert. Mama packt zusammen, ruft nach ihrem Kind. Es kommt angesprungen, lässt sich in seine Karre plumpsen, holt vorher aber noch schnell die Tüte mit den Reiswaffeln aus dem Kinderwagenkorb. Unter Aufbietung aller ihrer Kräfte schiebt seine zart gebaute Mutter ihr Bröckchen dem Parkausgang zu.
"Wenn ich ihn nicht gerade selber hätte rennen sehen, würde ich denken, der arme Kerl kann nicht laufen", sagt mein Mann neben mir auf der Parkbank. Und keinen Löffel halten, möchte man hinzufügen. Ein gut Vierjähriger, der flüssig Sätze formuliert, einen Spielzeugbagger bedienen und der Spielplatzbekanntschaft eine Ladung Sand über die Zöpfe schaufeln kann, ist nicht unbedingt die richtige Buggy-Besatzung, meine ich. Auch sollte er seine Banane selber schälen, statt sie sich als Matsch in den Mund löffeln zu lassen.

Mütter behandeln ihre Kinder wie Babys

Ich weiß natürlich nicht, warum der Bursche so bedient wurde, vielleicht hatte er Zahnprobleme und das Kauen fiel ihm schwer - aber hätte er dann nicht wenigstens laufen können? Und wer legt sich schon im Sandkasten mit dreijährigen Mädchen an, wenn sein neuer Backenzahn glüht? Wahrscheinlicher ist also, dass die Mutter ihr Kind behandelt wie ein süßes Baby, obwohl es nicht mehr klein ist.

Besonders aufgefallen ist mir diese Diskrepanz zwischen dem Alter von Kindern und dem, was ihnen zugemutet, oder besser: nicht zugemutet wird, beim letzten Besuch in Italien. Dort scheint es gerade Trend zu sein, Kinder bis zum ersten Diktat im Kinderwagen zu schieben. Jedenfalls sitzt in jedem zweiten bis dritten Bugaboo ein Riesenlackel. Dass auch der - Gott sei Dank! - doch laufen kann, kapiert der mitfühlende Passant erst, wenn das Kind zehn Meter vor der nächsten Gelateria aus der Karre hüpft, um auf das Fenster mit den Eiswaffeln loszustürmen.

Seit dieser Beobachtung im Urlaubsland achte ich in heimischen Fußgängerzonen und auf Spazierwegen verstärkt auf übergroße Kinderwagenpassagiere. Und tatsächlich: Das Vorschulkind neulich im Park ist nicht unbedingt die Ausnahme. Gerade las ich im Lokalteil einer Münchner Zeitung die bittere Klage einer Mutter, der beim Einkaufsbummel niemand half, Buggy samt Tochter die Treppen zu U-Bahn hinunter zu tragen. Auf dem Foto zum Bericht stand das Mädchen neben ihr - wenn es in diesem Jahr eingeschult wird, würde es mich nicht wundern.

Kinder wollen laufen, rennen, groß werden

"Kinder haben einen inneren Bewegungsdrang", schreibt der Verband der Kinder- und Jugendärzte auf seiner Homepage. Und weiter: "Bewegung schult die Wahrnehmung der Kinder. Dabei werden vor allen Dingen die Raumerfahrung, das Körperbewusstsein, das Koordinationsvermögen und der Gleichgewichtssinn gefordert und weiterentwickelt." Wäre das Fast-Schulmädchen die Treppenstufen hinunter zur U-Bahn gelaufen, statt auf willige Sänftenträger zu warten, hätte es nicht nur etwas für seine Entwicklung getan, sondern auch für die Gesundheit: "Bewegung fördert den Stoffwechsel und so die Festigung der Knochen, die Entwicklung von Muskeln und Organen“, schreiben die Kinderärzte im Netz. Damit ist ihre Aufzählung von unschätzbaren Vorteilen noch nicht zu Ende: "Körpererfahrungen können als unmittelbares Erleben des Ichs beschrieben werden. Sie sind notwendig für den Aufbau von Selbstbewusstsein und für eine positiv empfundene Selbstwahrnehmung."

Alles, was Kinder selber tun, bringt sie weiter, lässt sie motorisch und geistig reifen.
Kindergartenkinder können schon sehr viel alleine: Sie ziehen sich selbstständig aus und an - T-Shirt auf links und zwei verschiedene Socken sind dabei kein Drama. Sie können Hände waschen - Hocker vor dem Waschbecken hilft und kann auch bereits selbständig transportiert werden.

Dreijährige können ein Brot bestreichen, ihr Glas mit einem Getränk auffüllen. Sie sind schnell wie der Wind auf dem Laufrad, fallen nicht mehr vom Trampolin, gehen Treppen alleine rauf und runter. Sie lieben es, in der Küche zu helfen, rupfen hingebungsvoll Salatblätter, rollen Kuchenteig, decken den Tisch. Bei allem, was sie tun, haben sie das gute Gefühl: Ich kann etwas!

Drei Gründe, warum Eltern Alleingänge behindern

Dass Eltern die wichtigen Alleingänge manchmal behindern, hat - niemand ist perfekt! - egoistische Gründe. Einer ist, dass es sich so wunderbar anfühlt, kleine Kinder zu haben. Als verliebte Mutter, als begeisterter Vater möchte man doch überhaupt nicht, dass die Kleinen minütlich größer werden und man selber irgendwann überflüssig. Wie oft habe ich etwas für die Söhne übernommen, das sie auch sehr gut selber hätten bewältigen können: Ich habe Äpfel zerteilt, Frühstücksbrote geschmiert, sie später in die Schule gefahren oder zum Tennistraining. Sie haben das dankbar angenommen, weil es bequem war. Erinnern sie sich aber heute an Highlights ihrer Kinderzeit, sind das keinesfalls mütterliche Dienstleistungen, sondern solche Sachen: Wie einer einmal beim Spielen in einer tiefen Matschpfütze stecken blieb; wie die Gummistiefel des anderen beim Rettungsversuch samt Socken im Morast zurückblieben und er barfuß (im Februar!) Hilfe holen musste. Oder: Dass der eine Bruder gerne die Salatsoße anrührte, während der jüngere im Überschwang seiner zweieinhalb Jahre beim Blätterwaschen die Küche unter Wasser setzte. Ja, daran erinnere ich mich auch. Und ich weiß noch, dass ich an manchen Tagen den Salat (heimlich) vorwusch, weil ich keine Lust auf Überschwemmung hatte. Das ist der zweite Eltern-Ego-Grund fürs Hätscheln: Es ist oft einfach bequemer. Wer den Nachwuchs schiebt, muss nicht warten, bis der jede Schnecke auf dem Spazierweg geschubst und alle Stöckchen eingesammelt hat. Die Tomatenspaghetti gelangen garantiert unfallfrei in den Mund, wenn Papa sie hinein löffelt. Außerdem - jetzt kommt der dritte Grund - sind Kinder, denen alles abgenommen wird, besser unter Kontrolle. Wer sie auf die Rutschbahn hebt, muss sich keine Sorgen machen, dass sie von der Leiter fallen. Gibt man ihnen kein Brotmesser in die Hand, können sie sich nicht schneiden.

Alles sehr verständlich und - wenn es die Ausnahme ist - auch nicht verboten, als pädagogisches Dauerprogramm aber nicht wirklich hilfreich. Für den Nachwuchs nicht, aber auch nicht für Mütter und Väter. Denn langfristig macht - das weiß ich heute - eine Erfahrung das Elternleben besonders schön, bequem und sorgenfrei: Die Erfahrung, dass das geliebte Kind sich vom süßen Baby zum selbständigen jungen Menschen entwickelt. Dazu muss es aber unbedingt aus dem Buggy steigen. Je früher, desto besser.

Was ist Ihre Meinung?

Dürfen Vierjährige im Buggy spazieren geschoben werden, wenn sie dafür friedlich sind? In welchen Situationen fällt es Ihnen selbst schwer, Ihrem Kind zu vertrauen und es selbständig handeln zu lassen? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare, Meinungen und Erfahrungen! Einfach an userkommentare@eltern.de schreiben.

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