Interview mit Lisette Siek-Wattel
 
"Frühförderung stiehlt Kindern die Zeit"

Sie ist eine außergewöhnliche Erzieherin, mit starken Prinzipien und Einstellungen, deren Arbeit sogar Gegenstand eines Kinofilms wurde: Lisette Siek-Wattel, 68, leitete über 30 Jahre lang eine kleine Kindergartengruppe in Stuttgart. Mit uns sprach die erfahrene Pädagogin über ihre Einstellung zum Thema Erziehung.

Kinder spielen mit Bauklötzen
iStock, vgajic

Lisette Siek-Wattel, 68, arbeitete 35 Jahre lang als Erzieherin und leitete bis zu ihrem Ruhestand eine kleine Kindergartengruppe in Stuttgart. Die charismatische Pädagogin war auch Mittelpunkt des Dokumentarfilms "Lisette und ihre Kinder", der vor einiger Zeit in den Kinos lief. Mit uns sprach die Erzieherin über ihre Erfahrungen, ihre Einstellung zu Kindern und ihre Beobachtungen, wie Erziehung heute besser gelingen kann.

Gibt es den kleinen Kindergarten in der Form wie er im Film gezeigt wird noch?
Ja, ich arbeite sogar im Moment wieder mit. Ich bin übergangsweise eingesprungen, als eine Vertretung benötigt wurde. Mir macht das nach wie vor viel Spaß, denn ich arbeite einfach gerne den Kindern.

Was wollten Sie in Ihrer Arbeit den Kindern vermitteln?
Dass sie zu sich selbst stehen können und nicht wie ein Blatt im Wind hin und hergeweht werden. Es ist gut, wenn sie selbstbewusst sind und ihre eigenen Bedürfnisse kennen. Es ist wichtig, dass sie Freunde finden können und Glück erleben. Dazu muss man ihnen aber auch Freiräume geben, in denen sie ihre Erfahrungen selbst machen können. Sie sollen erleben, dass sie nicht nur von Erwachsenen fremdbestimmt werden.

Der Kindergarten hat aber auch einen "Bildungsauftrag" und soll auf die Schule vorbereiten.
Ich wollte die Kinder nicht fertig bügeln für die Schule. Für mich ist "Bildungsauftrag" ein Schlagwort, als ob es davor noch keine Bildung im Kindergarten gegeben hätte. Kinder bilden sich ständig selbst, das hat es immer schon gegeben, aber dazu brauchen Kinder wieder mehr Freiräume, die ihnen heute oft fehlen. Sie schöpfen viel Kraft aus dem, was sie entdecken und erforschen. Das kommt in der Schule oft zu kurz.
Ich finde, dass die Schule gerade heute Erfahrungs- und Lebensraum sein muss und auf die individuellen Bedürfnissen der Kinder besser eingehen sollte. Durch große Klassen und dem Aussortieren nach der Grundschule, kann Schule das nicht leisten. Dadurch geht den Kindern oft die Freude am Lernen und Entdecken verloren.

Wie würden Sie Ihre Pädagogik beschreiben?
Ich habe nie ein Konzept genommen oder eines aufgesetzt und gesagt, so mache ich es jetzt. Ich habe einfach immer geschaut, was die Kinder interessiert und darüber nachgedacht. Das Leben ist so vielfältig, genauso wie die Kinder.
Wir kennen die Zukunft unserer Kinder nicht, daher brauchen sie Kreativität, um Dinge zu bewältigen die sie noch nicht kennen. Diese Kreativität zu erhalten und zu fördern war mir besonders wichtig. Ich glaube, dass für die Arbeit mit den Kindern auch deshalb jeder Tag ein neues Erlebnis für mich war.

Sie betonen, dass Kreativität sehr wichtig ist für Kinder. Wie kann man Ihrer Meinung nach Kreativität fördern?
Kinder bringen Kreativität mit. Aber es kann sein, dass sie ihnen abhanden kommt. Kinder brauchen Raum, um selbst etwas herauszufinden und eine ansprechende Umgebung wie Erde, Wasser, Sand. Ganz einfache Sachen sind es oft, die Kinder benötigen und die für ihre kreative Entwicklung wichtig sind. Es ist nicht das Vorgefertigte und auch nicht die Masse an Spielsachen, die diese Kreativität fördert.

Was halten Sie von Frühförderung?
Frühförderung einzelner Fertigkeiten stiehlt Kinden nur Zeit um ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Kleine Kinder lernen anders. Auch Kinder, die aus einem Waldkindergarten kommen, mit der Natur, mit Blättern, Steinen und Tannenzapfen gespielt haben, kommen in der Schule genauso gut mit, wie Kinder, die jeden Nachmittag vom Vorschulenglisch und danach zur musikalischen Früherziehung gefahren werden. Damit nimmt man Kindern nur die Freiräume, die sie brauchen. Wie sollen sie lernen, wie man Freunde findet und Spielkameraden, wenn sie gar keine Zeit zum Spielen haben? Freies Spielen ist ein wichtiges Element der Entwicklung. Kinder spielen um des Spielens willens, so entdecken sie die Welt. Das ist ein wichtiger Wert, der leider verloren zu gehen droht.

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