Kinderernährung
 
Martha mag echt nur Kekse

Irgendwann geht's los mit der Rummäkelei am Essen. Auch die Tochter unserer Autorin Christiane Stella Bongertz verweigerte aus heiterem Himmel die Nahrung. Also die gesunde. Eine kleine Ursachenforschung mit überraschenden Lösungsversuchen.

Baby isst Keks
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Inhalt: 
Wie die Mama – so die Tochter?Giftgrün heißt nicht umsonst soSogar Heidelbeeren sind outAlles nur eine (lange) Phase

An Martha lässt sich ein Phänomen beobachten: wie sich in bestimmten Situationen die Sinne schärfen. Dann kann unsere Tochter zum Beispiel Partikel, die man sonst nur unterm Elektronenmikroskop erkennt, mit bloßem Auge wahrnehmen. Klappt aber nur, wenn es grün ist und sich auf ihrem Teller befindet. „Wo denn?“, will ich wissen. „Da!“, sagt das Kind und tippt auf ein Kartoffelstückchen. Ich sehe... nichts. Zufällig weiß ich aber, welche Subs­tanz sich auf den „Orientalischen Ofenkartof­feln“ befindet: „Hey, das ist Petersilie! Probier doch mal!“ Was in etwa so Erfolg versprechend ist wie der Versuch, einem Verschwörungstheoretiker die Chemtrails am Himmel auszureden: „Nimm! Das! Weg!“ Ich entferne seufzend die kontaminierte Kartoffel – und, juhu, das Kind isst. Zwar nur Kartoffeln. Aber es isst.
Das war auch schon mal anders. Es gab eine Zeit, da aß Martha mäuschenwenig – und ich machte mir ernsthaft Sorgen, wie sie das gesundheitlich verkraften sollte. Ich erinnere mich an Verfolgungsjagden mit dem Müslilöffel, an laut­starke Ablehnung und misstrauische Blicke unserer Nachbarin, die wahrscheinlich kurz davor war, das Jugendamt zu verständigen. Die Gute darf nie erfahren, dass Martha zeitweise nur Kekse zum Abendbrot bekam. Den Tipp unserer Kinderärztin hatte ich da längst aus­probiert: „Sie wird sich melden, wenn sie Hunger hat!“ Hat sie tatsächlich. Nachts um drei. Und wollte: Kekse. Ich beruhigte mich damit, dass die immerhin aus Bio­-Vollkorn bestanden.

Wie die Mama – so die Tochter?

Mädchen will kein Gemüse essen
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Das Verrückte ist: Martha war anfangs eine gute und experimentierfreudige Esserin. Mit fünf, sechs Monaten hat sie alles Mögliche gefuttert. Ingwer. Zwiebeln. Sie hat Brokkoli gemampft wie Chips und sogar an Chilis geknabbert. Wir haben sie absichtlich (fast) alles probieren lassen. Wie konnte es passieren, dass plötzlich alles eklig war? Haben wir die Karma­-Quittung für unsere Arroganz bekommen? Wir waren immer sicher, dass uns so ein Gemäkel niemals blühen würde. Oder ist Martha durch mich epigenetisch geprägt? Schließlich habe ich mich früher jahrelang selbst vor allem von Pommes und Süßkram ernährt. Eine bange Frage muss ich mir immerhin selbst nicht stellen: ob ein Kind ohne nennenswerte Vitaminzufuhr überleben kann. Ich bin der lebende Beweis, dass das geht.

Giftgrün heißt nicht umsonst so

Der Kinderarzt und Wissenschaftler Herbert Renz­-Polster hat für mäkelige Zweijährige eine Erkärung: Wenn Kleinkinder ihr Essen plötzlich sezieren wie ein Chirurg, steckt unser evolutionäres Erbe dahinter. Wir Menschen sind anpassungsfähige Allesesser, aber diese Flexibilität hat ihren Preis: Uns gehen Instinkte ab, die uns präzise zu sicherer Nahrung leiten. Was essbar ist, muss stattdessen nach und nach gelernt werden.
Im Laufe der Evolution konnten bei diesem Trial­-and­-Error­-Prozess eher diejenigen ihre Gene weitergeben, die hier Vorsicht walten ließen. Die Drauflosesser waren nämlich oft schnell tot. So hat sich ein Programm entwickelt, mit dem Essanfänger abschätzen, ob etwas ge­fährlich oder genießbar ist. Da ist erst einmal eine angeborene Vorliebe für Süßes: Mutter­milch ist süß. Reife Früchte sind süß. Beides ist mit relativ vielen Kalorien eine gute Vorsorge für Notzeiten. Bitterer und saurer Geschmack wer­den dagegen gemieden. Bitteres, weil es auf Gif­te und Verdorbenes hindeuten kann. Saures, weil es oft unreif ist und damit wenig Energie liefert. Auch grüne Farbe deutet potenziell auf Giftiges hin. Man denke an ungekochte grüne Bohnen, bei denen bereits drei genügen, um sogar bei Er­wachsenen ernste Vergiftungserscheinungen hervorzurufen.

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Sogar Heidelbeeren sind out

Das i­-Tüpfelchen auf dem Urzeit­-Programm ist die Angst vor Neuem. Diese Neophobie treibt Eltern zuverlässig in den Wahnsinn. Nicht zufällig taucht sie mit ungefähr eineinhalb Jahren auf – in einer Zeit, in der die Kleinen mobiler werden und ihre Umgebung auch schon mal unterhalb des elterlichen Radars erforschen. Die Lust auf ein Menü aus Knollenblätterpilz, Toll­kirsche und Eisenhut – zufällig alles nicht grün – hält sich so praktischerweise in Grenzen. Warum aber nun Martha mit einem Mal Heidelbeeren oder Kirschtomaten verschmäht, die weder a) grün noch b) bitter, c) sauer noch d) unbekannt sind, sondern e) lange zu ihren Leibspeisen zählten, lässt sich so nicht erklären. Und wo ist die „ange­borene“ Abneigung gegen Bitteres, wenn man sie braucht? Als Martha mir mit eins dabei zusah, wie ich Bitterschokolade mit 85 Prozent Kakao für Pralinen geschmolzen habe, forderte sie vehe­ment eine Kostprobe: „Do!“ Ha, dachte ich listig, das mag sie sowieso nicht – und ließ sie ein Krümelchen probieren. Ergebnis: Der Krümel  wurde inhaliert, und sofort schnellte der Zeigefinger wieder nach vorn: „Do! Do! Do!“

Alles nur eine (lange) Phase

Tja, so ist das bis heute geblieben. Schoko­lade geht immer, in jeder Form. Ähnliches gilt für Oliven, jedenfalls für die ganz salzigen und – logisch – nur für die schwarzen. Die mögen theo­retisch gesund sein, allerdings weiß ich nicht, ob es förderlich ist, wenn die Salzzufuhr meines Kindes die Empfehlung der WHO für Erwachse­ne (fünf Gramm) um das Dreifache überschreitet. Und das schafft Martha locker, wenn wir sie mit dem Olivenglas alleinlassen. Versuchen wir das mit Brokkoli, bleibt der jungfräulich unangetastet.
Doch es gibt Hoffnung: Wer stur weiter Ge­sundes serviert, hat gute Chancen, die „Mag ich nicht!“­-Mauer irgendwann zu durchbrechen. Liegt ein Gericht nur oft genug auf dem Teller, steigt die Akzeptanz. Und spätestens mit acht bis zwölf Jahren wächst bei Kindern die Neugier auf neue Geschmackserlebnisse. In unserem Fall: nur noch schlappe 1827­ bis 3288­ mal schlafen!
Die Sache mit der Evolution hat mich auch noch auf was anderes gebracht. Stichwort: Futter­neid. Mal wieder hatte das Kind lustlos dem Obstteller den Rücken gekehrt. Als sie gerade aus der Küche war, flüsterte ich dem Papa vernehmlich zu: „Meinst du, Martha merkt, wenn ich diese saftige, süße, köstliche Kiwi esse, die sie ja eh nicht will?“ Es folgte ein Schrei: „Meeeeiiiins!“ Und, schwups, war die Kiwi verputzt. Obwohl sie grün ist. Wie gesagt: Es gibt da dieses Phänomen...