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Mediennutzung bei Kindern Ab wann sind TV, Apps und Co. okay?

Mediennutzung bei Kindern: Kleiner Junge sitzt vorm IPad
© AnnaTamila / Shutterstock
Kinder sind fasziniert von tollen Geschichten, sie lieben Bilderbücher, Hörspiele, Videos, Apps. Nicht alles eignet sich schon für die Zwei- und Dreijährigen – auch wenn bewegte Bilder besonders verführerisch sind. Schlimm? Wie gehen wir als Eltern damit um? Solche Fragen hat unsere Autorin Susanne Rohlfing mit Expertinnen besprochen. Hier ist ihr Bericht.

Papa, Pizza und PJ Masks – der Sonntagabend neulich war gerettet für unsere Zweijährige. Ihre großen Brüder, sechs und acht Jahre, durften einen Film gucken: "Drachenzähmen leicht gemacht 3". Zu aufregend für die Kleine und zu lang. Aber das Sonderprogramm mit Papa erlebte sie als Auszeichnung und nicht als Ausgrenzung: erst Badewanne, dann Pizza im Kinderzimmer und eine Folge "PJ Masks" auf dem iPad. Anschließend noch eine wilde Verfolgungsjagd quer durchs Haus, bei der sie rief: "Du kriegst mich nicht, ich Gecko-Muskeln haben." Ihr Serienwissen ist famos, nur an der Grammatik arbeiten wir noch. Und an meinem schlechten Gewissen.

Ich habe es nicht geschafft, meine Tochter bis zu ihrem dritten Geburtstag vor der Versuchung Fernsehen zu bewahren. Beim Großen hat das noch geklappt. Beim Mittleren fast. Doch die Kleine ließ sich schon mit gerade zwei Jahren nicht mehr ablenken, wenn die Brüder vor dem Abendessen ihr Fernsehritual starteten. Inzwischen ist sie immer die Erste auf dem Sofa, pflanzt sich gemütlich auf die Kissen, ruft nach einer Decke und guckt ihren Brüdern beim Spielzeugaufräumen zu. Die Jungs sind so nachsichtig wie ich. Sie lassen unserem Nesthäkchen das Nicht-Mithelfen genauso durchgehen wie ich das Mitgucken. Täglich ein getrenntes Programm ist nicht alltagskompatibel. Das klappt nur am Wochenende, wenn auch der Papa am Abend da ist.

Was bleibt bei den Kleinen überhaupt hängen?

"Eine Bewegtbildgeschichte aufnehmen, verfolgen und verstehen – das können Kinder erst ab etwa drei Jahren", sagt Verena Weigand, die Vorsitzende des Vereins Programmberatung für Eltern. Der Verein gibt "Flimmo" heraus, einen Elternratgeber für TV, Streaming, YouTube und Kino. Alles in allem sind sich die Experten einig: Fernsehen für unter Dreijährige muss nicht sein (und mit Fernsehen ist Bewegtbild gucken gemeint, egal ob klassisch linear nach Programm oder, was heute eher die Regel ist, per Streaming auch auf dem Tablet oder dem Smartphone). "Da sind andere Beschäftigungen wichtiger", sagt Weigand. "Die Welt erkunden und Dinge erfahren, die die Kinder in ihrer Entwicklung weiterbringen." Also Laufen, Klettern, Abstürzen. Malen, Bauen, Puzzeln. Mit anderen Menschen kommunizieren. Sachen anfassen. Mit den Eltern kuscheln. Die großen Brüder schubsen – und zurückgeschubst werden.

"Kinder müssen so wahnsinnig viel lernen in den ersten Lebensjahren", erklärt Nicole Strüber. Sie ist Entwicklungsneurobiologin und -psychologin, Buchautorin und Mutter zweier größerer Kinder. Die Welt mit all ihren Gesetzmäßigkeiten und Regeln sei schließlich totales Neuland für die Minis. Das gelte es zu ergründen: Zum einen physisch, da spielen so Dinge wie Schwerkraft, Fliehkraft oder Bremsweg eine Rolle. Verwirrend. Zum anderen sozial, da geht es um Regeln des Miteinanders mit Artgenossen. Und zum Dritten emotional.

"Kinder müssen ihre eigene emotionale Welt erst mal ausdifferenzieren", sagt Strüber. "Sie müssen lernen, ihre Gefühle zu regulieren, Angst auszuhalten, Wut wegzustecken." Höchst kompliziert ist das. Und höchst nervenaufreibend für Mama und Papa. Für all das braucht es zuallererst das reale Leben. Nicht die Hörfassung. Nicht die filmische Version. Und nicht den digitalen Abklatsch.

Videos: Eigentlich gut oder an sich schlecht?

Elektronische Medien bei den ganz Kleinen außen vor zu lassen und später bei den Größeren zu reglementieren ergibt nicht deshalb Sinn, weil Fernsehgucken oder iPad-Spielen an sich schädlich sind. Es geht vielmehr um das, was nicht passiert, während geglotzt und gedaddelt wird. Es geht ums nicht Rennen, nicht Hüpfen, nicht Streiten, nicht mit anderen Lachen. Menschenkinder brauchen Bewegung, um gesund groß zu werden. Und sie brauchen die Liebe und Aufmerksamkeit anderer Menschen. Dann lernen sie am besten.

Deshalb würde die Neurobiologin Strüber das gemeinsame Bücheranschauen immer dem eigenständigen Klicken durch eine Geschichten-App vorziehen. Das Hormon Oxytocin macht den Unterschied. Wir Mütter kennen das, es spielt auch bei der Geburt und beim Stillen eine wichtige Rolle. Aber Oxytocin kann noch viel mehr. Das Kindergehirn schüttet es im vertrauensvollen Miteinander mit seinen engen Bezugspersonen aus. Also etwa beim aneinandergekuschelten Vorlesen. Das Hormon sorge dann für Entspannung, für "ein Milieu der Ruhe im Gehirn", erklärt Strüber.

Daher also schlafen meine Kinder am besten ein, wenn ich drei Bücher vorgelesen habe. Und jeder Versuch, das Abendritual zu verkürzen, kostet mich am Ende mehr Zeit, als hätte ich einfach wie immer gelesen. Denn ohne Kuschellesen und Oxytocinflut dauert es eine Ewigkeit, bis die Bande endlich zur Ruhe kommt. Das Problem: Das Hormon wirkt auch bei mir. Also schlafe ich regelmäßig mit ein in dieser Glückseligkeits-Bubble, und die kinderfreien Abendstunden finden oft ohne mich statt.

Aber zurück zum Lernen. Oder eben weniger Lernen beim Fernsehgucken oder iPad-Spielen. Oxytocin sorgt nicht nur für Kuschelstimmung, es fördert auch die Plastizität im Gehirn. "Und damit die Fähigkeit von Nervenzellen, sich bei neuen Erfahrungen zu vernetzen", erklärt Nicole Strüber. In angenehmer Gesellschaft lernen wir also am besten. Na klar, als die Natur sich überlegt hat, wie sie uns Menschen am besten schlau bekommt, gab es kein Fernsehen und keine Smartphones. Nur andere Menschen. Deshalb brauchen unsere Kleinsten bis heute die liebevolle Aufmerksamkeit älterer Artgenossen, um möglichst viel von dem zu lernen, was es so zu lernen gibt auf unserer Welt.

Mama und Papa am Smartphone – kein Problem?

Das Smartphone oder Tablet wird dabei nicht erst zum Problem, wenn der Nachwuchs selbst damit beschäftigen kann. Auch das stoische Auf-den-Bildschirm-Starren von Babyeltern ist nicht unbedingt entwicklungsförderlich. Denn wer abgelenkt ist vom Handy, reagiert anders auf sein Kind, als es die Natur vorgesehen hat.

Nicole Strüber vergleicht das typische Smartphone-Gesicht von Müttern und Vätern mit dem unbeteiligten Ausdruck eines depressiven Menschen. Und der verstört Babys zutiefst. Dazu gibt es Versuche des US-Psychologieprofessors Edward Tronick aus den 70er- und 80er-Jahren. Er experimentierte mit dem Wechsel von liebevoller Fürsorge und ausdruckslosem Blick von Müttern (Still-Face-Paradigma). Videos dieser Versuche sind auf YouTube zu finden – die Verzweiflung eines Babys, dessen Mutter nicht mehr reagiert, treibt einem die Tränen in die Augen.

"Kinder sind darauf angewiesen, dass Eltern ihre Gefühle spiegeln, aufgreifen und benennen", sagt Strüber. Sie spüren Traurigkeit, Hunger, Angst oder Wut – und wissen zunächst nicht, was das ist. Was sie damit anfangen sollen. Was sie dagegen tun können. Erst wenn Eltern diese Gefühle in Worte packen und Lösungswege aufzeigen, lernen die Kinder sich selbst und ihre Bedürfnisse kennen.

Also am besten kein App-Gedaddel und kein Fernsehen vor dem dritten Geburtstag. Aber wie realistisch ist das?

Das JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis hat zwischen 2017 und Ende 2020 14 Familien mit Kindern zwischen einem und vier Jahren sechs Mal zum Medienumgang der Kinder befragt. "Bei den meisten Familien ist ein Problembewusstsein da", resümiert Medienpädagogin Susanne Eggert. "Aber die Umsetzung ist für viele im harten Familienalltag oft schwierig." Häufig bekämen auch die Kleinsten schon Medienzeiten. Und die liegen sehr oft über den von Experten für Kinder bis zu fünf Jahren empfohlenen 30 Minuten. Bei vielen Eltern zeige sich Resignation. Sie lebten mit dem schlechten Gewissen.

Der Bildschirm als Babysitter: Verboten?

Na klar, die Verlockung ist groß. Für die Eltern wie für die Kinder, deren Gehirne Freudensaltos schlagen, wenn sie auf bunte, flimmernde Bilder stoßen. Auch das ist neurobiologisch erklärbar. "Unser Gehirn legt automatisch den Fokus auf alles Neue", erklärt Nicole Strüber. Eltern-Gehirne ticken ein bisschen anders als die ihrer Kinder. Sie wollen nicht neu und bunt, sie wollen Ruhe vom Kindertrubel. Passt also perfekt: Die Kinder gucken, die Eltern relaxen. Oder machen schnell die Wäsche, erledigen ein wichtiges Telefonat, bereiten das Abendessen vor, suchen die Einzelteile dreier Schlafanzüge im Haus zusammen.

Digitale Medien sind ein prima Babysitter, damit müssen wir leben. Und dürfen wir auch. In Maßen zumindest. Und dann ganz ohne schlechtes Gewissen. Vor allem Kleinkinder mit älteren Geschwistern kommen oft ganz automatisch schon früh mit digitalen Medien in Kontakt. "Da ist es in erster Linie wichtig, dass sie nichts sehen, was Ängste auslösen oder sie verstören kann", sagt Verena Weigand vom "Flimmo": "Wenn das Videos sind, die eine Zweijährige nicht großartig weiterbringen, ist das auch mal nicht schlimm. Man muss nicht ständig etwas machen, das einen weiterbringt."

Fragen zur Geschwister-Thematik erreichten den "Flimmo" häufig, so Weigand. Und sie rät, dabei nicht nur die Kleinen im Blick zu behalten: "Es wäre gut, dem Ältesten immer mal wieder zu ermöglichen, sein Ding anzugucken, auch wenn das im Familienalltag eine Herausforderung ist." Es gehöre zum Erwachsenwerden dazu, schon andere Inhalte verstehen zu können als die Kleinen. "Und es ist ein berechtigtes Anliegen, auch Entsprechendes gucken zu wollen."

Insgesamt gelte: "Es muss nicht immer alles pädagogisch wertvoll sein." Kinder haben nach Ansicht von Medienpädagogin Weigand wie wir Eltern das Recht, auch einfach mal unbeschwert Unterhaltung zu genießen. Eltern müssten dann auch nicht immer danebensitzen, denn es gebe ja viel tolles Kinderfernsehen. Reine Unterhaltung genauso wie Sendungen, die spielerisch Wissen vermitteln und sich genau am Entwicklungsstand der Kinder orientieren. "Ich weiß gar nicht, woher diese strenge Forderung kommt, dass ich eine sinnvolle Beschäftigung des Kindes – nämlich sich eine nette, ausgewählte Sendung anzusehen – als Eltern nicht dafür nutzen kann, etwas anderes zu tun", sagt Verena Weigand.

Wo und wie müssen wir Grenzen setzen?

Die Betonung liegt auf "ausgewählt". Denn natürlich tut es Kindern nicht gut, wenn sie sich wild und unbeaufsichtigt durch das stetig wachsende Streaming-Angebot klicken dürfen oder eine riesige Auswahl an iPad- oder Nintendo-Spielen zur Verfügung haben. Kindersicherung hin oder her. Natürlich ist es sinnvoll, bei einer neuen Serie oder einem neuen Film erst mal gemeinsam auszuloten, ob alle damit zufrieden sind. Fünfjährige allein vor "Bambi" oder "König der Löwen" zu parken, ist zum Beispiel gar keine gute Idee. Die Mama von Bambi stirbt und der Vater des kleinen Löwenjungen Simba auch. "Das ist ein emotionales Desaster für Kinder", betont Kristin Langer, Mediencoach bei der Initiative "Schau Hin! Was Dein Kind mit Medien macht".

Es bleibt uns Eltern also nicht erspart, Grenzen zu setzen. Inhaltlich genauso wie zeitlich. Wieder und immer wieder. "Kleine Kinder haben zunächst eine Veranlagung, sich einer Überbeanspruchung zu entziehen", erklärt Langer. In ganz jungen Jahren stehen sie einfach auf und gehen, wenn sie genug vom Fernseher haben. Sie nehmen ohnehin erst mal nur sehr selektiv wahr, was auf dem Bildschirm passiert. Ein einzelnes Tier erregt ihre Aufmerksamkeit, oder die Blumen auf dem T-Shirt einer Figur. Später ändert sich das. Langsam erschließen sich den Kindern die Zusammenhänge einer Geschichte. Und dann bleiben sie sitzen, solange man sie eben lässt. Erst danach fällt auf, wenn es zu viel war. Dann sind sie gereizt, mürrisch, mies drauf.

Und das passiert nicht nur vor dem Fernseher. Auch übermäßiges Hören kann kleine Kinder-Gehirne überfordern. Bei Hörspielen und Hörbüchern sind wir Eltern oft weniger aufmerksam, da müssen die Kinder ja mitdenken, sich eigene Bilder erschaffen, das kann ja nicht schlecht sein. Na ja. "Die Kinder haben dabei Kino im Kopf, es wird Spannung aufgebaut, das kann intensiv beanspruchen und muss sanft wieder ausklingen", sagt Langer. Sie empfiehlt, Hörprogramme für Kinder ebenso sorgfältig auszuwählen wie Fernsehsendungen und Vielfalt anzubieten. Viele Infos und Ideen gibt es bei "Schau Hin!" oder auditorix.de. Und Augen auf: Wenn der Nachwuchs beim Hören in einen emotionalen Strudel gerät, gilt – Stopptaste drücken.

Das Gesehene an der frischen Luft verarbeiten tut Kindern gut

Da hilft dann: noch mal raus. Frische Luft und Bewegung, das Gehirn durchpusten und die kleinen Körper aus der Starre holen. Und: drüber reden. Oder auch nachspielen. Langer nennt das "Anschlusskommunikation". Kinder brauchten eine Möglichkeit, das Gesehene zu verarbeiten, erklärt die Medienpädagogin. "Sie müssen ihre Eindrücke in ihren Lebenszusammenhang eingliedern." Vielleicht gibt es dann den Zaubertrank aus der Serie zum Abendessen. Bei uns fliegen regelmäßig Spielzeugdrachen durchs Haus, gehalten von Kindern, die wilde Geschichten dazu erzählen. Da macht dann auch die Zweijährige mit. Die "Drachenzähmen"-Filme hat sie natürlich noch nicht gesehen – aber die Handlung dürfte auch sie schon in- und auswendig kennen.

Unsere neueste Entdeckung ist die "Flimmo"-Empfehlung "Piper", ein sechs Minuten langer Animationsfilm (Disney+). Darin soll ein kleines Strandläufer-Küken sich sein Futter zum ersten Mal selbst suchen und wird zunächst von einer tosenden Welle überrollt. Aber es macht weiter – und hat am Ende sogar Spaß im Wasser. Der "Flimmo" schreibt dazu: "Der kleine Piepmatz macht es vor: Über den eigenen Schatten springen, ist gar nicht so schwer! Das kann Kinder ermutigen, Neues auszuprobieren und an sich zu glauben. Die Missgeschicke des niedlichen Vogels bringen Klein und Groß zum Lachen und erinnern daran, dass es nicht schlimm ist, wenn etwas nicht beim ersten Versuch klappt."

Der Mini-Film ist wirklich herzerwärmend. Meine drei so unterschiedlichen Kinder waren sich mehrere Abende lang einig: Sie wollten Piper gucken. Wieder und immer wieder. Am liebsten als großes Kuschelknäuel mit mir in ihrer Mitte. Klar, ein Oxytocinrausch UND bunte Bilder sind natürlich der absolute Renner.

Zum Informieren

Besprechungen, Tipps und Einschätzungen rund um das Thema Bewegtbild (also Film und Fernsehen) gibt es beim "Flimmo". Die Initiative "Schau Hin! Was Dein Kind mit Medien macht" gibt Ratschläge rund um die Medienerziehung und deckt auch Social Media und Internet ab.

www.flimmo.de, www.schau-hin.info

Zum Verstehen

Entwicklungsneurobiologin Nicole Strüber beschreibt in ihrem Buch "Risiko Kindheit" (Klett-Cotta) sehr anschaulich, was die Entwicklung des kindlichen Gehirns und die Reifung von Persönlichkeit und Psyche wie beeinflusst. Im September erscheint ihr Buch "Corona-Kids" (Beltz), in dem es um die seelischen Folgen der Pandemie bei Kindern geht und darum, wie wir unsere Kinder davor schützen können.

Zum Schmunzeln

Der ZEIT-Journalist Tillmann Prüfer, Vater von vier Töchtern, beschreibt in seinem Buch "Jetzt mach doch mal das Ding aus!" (Kindler) den digitalen Generationenkonflikt in lustigen Anekdoten. Und er rät, nicht die digitalen Endgeräte zu verteufeln, sondern das eigene Verhalten zu prüfen: "Das Smartphone kann nichts dafür, wenn ich mich zu wenig für mein Kind interessiere."

ELTERN

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