Ernährung
 
Isst du noch oder schläfst du schon?

Vom Slow-Food-Trend hat Rixa noch nie etwas gehört. Auch nicht davon, wie gesund es ist, sich gaaanz viel Zeit beim Essen zu lassen. Sie tut´s einfach. Und treibt ihre Mutter damit in den Wahnsinn.

Zwieback auf Teller
Thinkstock - Zuurbiero

Andere Mütter seufzen darüber, was ihre Kinder essen oder auch nicht essen. Wenn das mein Hauptproblem wäre! Okay, für Rixa dürfen die Nudeln keine Soße mehr haben, aus der Gemüseabteilung akzeptiert sie nur die Salatgurke und der neue Favorit ist Zwieback mit Butter. Immer wieder Zwieback mit Butter. Von uns hat sie das nicht! Macht das satt? Vor allem aber: Wie lange kann eine Vierjährige an EINEM Zwieback mümmeln? Eine Stunde beim Abendbrot ist wirklich keine Ausnahme. Und gleichzeitig den ganzen Tag durchsprechen. So stellt man sich das idealtypisch doch vor: Die Familie setzt sich zum Abendbrot, bespricht gemeinsam das Erlebte vom Tag, alle bleiben sitzen bis auch der Letzte aufgegessen hat. Ist in der Realität aber wirklich nervenraubend für mich, denn Rixa vergisst zwischendurch weiter zu essen und beginnt, mir einen alten Kratzer auf ihrem Knie zu zeigen. Also ertappe ich mich, wie ich nervös wartend sie immer wieder ermahne, abzubeißen, weiter zu essen, sie zu fragen, ob sie schon satt sei... (Die ungeduldige Mutter drängelt das Kind, mehr und schneller zu essen.) Mein Mann und ich haben schon aus Langeweile zwei Käsebrote zu viel gegessen und sitzen, warten und ermahnen und ermahnen.

Ich warte generell nicht gern. Erst recht nicht, wenn ich noch mindestens fünf Dinge im Kopf habe, die ich vorm Zu-Bett-bringen schaffen wollte. Denn danach beginnt meine Freizeit. Irgendwann halte ich es bei Tisch nicht mehr aus und stehe auf. Findet mein Mann nicht so gemütlich, wenn ich mit dem Staubsauger zwischen den Beinen unterm Tisch laut Terror mache, während Rixa gerade erzählt, was sich Moritz mal wieder auf dem Spielplatz geleistet hat.
Also sagt der ruhige Vater: „Noch zehn Minuten, dann ist das Abendbrot vorbei.“ „Aber sie weiß doch gar nicht, wie lange zehn Minuten sind?“ (Besorgte Mutter mischt sich ein.) „Wenn der große Zeiger DA ist, ist das Abendbrot zu Ende,“ erklärt mein Mann.
 
Jetzt hat Rixa das Kauen ganz eingestellt. Stattdessen nimmt die Uhr ihre ganze Aufmerksamkeit ein: „Welcher Zeiger noch mal? Wohin soll er gehen? Was ist mit dem schnellen Zeiger?“ Meine Ungeduld bricht wieder durch: „Mein Spatz, nicht einschlafen beim Essen, beiß ab, gleich ist die Zeit rum.“ Besser fühlt sich das irgendwie nicht an: Meine Ermahnungen sind zwar anders, aber meine Unruhe ist nicht geringer. Lässiger Vater schlägt vor, nicht mehr zu ermahnen, sondern sie auflaufen zu lassen. Aber wie soll Rixa mit nur einem Zwieback im Magen bis zum nächsten Morgen durchkommen? (Besorgte Mutter ist in höchster Alarmbereitschaft). Mein Mann vertraut Rixa. „Das wird sie lernen und ein Zeitgefühl dafür entwickeln, wann Essen dran ist und wann’s vorbei ist.“  Da mir nichts Besseres einfällt, beschließen der konsequente Vater und die unruhige Mutter folgendes: Die Mahlzeit wird auf 30 Minuten begrenzt. 31 Minuten sind ok. 35 nicht mehr. Zu Beginn der Mahlzeit zeigen wir Rixa, wo der Zeiger steht, wenn das Essen beendet wird. Und in der Zwischenzeit werden keine Ermahnungen an sie gerichtet. Zwischen den Mahlzeiten gibt es Obst. Sonst nix.
Der Schock ist Rixa die ersten Male anzusehen, als der Teller zum vereinbarten Zeitpunkt weggezogen wird. Beim zweiten Mal drückt sie dicke Tränen raus und beobachtet, ob das was bringt. Am dritten Tag ist der Teller aber schon wesentlich leerer und mittlerweile fragt sie manchmal direkt bei uns nach, bis wann das Abendbrot geht.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Die Mahlzeiten dauern bei uns nur noch eine halbe Stunde und zwischendurch isst sie sogar mehr Obst. In der gewonnene Zeit kann ich in Ruhe saugen und mein Mann zieht sich mit Kind und einem Buch zurück, bevor es Schlafenszeit ist.