Streiten lernen im Kleinkindalter
 
Ist das jetzt schon Petzen?

„Mamaaa? Bela fliegt dauernd mit seinem Space Shuttle gegen mich. Obwohl ich ihm schon gesagt habe, er soll das lassen.“ Tja, und nu? Können Kinder das nicht alleine lösen? Als sie noch kleiner waren, war es genau richtig, bei uns Eltern Hilfe zu holen. Aber irgendwann schlägt das Ganze eher in eine Art Petzen um. Wisst Ihr, was ich meine?

Ist das jetzt schon Petzen?
iStock, shironosov

Vor drei Jahren nach der Kita

Ich: „Was ist denn los?“
Rixa (3 Jahre alt): „ Paul hat mein Bild in der Kita zerrissen. Das hatte ich extra für dich schön gemalt. Und jetzt ist es kaputt.“
Ich: „ Wie? Der ist zu dir gekommen und hat einfach dein Bild zerrissen? Hattet ihr Streit?“
Rixa: „Nee, der macht das manchmal. Auch bei anderen Kindern.“
Ich: „ Und was hast du gemacht?“
Rixa: „ Ich habe geweint.“
Ich: „ Hast du Frau Sonne Bescheid gesagt?“

Ob in der Kita oder zuhause mit dem Geschwisterchen im Kinderzimmer: Bevor die Fetzen fliegen, so habe ich es meinen Kindern immer gesagt, sollen sie sich Hilfe holen. Bei uns Eltern oder bei den Erziehern.
Gerade die Ein- bis Dreijährigen äußern sich verbal oft noch nicht so raffiniert wie die größeren Kinder. Da greifen sie gern mal zu körperlichen Antworten wie Schubsen oder Hauen. Das geht natürlich nicht. Also haben wir Eltern ihnen gesagt:" Kommt zu uns, bevor das Brüderchen das Buch über den Kopf gezogen kriegt, nur weil er nicht los lassen will."
Klappte auch zu Beginn ganz gut. Aber irgendwann hat sich die Sache verselbständigt. Inzwischen sind meine Kinder vier und sechs Jahre alt, aber wenn jetzt Land unter ist, kommt immer noch einer zu uns angerannt, erzählt unter Tränen, um welche Banalität es grad wieder geht und steht dann erwartungsfroh vor uns. Ok, da müssen wir mal nachjustieren.

Wann ist es ok sich Hilfe bei den Eltern/Erziehern/Lehrern zu holen und wann ist es einfach nur petzen?

Entscheidend ist, warum holt mich mein Kind dazu? Ist es grad wirklich verzweifelt und findet keine Lösung? Hat es die ihm bekannten Strategien alle ausprobiert und nichts hat geklappt (zum Beispiel tauschen, abwechseln oder großzügig verzichten)?
Oder hofft es insgeheim, dass die Schwester/ der Bruder jetzt mal ordentlich die Leviten gelesen bekommt?

Ich habe mir überlegt, ich frag einfach mal nach.
„Und warum erzählst Du mir das gerade?“ oder „und was möchtest Du, das jetzt passiert?“
 
Anhand der Kinder-Antwort wird schnell deutlich, ob hier gerade wirklich jemand hilflos ist oder doch insgeheim eigentlich den Wunsch hegt, dass das Geschwisterchen ‚bestraft’ wird.
 
Und was bringt mir dann diese Erkenntnis?
Tja, für Rache-Akte oder richterliche Beschlüsse im Kinderzimmer stehe ich einfach mittlerweile nicht mehr zur Verfügung.
Dafür aber für in-den-Arm-nehmen und trösten, bis die Wut etwas abgeklungen ist.