Grenzen setzen
 
Wie viel Nein muss sein?

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Ganz ohne Verbote kommt Erziehung nicht aus. Doch inflationiäres Nein-Sagen schwächt die Wirkung. Deshalb sollten Eltern ein Nein wie Medizin anwenden: nur im Notfall. In welchen Sitationen ein Nein sein muss und wie es richtig eingesetzt wird.

Mutter schimpft mit Kind
iStock, MachineHeadz

Für Ein- und Zweijährige ist die Welt ein großer Abenteuerspielplatz, voller Material zum Füllen, Drücken, Werfen und Lutschen. Sie wäre ein Paradies, gäbe es dort nicht auch Erwachsene, die was dagegen haben, wenn man CDs anknabbert oder hundertmal das Licht an- und ausknipst. Diese großen Menschen meckern dann, zischen "Hör jetzt auf!" oder brüllen "Nein!" Sie wissen sich oft nicht anders zu helfen.

Manchmal müssen Eltern den kindlichen Entdeckerwillen bremsen, ohne Zweifel. Und dann ist es gut, wenn ihr Kind auf ein Nein hört. Aber ist Gehorchen ein Wert an sich? Eine Fähigkeit, die früh und intensiv trainiert werden sollte?

Experten sind da skeptisch. Professor Gerald Hüther, Hirnforscher und Spezialist für kindliche Entwicklung aus Göttingen, sieht zwei Probleme:

"Verbote belasten das Verhältnis zwischen Eltern und Kind"

Ganz ohne Verbote kommt man nicht aus.

Das hört sich schlimm an und bedarf unbedingt einer Differenzierung: Es geht hier um die Wirkung des Verbotes im Babyalter. Ein harsches Nein der Mutter, verbunden mit einem bösen Blick, stoppt Krabbelkinder zumindest für kurze Zeit. "Aber für ein kleines Kind, das sich seiner Mutter noch extrem verbunden fühlt, ist das ein Signal, das diese Verbundenheit in Frage stellt", sagt der Neurobiologe.

Warum? Weil der kleine Delinquent die Kritik an seiner Handlung ("Finger weg von der Stereoanlage, die kann kaputtgehen!") noch nicht von der Kritik an seiner Person unterscheiden kann. Er spürt nur den Angriff. "Überspitzt gesagt, interpretieren Kinder in den ersten ein, zwei Jahren jedes Verbot als Ablehnung ihrer Person", so Hüther.

Er weiß natürlich, dass man ganz ohne Verbote nicht auskommt. "Aber viele Machtworte sind einfach überflüssig. Neins sollten den Situationen vorbehalten bleiben, in denen sie unvermeidbar sind." Wenn ein Kind nach seiner Mutter schlägt zum Beispiel. Oder wenn es auf die Straße rennen will.

"Ein nur so dahingesagtes Nein bewirkt gar nichts"

Wenn ein scharfer Ton und ein strenger Blick dem Kind so wehtun - wäre es dann nicht besser, das Nein so neutral wie möglich auszusprechen?

"Leider nicht", sagt Professor Hüther. "Beiläufige Neins werden, wenn überhaupt, nur im Kurzzeitgedächtnis abgelegt. Wo sie nicht länger halten als eine Telefonnummer, die man gerade im Telefonbuch nachgeschlagen hat, nämlich maximal drei bis vier Minuten."

Um eine Information ("Nicht an die Stereoanlage! Sie geht kaputt.") im Langzeitgedächtnis zu verankern, wäre ein gewisses Sprach- und Weltverständnis hilfreich - das kann man in den ersten zwei Lebensjahren aber noch nicht erwarten.

Damit Botschaften wirklich hängen bleiben, sind in diesem Alter andere Dinge wichtig: Gefühle und Stimmungen. "Neins, die ohne emotionale Beteiligung ausgesprochen werden, sind für Babys und Kleinkinder nur Geplapper", sagt Gerald Hüther.

Also doch besser brüllen? "Wer seinen Ärger bei jedem Verbot ungefiltert herauslässt", so der Neurobiologe, "erreicht zwar einen Lerneffekt. Aber das ist eher Dressur, Konditionierung durch Angst." Wer will das schon? Professor Hüther bleibt dabei: Sparsam eingesetzte Verbote sind die besten.

Dieser Meinung ist auch die Entwicklungspsychologin Dr. Karin Grossmann aus Regensburg. Sie hat während ihrer langjährigen Forschungsarbeit immer wieder festgestellt, dass häufige Neins paradox wirken. Sie sagt:

"Eltern, die wenig verbieten, haben folgsamere Kinder"

Und das belegt die angesehene Psychologin mit diversen Studienergebnissen:

  • Bereits in den 70er-Jahren konnte die Bindungsforscherin Mary Ainsworth zeigen, dass kooperationsbereite und feinfühlige Eltern es leichter haben. Unter Feinfühligkeit versteht Ainsworth, dass Eltern auf die Äußerungen ihres Babys achten und angemessen darauf reagieren, den Säugling also als Wesen mit eigenen Bedürfnissen respektieren. Zehn Monate alte Kinder solcher feinfühligen Eltern waren eher bereit, Ge- oder Verbote zu beachten als die Kinder nicht feinfühliger Eltern (Mary Ainsworth nennt dieses Verhalten der Kinder übrigens "Einwilligen", nicht "Gehorchen").

  • In eigenen Versuchen mit zwölf Monate alten Kindern kamen Karin Grossmann und ihr Mann Klaus zu ähnlichen Resultaten: Die Einjährigen befanden sich in einem Raum mit vielen interessanten Gegenständen. Nur zwei durften sie nicht anfassen, ein Telefon und einen Ventilator auf einem Tischchen. Ergebnis: Den Kindern mit feinfühligen Eltern und einer sicheren Bindung gelang es häufiger, den Tabu-Geräten zu widerstehen als anderen Kindern.

  • Weitere Erkenntnis aus diesen Versuchen: Einjährige, deren Eltern viel verbieten und drohen, nutzen jede Gelegenheit, um sich über ein Nein hinwegzusetzen. In Abwesenheit ihrer Mutter missachteten sie Verbote häufiger als Kinder sensibler Eltern.

  • Was ebenfalls interessant ist:Wenn unter einer Auswahl von Gegenständen mehr Dinge verboten sind als erlaubt, haben auch kooperative Kinder Schwierigkeiten, sich an die Abmachungen zu halten.

Vieles deutet darauf hin, dass "Folgen" ein Geschäft auf Gegenseitigkeit ist. In feinfühligen Familien scheint jedes Familienmitglied zu berücksichtigen, was der andere mag und was er nicht mag. "Oft genügt es schon, dass die Mutter ihre Stirn in Falten legt - und ihr Kind lässt die Finger vom Blumentopf", sagt Karin Grossmann. "Denn es weiß, dass die Mutter beim Füttern auch seine Mimik richtig deutet und ihm nicht noch einen Löffel mit Brei in den Mund schiebt, wenn es schon längst satt ist."

Fassen wir zusammen: Kinder lernen offenbar nicht durch besonders häufiges Nein-Training, auf ihre Eltern zu hören, sondern durch das Gegenteil - durch eine Beschränkung von Verboten auf das nötige Maß (das Mütter und Väter an schlechten Tagen und bei akuter Verzweiflung auch deutlich überschreiten können, ohne dass dem Nachwuchs Schaden droht).

Keine Angst, Sie brauchen dafür keine Gehirnwäsche: Auch künftig müssen Sie nicht finden, dass Kieselsteine in Briefkästen gehören und Fernbedienungen Spielzeug sind. Aber vielleicht können Sie öfter über kleine Sünden hinwegsehen - oder, siehe Kasten, sogar vorbeugen.

Was hilft bei der Nein-Diät?

  • Wer Konflikte meidet, tut sich leichter. Mit einer abwaschbaren Decke unterm Kinderstuhl regt man sich über Möhrenpanscher weniger auf. Stereoanlage, CDs und andere teure, zerbrechliche Dinge gehören außer Baby-Reichweite.
  • Versuchen Sie, unerwünschtes Verhalten so oft wie möglich zu übergehen, positives dagegen zu loben.
  • Wenn es gar nicht ohne Verbot geht, ist es gut, das Nein mit einem Ausweg zu verbinden. Greifen Sie die Intention Ihres Kindes auf - und richten sie auf einen anderen Gegenstand. Beispiel: Ihr Zweijähriger versucht, am Regal hochzuklettern. Sie können sich jetzt auf einen 20-minütigen Kampf einlassen. Besser, Sie drehen zwei stabile Stühle auf den Kopf und überraschen Ihr Kind mit diesem Krabbel-Parcours.
  • Ein Nein wirkt am besten, wenn Sie ruhig, aber eindringlich mit Ihrem Kind sprechen - und ihm dabei fest in die Augen schauen. Lange Erklärungen sollte man sich schenken.