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Wutanfall beim Kleinkind Wie ihr mit den plötzlichen Wutausbrüchen umgehen könnt

Kind hat einen Wutanfall und schreit
© nadezhda1906 / Adobe Stock
Eltern mit kleinen Kindern wissen – die Stimmung kann von einen auf den nächsten Moment kippen. Wir verraten euch, woher der Wutanfall beim Kleinkind kommt und wie ihr richtig darauf reagiert.

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Vom Spielplatz weggehen, den "falschen" Becher zum Frühstück hinstellen oder das "Nein" zum weiteren Stück Schokolade: Oft sind es nur Kleinigkeiten, die euer Kind plötzlich vor Wut explodieren lassen. Wutausbrüche haben es in sich – die Kinder schreien, werfen Sachen, knallen Türen und legen sich wild strampelnd auf den Boden. Und das an jedem x-beliebigen Ort. Wir erklären euch, warum es überhaupt zum Wutausbruch beim Kleinkind kommt und wie ihr darauf reagieren könnt.

Wutanfall beim Kleinkind verstehen

Ihr habt gedacht, dass die Autonomiephase eurer Kinder erst mit zwei Jahren einsetzt? Nun, nicht unbedingt. Bereits kurz nach dem ersten Geburtstag kann es passieren, dass eure Babys bei kleinen Dingen aufbrausen. Urplötzlich ist sie da, die kindliche Wut, die Eltern oft ratlos und frustriert zurücklässt. Doch wie kommt es zu diesem Wutanfall beim Kleinkind? Danielle Graf und Katja Seide schreiben in ihrem Buch "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn", dass das kindliche Gehirn noch anders tickt als das von Erwachsenen. Der präfrontale Kortex, ein Teil des Neokortex (im Buch "kongnitives Gehirn" genannt), der für die Zügelung unserer Emotionen zuständig ist, ist bei Babys und Kleinkindern zunächst nur rudimentär entwickelt.
Hat ein Kleinkind ein Stresserlebnis, wenn zum Beispiel ein Erwachsener etwas verbietet, übernimmt das emotionale Gehirn die Führung und blockiert das vernünftige, geduldige Gehirn weitestgehend in seiner Funktion. Das Kind wird von seinen Emotionen überwältigt – es wütet. 
In diesen Momenten ist die Stressregulation der Kleinen völlig überfordert. Wer sein Kind in solchen Wutausbrüchen also mit Worten erreichen möchte, hat schlechte Karten. Da das emotionale Gehirn die Kontrolle übernimmt und das kognitive Gehirn für die Sprache zuständig ist, ist es kein Wunder, dass alle Beruhigungsversuche in diesen Momenten fehlschlagen. Trotzdem ist es wichtig, euer Kind von außen zu unterstützen, um aus seinem Wutanfall herauszufinden. Denn die Fremdregulation sei eine wichtige Maßnahme, um den Aufbau der Eigenregulation zu unterstützen.

Richtig auf die Wut reagieren

Wenn euer Kind einen Wutanfall hat, ist das nicht immer leicht zu ertragen – für beide Parteien nicht. Als Eltern sollte euer Ziel immer die Deeskalation sein und sich nicht in einen "Kampf" mit eurem Kind verwickeln zu lassen. Rudolf Dreikurs schreibt in seinem Buch "Kinder fordern uns heraus": "Es gibt verschiedene Wege, das Problem zu lösen. Der eine ist, sich vom Streit zurückzuziehen. (…) Es darf aber nicht so aussehen, als ob wir uns vom Kind zurückziehen. Liebe, Zuneigung und Freundlichkeit bleiben bestehen." Indem ihr nicht auf das Geschrei eingeht, nehmt ihr euren Kindern das Segel aus dem Wind
Danielle Graf und Katja Seide gehen noch einen Schritt weiter. Sie erklären in ihrem Buch, wie ihr einen Wutanfall beim Kleinkind in drei Schritten eskaliert:
  1. Respektvoll Kontakt aufnehmen: Hockt euch neben das Kind und seid einfach da, indem ihr ihm emotionalen Halt gebt. Benennt das Problem in wenigen, ruhigen Worten, bis das Kind einen Weg aus seinem Gefühlsstrudel findet. Das kann seine Zeit dauern.
  2. Klare Botschaft senden: Euer Kind hat sich halbwegs beruhigt? Nun erklärt ihr euer "Nein" noch einmal ganz ruhig. Möglich, dass die Wut noch einmal aufflammt. Entschuldigt euch nicht für eure Entscheidung bzw. euer Nein zu einer bestimmten Sache. Wichtig ist, bei seiner Entscheidung zu bleiben.
  3. Optional: Kompromisse anbieten: Ihr habt keine Zeit, geduldig zu sein, weil ihr pünktlich losmüsst? Dann bietet eurem Kind einen Kompromiss an, der für beide Seiten einen Gewinn darstellt. Euer Kind möchte Gummistiefel anziehen, obwohl die Sonne scheint? Okay, es soll die Schuhe anziehen und in der Kita austauschen. Es möchte noch spielen? Dann soll es die Puppe mit ins Auto nehmen und dort noch damit spielen, bis ihr am Ziel angekommen seid.
In letzterem Punkt geht es nicht darum, seinem Kind eine Ersatzbefriedigung oder eine Ablenkung anzubieten, sondern einen wirklichen Kompromiss zu finden. Eltern begehen oft den Fehler, eine Art Trostpflaster im Wutanfall zu finden. Euer Kind hat sein Spielzeug kaputt gemacht? Die richtige Reaktion ist nicht: Okay, ich kaufe dir ein Neues. Stattdessen sollte euer Kind lernen, Frustrationen auszuhalten und mit Rückschlägen umzugehen.

Warum Strafen keine Lösung sind

Eltern verfallen oft in folgendes Muster: Wenn du das machst, dann bekommst du das nicht. Ihr kennt das womöglich noch aus eurer eigenen Kindheit. Die Vorstellung, dass Kinder nur lernen, Unsinn zu unterlassen, wenn sie eine Strafe erhalten, ist noch immer weit verbreitet. Und als Erziehungsmethode mag sie auch funktionieren. Ihr solltet jedoch bedenken, dass die Provokation, die von eurem Kind ausgeht, immer auch zeigt, dass euer Kind gerade unglücklich ist.
Wer sein Kind nun bestraft, sieht nicht (oder will es nicht sehen), dass es seinem Kind eigentlich schlecht geht. Die Strafe hat zur Folge, dass sich euer Kind missverstanden und nicht gehört fühlt, sodass es passieren kann, dass es sich mit seinen Emotionen nach außen wendet. Es beginnt womöglich, seine aufgestaute Wut im Kindergarten oder an einem anderen Ort abzulassen. Denn vielleicht hört ja dort jemand richtig zu.

Wie mit der eigenen Wut umgehen

Wenn ein Kind mehrfach pro Tag wie aus dem Nichts ausrastet, kann das für die Nerven der Eltern eine echte Belastungsprobe sein. Mit jedem neuen Wutanfall des Kleinkindes steigt die eigene Wut – und es fällt zunehmend schwerer, das Kind durch den Wutausbruch zu begleiten. In solchen Momenten hilft nur, wenn ihr euch vor Augen führt, dass das irrationale Verhalten eures Kindes eine völlig normale Entwicklung des kindlichen Gehirns ist. Ab etwa drei Jahren steigern sich die Wutanfälle noch einmal – in dieser Zeit werden wichtige kognitive Meilensteine wie Empathie und Perspektivenwechsel erreicht.
Macht euch in solchen Situationen bewusst, dass eure Kinder in den allermeisten Fällen einfach nur getröstet werden wollen. Sie ziehen Ermutigung daraus, wenn ihr sie tröstet und ihnen zuhört. Sie wissen nun: Mein Kummer ist für meine Eltern relevant. Und dieses Wissen erzeugt Glückshormone, die wiederum dafür sorgen, dass der Wutimpuls von alleine verschwindet.
Quellen:
  • Danielle Graf, Katja Seide: Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn, Beltz, 292 S.
  • Rudolf Dreikurs: Kinder fordern uns heraus, Klett Cotta, 368 S.
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