Gesundheit
 
Moderne Leiden

Masern, Mumps und Röteln sind dank flächendeckender Impfung heute kaum noch ein Thema. Mädchen und Jungen haben heute oft schon im Kindergartenalter andere gesundheitliche Probleme, die sich nicht wegimpfen lassen: Übergewicht, Allergien und Sprechstörungen, sind häufige Krankheiten, unter denen Kinder leiden.

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Übergewicht

Gesundheit: Moderne Leiden

Immer mehr Kinder sind schon im Kindergartenalter zu dick? Das stimmt nur bedingt. "Nicht die dicken Kinder werden mehr, sondern das Ausmaß ihres Übergewichts", weiß Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster vom Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin. "Wer früher ein Pummel war, ist heute dick. Wer früher dick war, ist heute fett." Das hat Folgen. Dr. Renz-Polster: "Dicke Kinder werden leichter zuckerkrank und bekommen Bluthochdruck. Zudem leiden ihre Gelenke und verschleißen schneller."Auffällig ist: Viele Eltern merken gar nicht, dass ihr Kind zu dick ist. Das Kind ist "stramm", na und? Den Eltern von Alisa ging es bis vor einem halben Jahr nicht anders. Die Dreijährige wog bei einem Meter Größe 21 Kilo und lag damit zwölf Pfund über dem Durchschnitt. Trotzdem musste der Kinderarzt ihre Eltern erst davon überzeugen, dass Alisa ein Problem hat. Dr. Renz-Polster: "Wir gingen gemeinsam Alisas Tagesablauf durch, machten eine Liste, was sie gern isst, trinkt und spielt. Dabei stellte sich heraus, dass Alisa viel mehr Kalorien zu sich nahm, als sie brauchte. Ihr Lieblingsgetränk war Limo, und den Hunger zwischendurch stillte sie mit Keksen. Alles Kalorienbomben, die sich nur verbrauchen, wenn man sich viel bewegt und nicht - wie Alisa - nur im Sand buddelt."Zum Glück müssen dicke Kinder nicht unbedingt abnehmen.Weil sie noch wachsen, werden sie automatisch schlank,wenn sie ihr Gewicht halten. Statt um Diäten geht es darum, die tägliche Ernährung umzustellen und für mehr Bewegung zu sorgen. "Sonst verschiebt sich das Problem ins Erwachsenenalter", sagt Dr. Renz-Polster.Alisa löscht ihren Durst nun mit Mineralwasser, inzwischen schmeckt es ihr sogar. Und statt Keksen knabbert sie als Zwischenmahlzeit Apfelschnitze. Außerdem haben ihr die Eltern ein Hüpfseil geschenkt, und damit übt sie eifrig.Weitere Infos:Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalterz. Hd. Frau Anke SchäferVestische Kinder-und Jugendklinik, Universität Witten-HerdeckeDr.-F.-Steiner-Str. 545711 DattelnE-Mail: a.schaefer@kinderklinik-datteln.de Internet: www.a-g-a.de

Verhaltensauffälligkeiten

Bewegung kann unruhigen Kindern helfen

Dazu zählen unter anderem Bettnässen nach dem fünften Lebensjahr, Einkoten, zwanghaft häufiges Händewaschen, Aggressivität und extreme Unruhe. Vor allem über Letzteres klagen in den vergangenen zehn, 15 Jahren immer mehr Mütter und Väter. Zum Beispiel die Eltern von Ando. Der heute Vierjährige war schon als Baby extrem zappelig und laut.

Im Lauf der Jahre nahm das Schreien zwar ab, aber das Zappeln eher noch zu. Bis heute hält Ando seine Eltern Tag und Nacht auf Trab. Auch im Kindergarten fällt er auf, weil er die ganze Zeit herumrennt, andere ärgert und beim Spielen stört.

"Ando ist kein Einzelfall", sagt der Münchner Kinderarzt Dr. Bernd Simon, "unsere Kinder werden insgesamt unruhiger." Obwohl die Zahl der Kinder mit einem echten Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts- Syndrom (ADHS) offiziell nicht gewachsen ist. Sie liegt um die fünf Prozent.

Trotzdem wird die Diagnose ADHS häufiger gestellt als früher. Warum? Dr. Simon: "Das liegt zum einen daran, dass Eltern, Ärzte und Psychologen dem Aufmerksamkeitsmangel mehr Beachtung schenken. Zum anderen an unserer Welt, die immer schneller, lauter, voller wird. Der pausenlose Straßenverkehr, der Zeitdruck, unter dem die Eltern stehen, das ständige Radiogedudel, die Flut von Fernsehfilmen - all das erzeugt Unruhe. Hinzu kommt, dass ein wertvoller Spannungslöser oft wegfällt: Bewegung!" Viele Kinder haben gar keine Möglichkeit, sich auszutoben. Die Wohnungen sind oft zu klein, die Gehwege und Hinterhöfe zugeparkt und freie Flächen rar.

Andos Eltern haben einen Ausweg gefunden: Ihr Junge besucht neuerdings einen Waldkindergarten,wo er seine überschüssigen Kräfte loswerden kann. Und er wird nun anders erzogen - mit mehr Regelmäßigkeit und Konseqenz. Für Aufstehen, Essen und Schlafengehen gibt es nun feste Zeiten und Rituale; ein Mittagsschlaf ist Pflicht; und stellt Ando was an, bekommt er konseqent eine Auszeit. Dr. Simon befürwortet das: "Unruhige Kinder brauchen noch mehr als andere einen berechenbaren, überschaubaren Alltag, weil ihnen das Ruhe und Sicherheit gibt."

Außerdem hat der Kinderarzt die Familie für eine genaue Diagnose an einen Kinderpsychiater überwiesen und den Eltern geraten, ein Elterntraining zu machen. Solche Kurse werden zum Beispiel von Erziehungsberatungsstellen und kinderpsychiatrischen Kliniken angeboten. Mütter und Väter lernen dort, mit ihrem zappeligen Kind möglichst konfliktfrei umzugehen.

Weitere Infos:
Elterninitiative AdS e.V.,
Postfach 1165
73055 Ebersbach
E-Mail: geschaeftsstelle @ads-ev.de
Internet: www.ads-ev.de

Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinderund
Jugendärzte e.V. (AG-ADHS e.V.)
Postfach 228,
91292 Forchheim
E-Mail: kontakt@agadhs.de
Internet: www.ag-adhs.de.

Allergien

Milchsäurebakterien wirken sich positiv auf das Immunsystem aus

Rund 17 Prozent aller Kinder haben eine Allergie. Möglichkeiten, vorzubeugen, gibt es kaum; sinnvoll sind sie zudem nur bei Risikokindern mit allergischen Eltern. Dr. Renz-Polster empfiehlt:

In der Schwangerschaft:
Ab der 36. Woche zweimal täglich eine Kapsel Lactobazillus GG schlucken. Diese Sorte Milchsäurebakterien beeinflusst die Entwicklung des kindlichen Immunsystems positiv.

Bei der Geburt:
Das Kind möglichst auf natürlichem Weg entbinden. Denn die Keime, die das Baby bei einer vaginalen Geburt abbekommt, sind für sein Immunsystem nützlicher als die, die es beim Kaiserschnitt "erbt".

Im Babyalter:
Stillen und die ersten sechs Monate weiter Lactobazillus nehmen! Flaschenkindern sechs Monate lang täglich den Inhalt einer Kapsel einflößen. Übrigens muss die Flaschenmilch nicht unbedingt hypoallergen sein; ob HA-Nahrungen Allergien nachhaltig vorbeugen können, ist nämlich nach wie vor unklar. Einen Versuch wert sind mit Prä- und Probiotika angereicherte Säuglingsnahrungen.

Ab dem Beikostalter:
Nicht vor dem vierten Monat zufüttern. Kuhmilch im ersten Halbjahr ganz meiden und im zweiten nur sparsam geben, zum Beispiel als Teil eines Getreidebreis oder als Joghurt.

Ist ein Kind bereits allergisch, können Eltern zwischen diversen Therapien wählen - schulmedizinischen und alternativen. Bevor man sich entscheidet, sollte man den Rat eines allergologisch geschulten Kinderarztes einholen, rät Dr. Renz-Polster. Der Allergie-Experte überweist dann, falls nötig, das Kind an einen Haut-, Lungen- oder HNO-Arzt weiter. Dr. Renz-Polster: "Gut, wenn Eltern für alles offen sind und nicht von vornherein schulmedizinische Mittel verteufeln. Manchmal bildet eine Kombination aus schulmedizinischen und alternativen Methoden den idealen Weg."

Weitere Infos:
Kinderumwelt gGmbH
Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V.
Westerbreit 7
49084 Osnabrück
E-Mail: info@allum.de
Internet: www.allum.de

Deutscher Allergie- und Asthmabund e.V.
Fliethstr. 114
41061 Mönchengladbach
E-Mail: info@daab.de

Im Internet:
www.daab.de, www.pinainfoline.de, www.paediatrie-links.de.

Sprechstörungen

Hörspielkassetten und Fernseher können Kindern nicht sprechen beibringen

"Wenn ein Kind beim Sprechenlernen hinterherhinkt, schicke ich es als Erstes zum Hörtest", sagt Dr. Simon. Aus langjähriger Erfahrung weiß der Kinderarzt: "Hörstörungen sind die häufigsten Ursachen für Sprechstörungen."

Dicht gefolgt von fehlender Förderung. Dr. Simon: "Viele Eltern wissen nicht, dass man mit einem Kind reden muss, damit es sprechen lernt. Mit Babys kann man über Schnuller und Fläschchen reden, mit Kleinkindern über Brei und Brummkreisel, Kinder jeden Alters freuen sich,wenn man mit ihnen singt oder ihnen vorliest. So können sie sich spätestens mit vier Jahren verständlich ausdrücken."

Kann ein Kind das nicht, braucht es logopädische Hilfe. Lorena, 4, ist so ein Fall. Ihre Mutter kommt aus Spanien und spricht kaum Deutsch. Damit ihre Tochter trotzdem die deutsche Sprache lernt, versuchte sie, Lorena im Kindergarten anzumelden, bekam aber keinen Platz. Stattdessen kaufte sie ihr deutschsprachige Kassetten und CDs und ließ sie viel fernsehen. "Viele Eltern machen das so und erhoffen sich davon, dass ihr Kind auf diese Weise gut sprechen lernt", erklärt Dr. Simon. "Doch Hörkassetten und Fernseher können Kindern nicht das Sprechen beibringen. Im Gegenteil, sie hemmen die Sprachentwicklung." Der Knackpunkt: Beim Fernsehen reden Kinder nicht. Und sie haben auch keinen Gesprächspartner. Geräte hören nicht zu, wenn man ihnen was erzählt, sie antworten nicht auf Fragen und sie korrigieren keine Fehler. Stattdessen berieseln sie die kleinen Zuhörer und Zuschauer mit oft unverständlichen Worten.

Weitere Infos:
Deutscher Bundesverband für Logopädie e.V.
Augustinusstr. 11a
50226 Frechen
E-Mail: info@dbl-ev.de

Motorische Störungen

Basteln und toben kommen in einem modernen Kinderleben oft zu kurz

Bis vor Kurzem fiel Bruno, 6, ständig was runter, oder er tat sich weh. Während der U9 beim Kinderarzt stolperte er beim Gänsemarsch, fing keinen Ball, und statt eines Smileys malte er eine Art Zwetschge.

"Immer mehr Kinder haben solche fein- und grobmotorischen Probleme", sagt der Kinder- und Jugendarzt Dr. Bernd Simon. Der Grund: "Es fehlt ihnen die Übung. Sowohl feinmotorische Fähigkeiten wie Basteln und Malen als auch grobmotorische Fähigkeiten wie Ballspielen, Hüpfen, Klettern kommen im modernen Kinderleben häufig zu kurz."

Woran das liegt? Am mangelnden guten Willen der Eltern jedenfalls nicht. Eher daran, dass sie vielleicht nicht genau wissen, was Kinder alles brauchen, um sich gesund zu entwickeln. Dr. Simon: "Viele haben keine Vorstellung, was sie mit ihrem Kind anfangen sollen. Woher auch? Mit ihnen hat sich früher auch niemand beschäftigt." Brunos Mutter liebt ihren Sohn, und sie will ihm etwas Gutes tun, wenn sie ihn - statt für Bewegung und Bastelmaterial zu sorgen - den halben Tag vor den Fernseher setzt und nicht nach draußen zum Spielen lässt. Fernsehen soll er, damit er beschäftigt ist und keinen Ärger mit seinem Vater bekommt. Der arbeitet nämlich Nachtschicht, schläft tagsüber und wird wütend, wenn Bruno ihn aus Versehen weckt. Und drinnen bleiben muss Bruno, weil die Straße vor der Wohnung gefährlich stark befahren und der nächste Spielplatz weit entfernt ist.

Und doch hat sich in Brunos Leben vieles verändert. Seine Familie wohnt noch immer in dieser verkehrsreichen Gegend, und der Vater arbeitet weiterhin nachts. Aber Bruno spielt jetzt gern und oft Ball, und malen kann er inzwischen auch - am liebsten Mondraketen. Dr. Simon weiß, was ihm geholfen hat: "Seit einem Jahr besucht Bruno einen Ganztagskindergarten, in dem die Kinder gezielt zu fein- und grobmotorischen Spielen animiert werden. Hätte der Junge dort keinen Platz bekommen, hätte ich ihm Ergotherapie oder eine psychomotorische Therapie verordnet, um ihn zu fördern."

Weitere Infos:
Verband der Ergotherapeuten e. V.
Postfach 2208
76303 Karlsbad
E-Mail: info@dve.info
Internet: www.ergotherapie-dve.de

Aktionskreis Psychomotorik e. V.
Kleiner Schratweg 32
32657 Lemgo
E-Mail: akp@psychomotorik.com
Internet: www.psychomotorik.com