Glosse
 
Schöner scheitern dabei, trotz Kita-Krankheiten gelassen zu bleiben

Kinder bringen ja nicht nur bunte Bilder und selbst gebastelte Wollküken aus dem Kindergarten mit, sondern auch einen Haufen fiese Bazillen. Lena Schindler über Symptome akuten Selbstmitleids.

Wenn ich morgens diese Zettel mit dramatisch roter Schrift an der Kita-Tür sehe, möchte ich von den Erziehern am liebsten auch auf den Arm genommen und getröstet werden. Wie die Kleinen, die beim Abgeben Tränen vergießen. Denn diese Botschaft ist mal wieder zum Heulen: „Heute müssen wir Ihnen mitteilen, dass uns ein Fall von Scharlach gemeldet wurde“, steht am Elementarbereich.
In der Krippe sind Bindehautentzündung und Durchfall im Angebot. Sofort sehe ich alles zusammenbrechen, was ich mir nach der Elternzeit zurückerobert habe: den Wiedereinstieg in den Beruf. Die Option, abends das Haus zu verlassen, ohne in Dauerbereitschaft für die nächste Milchmahlzeit zu sein. Den Luxus, einmal in der Woche eine Stunde in einer Turnhalle zu verbringen, ohne dass es etwas mit Hüpftieren und Krabbeltunneln zu tun hat.

Schöner scheitern dabei, trotz Kita-Krankheiten gelassen zu bleiben
©Mieke Scheier

Da ich in jeder Gruppe ein Kind habe, gilt für mich: doppelte Chance auf irgendein gemeines Virus! Was also tun? Die Kinder einpacken und in der heimischen Schutzzone verbarrikadieren? Erst mal nicht, denn: Sich mit dem Satz „Es könnte vielleicht sein, dass meine Kinder krank wer- den“ von der Arbeit abzumelden, gehört nicht zu den Maßnahmen, die den Job sichern ...      
Dabei ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass ich innerhalb der üblichen Inkubationszeit mindestens ein Kind mit roten Augen, Fieber und Ausschlag oder Brechdurchfall zu Hause habe. Die Anwesenheitsquote meiner kleinen Tochter liegt im ersten Kita-Jahr bei etwa 60 Prozent. Und natürlich werden alle Viren und Bakterien in unserer Familie fair geteilt – nur dass die bei den Eltern deutlich härter zuschlagen und sich bei ihnen so wohlfühlen, dass sie auch dann noch da sind, wenn die Kleinen schon wieder kreischend mit dem Bobby-Car durch die Wohnung schießen.

Doch dem gehen Tage der Isolation voraus, weil man ja nicht auch noch Unschuldige mit reinziehen will. Momente, in denen sich der kindliche Mageninhalt über einer Kiste Duplo entleert. Und während Tiger, Giraffen und Bausteine aus Plastik in großen Töpfen ausgekocht werden, türmt sich unerledigte Arbeit zwischen Inhalationsgeräten und Nasensaugern. Schlimmer noch sind die Nächte, in denen sich vier Menschen mit verstopften Nasen und entsprechend lauten Atemgeräuschen ein Bett teilen. Dann die Berge von Bettwäsche! Schon wieder alles absagen! Sicher wenden sich bald auch die besten Freunde ab.

Wie schaffen es andere eigentlich, diese Familienlazarett-Phasen gelassen zu ertragen? Ich zerfließe in Selbstmitleid. Nehme mir vor, nie mehr im Leben irgendetwas zu planen. Bilde mir ein, die Einzige zu sein, die so häufig von all diesem Unheil heimgesucht wird.

Dabei befinde ich mich ja schon in der zweiten Runde und weiß: Die Kleinen werden robuster, das nächste Jahr wird leichter, mein Nervenkostüm stabiler. Und ich werde hoffentlich bald wieder stark genug sein, keinen Joghurt mehr an die Wand zu feuern, nur weil der berüchtigte „Durchfall“-Anruf aus der Kita kommt ...