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Kita-Eingewöhnung aus Sicht einer Erzieherin

Um die Eingewöhnung ihrer Kinder machen sich nicht nur Eltern viele Gedanken. Auch für die Erzieherinnen und Erzieher ist es jedes Mal wieder eine Herausforderung. Anna Hartmann beschreibt die ersten Wochen aus der Erzieherperspektive.

Kinder spielen in der Kita
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Die jeweilige Bezugserzieherin führt mit den Eltern außerdem ein ausführliches Vorgespräch

Mit dem Krippenstart beginnen für alle Beteiligten sehr intensive Wochen: Vor den Kindern liegt eine Riesenaufgabe, die Eltern müssen meist zum ersten Mal lernen loszulassen, und auch vor uns Erzieherinnen und Erziehern liegt eine herausfordernde Zeit. Keine Eingewöhnung ist wie die andere. Jedes neue Kind bringt durch die Schwangerschaft, die Entbindung und das erste Lebensjahr eine eigene Geschichte mit. Manche Kinder sind einem selbst vom Charakter her sehr nahe, und es fällt einem leicht, zu ihnen Zugang zu finden, in andere Kinder muss man mehr investieren. Ich möchte jedem Einzelnen den bestmöglichen Start ermöglichen.

Mit der Weichenstellung für die Eingewöhnung beginnen wir bereits einige Zeit vor dem eigentlichen Krippenstart. Wir laden die neuen Familien zu einem Kennenlern-Nachmittag ein. Bei diesem Treffen haben wir all unsere Antennen ausgefahren. Wir beobachten zum Beispiel, wie die Kinder in unseren Räumen unterwegs sind, wie sie reagieren und wie Kinder und Eltern miteinander agieren. So können wir erste Rückschlüsse auf die anstehende Eingewöhnung ziehen.

Die jeweilige Bezugserzieherin führt mit den Eltern außerdem ein ausführliches Vorgespräch. Hier erklären wir unser Eingewöhnungsmodell, erkundigen uns ausführlich nach unserem neuen Gruppenmitglied in spe und klären sämtliche Fragen. Es ist toll, wenn Eltern uns in diesem Gespräch einen Vertrauensvorschuss geben und Persönliches erzählen. Jede Familie bringt ja auch ihr eigenes Päckchen mit. Wenn wir beispielsweise hören, dass eine Schwangerschaft besonders kompliziert war, sind wir darauf gefasst, dass diesen Eltern das Loslassen besonders schwerfällt – und können entsprechend darauf eingehen. Wir sind geschult, Zusammenhänge zu entdecken, wo Eltern selbst vielleicht gar keine sehen.

Kinder malen Bild mit Handabdrücken
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Mit dem ersten Krippentag beginnt dann ein eine Art Speed-Dating. Ich muss herauszufinden: Wie tickt mein Eingewöhnungskind, welche Vorlieben hat es? Von mehr oder weniger null auf hundert eine völlig neue Bindung aufzubauen ist keine einfache Aufgabe. Es ist so wichtig, dass der Kita-Träger Eingewöhnungen einen hohen Stellenwert einräumt und einen entsprechenden Rahmen schafft. Ich kenne Einrichtungen, da gewöhnen Praktikanten ein, und den Kindern fehlt eine feste Bezugsperson. Das geht nicht!

Ein neues Krippenkind benötigt eine enge Begleitung. Selbst bei einer völlig problemlosen Eingewöhnung brauchen die Kleinen ungefähr vier bis sechs Wochen, um Vertrauen aufbauen zu können. Um dem neuen Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit geben zu können, ist ein entsprechender Personalschlüssel wichtig. Er sollte mindestens 1:4, besser sogar 1:3 betragen. Der normale Gruppenbetrieb läuft ja weiter. In unserer Krippe gewöhnen wir in bestimmten Zeiträumen ein, damit in die Gruppe bald auch wieder Ruhe einkehrt. Auf die älteren Krippenkinder wirkt sich ein Neuzugang schließlich auch aus. Plötzlich hat die Lieblingserzieherin – oder der Lieblingserzieher – weniger Zeit, auf einmal sitzt ein neues Kind auf ihrem Schoß.

Gerade in den ersten zwei Eingewöhnungswochen konzentriere ich mich voll und ganz auf unser neues Gruppenmitglied, versuche, alle Schwingungen mitzukriegen und die Gestik und Mimik des Kindes zu durchschauen: Wie geht es ihm in der Gruppe? Wie reagiert es auf mich? Welche Anzeichen hat es für Müdigkeit? In der Eingewöhnung geht es darum, diesen kleinen Menschen in all seiner Komplexität wahrzunehmen. Ich unternehme alles, um das Kind zu stabilisieren und ihm ein gutes Gefühl zu geben. Ich gebe Spielimpulse, biete Körperkontakt an, singe oder lese. Wie viel ein Kind von seiner Bezugsperson braucht – das ist unterschiedlich. Manche Kinder stehen auf Neues, krabbeln oder stapfen sofort los und erkunden den Gruppenraum. Andere beobachten erst einmal und sitzen gern auf dem Schoß.

In der Eingewöhnung geht es darum, diesen kleinen Menschen in all seiner Komplexität wahrzunehmen.

Die Kinder nicht in Schubladen zu stecken, sondern immer wieder ganz individuell hinzugucken, ist mit zunehmender Berufserfahrung eine Herausforderung. Ich bin sehr dankbar, dass mir zu Beginn meiner Krippentätigkeit eine erfahrene Kollegin zur Seite stand, von der ich viel lernen konnte. In meiner Ausbildung hat das Thema Eingewöhnung nämlich keinen besonders großen Raum eingenommen.

Obwohl ich inzwischen bestimmt schon 50 Kinder eingewöhnt habe, bin ich auch heute – nach 13 Berufsjahren – immer wieder aufs Neue angespannt. Denn auch ich stehe ja unter Beobachtung. Das Kind beäugt mich und fragt sich: Was will diese Frau von mir? Überhaupt, was soll das alles hier? Auch die Mütter oder Väter, die zu Beginn der Eingewöhnung mit im Raum sind, schauen natürlich genau hin, wem sie ihr Kind anvertrauen.

Kleiner Junge spielt in der Kita
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Ich rate allen Eltern dringend dazu, vor dem Krippenstart sicher zu sein: Bin ich wirklich bereit, mein Kind abzugeben? Kinder haben extrem feine Antennen für Unsicherheiten. Haben die Eltern kein gutes Gefühl, sollten sie den Krippenstart lieber verschieben. Für eine gelungene Eingewöhnung sind positiv eingestellte Eltern elementar. Ich bestärke unsere Mütter und Väter darin, sofort anzusprechen, wenn ihnen irgendetwas nicht gefällt oder es ihnen nicht gut geht. Auch Traurigkeit hat Raum in der Eingewöhnung.

Wir finden es überhaupt nicht schlimm, wenn Eltern auch mal weinen. Eine solch enge Bindung, wie man sie die Babyzeit hindurch hatte, zu lockern – das ist schwer. Und das Loslassen des wirklich ja auch noch sehr kleinen Kindes darf einem auch ruhig schwerfallen.
Wir geben uns große Mühe, mit Eltern auch über ihre Emotionen zu sprechen. Ab und an haben wir jedoch das Gefühl, dass die Eltern mehr Begleitung brauchen als die Kinder. Sie kommen nicht nur mit Eingewöhnungsfragen zu uns, sondern haben Bitten wie „Mein Mann bringt sich überhaupt nicht in die Kindererziehung ein, könnt ihr nicht mal mit ihm sprechen?“. Auch wenn uns das Vertrauen der Eltern ehrt – manchmal sprengt der Gesprächsbedarf schlicht unseren zeitlichen Rahmen.

Ich würde sagen, von zehn Eingewöhnungen verlaufen sechs bis sieben planmäßig. Eigentlich ist das ein richtiges Wunder, wenn man bedenkt, dass das einjährige Kind zu diesem Zeitpunkt im Leben ohnehin gerade mit so vielen Dingen beschäftigt ist. Es fängt an zu sprechen, zu laufen, der Schlafrhythmus und die Ernährung ändern sich, die kognitive Entwicklung schreitet rasant voran – und dann kommt auch noch etwas so Aufregendes hinzu.

Ein komplettes Scheitern erleben wir jedoch sehr selten

Aber manche Kinder brauchen auch einfach etwas mehr Zeit, bis sie einen kompletten Kita-Tag meistern können. Wir besprechen dann mit den Eltern, ob und wie sie ihrem Kind die Verlängerung der Eingewöhnungszeit arbeitstechnisch und organisatorisch ermöglichen können. Es kommt auch vor, dass ein Kind noch nicht bereit ist. Hier kann es sinnvoll sein, die Eingewöhnung auszusetzen und ein paar Wochen später wieder aufzunehmen. Ein komplettes Scheitern erleben wir jedoch sehr selten. Für sehr schwierige Fälle haben wir auch schon mal eine Psychologin dazugeholt, die auch noch mal ganz viel Ahnung von frühkindlicher Entwicklung hat – was für uns Erzieher als Blick von außen und als Coaching sehr wertvoll war.
Uns ist wichtig, dass Eltern begreifen, was für eine Riesenaufgabe ihr Kind mit dem Übergang in die Krippe zu bewältigen hat. Zu Hause für viel Ruhe zu sorgen ist das Beste, was Eltern tun können. Wenn das Kind aus der Krippe kommt, braucht es keine Verabredungen oder Ausflüge, sondern einfach nur Mamas oder Papas Schoß, viel Nähe. Klar, manche Termine lassen sich nicht vermeiden – aber generell gilt: Nehmt die Geschwindigkeit raus!

Kita-Raum
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Ich selbst merke ja auch, wie anstrengend selbst die glatteste Eingewöhnung für mich ist. Mein neues Eingewöhnungskind nehme ich im Kopf und Herzen mit nach Hause. Auch nach Feierabend überlege ich, was ich am Tag gut gemacht habe und was nicht. Man selbst hat ja auch seine eigene Geschichte, die man mit in die Arbeit nimmt.
Ich bin sehr froh, dass ich mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen immer ehrlich austauschen kann. Nicht nur weil wir einander beraten, sondern auch, weil es für die eigene Psychohygiene wichtig ist, bei einer schwierigen Eingewöhnung auch mal sagen zu können: Gerade wird es mir etwas zu viel! Während unserer Eingewöhnungsphasen nehmen wir uns im gesamten Team monatlich sechs Stunden Zeit, um über unsere neuen Gruppenmitglieder und ihre Entwicklung zu sprechen.

So herausfordernd Eingewöhnungen sein können – sie geben mir auch immer wieder sehr viel Energie für meine Arbeit. Einen so intensiven Blick auf einen neuen Menschen werfen zu können, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Es ist großartig zu erleben, wie ein Kind in der Gruppe ankommt.

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