Sprachentwicklung
 
Sprachverzögerung im Kindergartenalter

Die meisten Kinder haben die Sache mit der Sprache im Alter von zwei bis drei Jahren raus. Doch was, wenn das Kind im Kindergarten ist - und noch immer höchst eigenwillige Sätze bildet? Woran man Sprachverzögerung erkennt und wie man Kindern helfen kann zeigen wir hier.

Sprachentwicklung: Sprachverzögerung im Kindergartenalter
iStock, Liderina

Je früher behandelt wird, desto besser

Mit drei Jahren sprach Sara wie ein Wirbelwind: Sie holperte über Worte, verdrehte Sätze, vernuschelte Buchstaben - aber sie machte das mit unüberhörbarem Vergnügen. Mit vier Jahren hatte Sara zwar einen erstaunlich großen Wortschatz, aber sie bekam noch immer keinen Satz grammatikalisch richtig hin. "Hier die Puppe schlafen." "Alles da wegmüssen." "Du kommen, ganz schnell." Dysgrammatismus lautete die Diagnose der Münchner Logopädin Barbara Kleesattel: "Sara hatte eine auffallende grammatikalische Störung, sie benutzte Verben ausschließlich in der Grundform und ließ Sätze unvollständig. Bei einem normalen Verlauf der Sprachentwicklung haben Vierjährige die Grammatik ihrer Muttersprache größtenteils intus."

Fast zwei Jahre war Sara in ihrer Behandlung, in der sie Satzmuster genauso trainierte wie die fehlenden Laute. Mit Trommeln, mit Singen, mit Spielen - und mit ziemlich viel Geduld. Mittlerweile geht Sara in die zweite Klasse, findet Aufsatzschreiben prima und Diktate doof. Sie redet wie ein Buch. Alles noch mal gut gegangen. "Je früher Sprachstörungen erkannt und behandelt werden, desto besser", sagt Sprachtherapeutin Iris Gewitsch aus München. Und Hilfe ist nötig, denn "Es ist schlimm, wenn Kinder die Regelschule nur deshalb nicht packen, weil sie sprachlich verzögert sind", sagt die Expertin.

Sprache und Sprachverständnis sind der Schlüssel zum Lernen. Bis zu einem Viertel aller Erstklässler, schätzen Experten, sind heute sprachlich auffällig, sechs bis acht Prozent haben eine behandlungsbedürftige Störung - Tendenz steigend. Ein Grund dafür: "Viele Kinder wachsen heute in extrem spracharmen Haushalten auf", meint Iris Gewitsch. Es gibt keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, selbst Zwei- und Dreijährige sitzen täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher, es wird schlicht zu wenig miteinander geredet.

Aber Sprachschwierigkeiten können auch vererbt oder durch minimale Störungen im Gehirn ausgelöst werden - ja selbst emotionale oder motorische Schwierigkeiten können zu Sprechproblemen führen. Und: Wenn ein Kind in den ersten Jahren häufig an Mittelohrentzündungen oder vergrößerten Polypen leidet und schlecht hört, tut es sich mit dem Spracherwerb ebenfalls schwerer.

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Wann müssen sich Eltern Sorgen machen?

Im Zweifelsfall eine Diagnosestunde bei einem Logopäden aufsuchen

Valentin ist drei, als er zum ersten Mal in die Praxis von Barbara Kleesattel kommt, wirkt aber viel jünger. Sprachlich ist er weit zurück, er benutzt kaum Dreiwortsätze. "Du da ausschneiden" "Spielen nein!" Er stellt keine Fragen und ist auffallend schüchtern. Anderen Kindern geht er aus dem Weg; er ist aggressiv und haut zu, wenn es ihm zu viel wird. Valentin ist intelligent, kann aber mit seiner Umwelt nur wenig anfangen.

"Neben einer leichten Innenohrschwerhörigkeit leidet Valentin an einer starken Wahrnehmungsstörung, so Barbara Kleesattel, die eine Zusatzausbildung als Spieltherapeutin hat. Valentin bekommt vieles schlicht nicht mit und hat Angst vor Neuem. In den ersten Monaten übt Valentin simple Alltagshandlungen: Tee kochen, Orangen auspressen, die Puppe füttern; alles wird von ganz einfachen Gesprächen begleitet. Resultat: Nach einem Jahr spricht Valentin vollständige Sätze.

Es werden deutlich mehr Jungen behandelt. Auf eine rosa Karte kommen in Iris Gewitschs Praxis mindestens doppelt so viele hellblaue. Eine Tendenz, die auch für die normale Sprachentwicklung gilt: Im statistischen Mittel haben Mädchen beim Spracherwerb die Nase vorne. Doch unabhängig vom Geschlecht - was Kinder wann können, variiert stark: Einige Kinder beherrschen ihre ersten Wörter bereits vor dem ersten Geburtstag, andere brauchen fast ein Jahr länger. Beides ist normal. Rund um den zweiten Geburtstag haben die meisten einen Wortschatz von etwa 50 Wörtern und fangen an, Zweiwortsätze zu bilden. 20 Prozent können das aber nicht. Ein Grund zur Sorge? Jein. Etwa die Hälfte dieser "Late Talkers" entwickelt sich sprachlich normal - nur langsamer.

Wann müssen sich Eltern Gedanken machen? "Beunruhigte Eltern haben es meist ganz gut im Gespür, wenn etwas nicht stimmt", so die Erfahrung von Iris Gewitsch. "Auf dieses Bauchgefühl können sie ruhig hören." Wer sich Sorgen macht, bespricht das am besten zuerst mit dem Kinderarzt. Der überprüft, ob das Kind gut hört und sieht und seine sonstige Entwicklung altersgemäß ist. Teilt er die Bedenken der Eltern, wird er zunächst eine Diagnosestunde beim Logopäden oder Sprachtherapeuten verschreiben und anschließend die nötige Therapie.

Allerdings vertrösten viele Kinderärzte auf später, auch weil die Krankenkassen Druck machen. Iris Gewitsch hält das für falsch: "Es ist besser, möglichst früh mit einer Therapie zu beginnen - und zwar bevor sich Sprachfehler festigen und das Kind darunter leidet, dass es schlechter oder anders spricht als die Freunde im Kindergarten." Wer zweifelt, sollte auf einer Diagnosestunde in einer entsprechenden Praxis bestehen - oder sie im Notfall selbst bezahlen.