Sprachentwicklung
 
Sprachverzögerung im Kindergartenalter

Sprachentwicklung: Sprachverzögerung im Kindergartenalter
iStock, Liderina

Wann müssen sich Eltern Sorgen machen?

Im Zweifelsfall eine Diagnosestunde bei einem Logopäden aufsuchen

Valentin ist drei, als er zum ersten Mal in die Praxis von Barbara Kleesattel kommt, wirkt aber viel jünger. Sprachlich ist er weit zurück, er benutzt kaum Dreiwortsätze. "Du da ausschneiden" "Spielen nein!" Er stellt keine Fragen und ist auffallend schüchtern. Anderen Kindern geht er aus dem Weg; er ist aggressiv und haut zu, wenn es ihm zu viel wird. Valentin ist intelligent, kann aber mit seiner Umwelt nur wenig anfangen.

"Neben einer leichten Innenohrschwerhörigkeit leidet Valentin an einer starken Wahrnehmungsstörung, so Barbara Kleesattel, die eine Zusatzausbildung als Spieltherapeutin hat. Valentin bekommt vieles schlicht nicht mit und hat Angst vor Neuem. In den ersten Monaten übt Valentin simple Alltagshandlungen: Tee kochen, Orangen auspressen, die Puppe füttern; alles wird von ganz einfachen Gesprächen begleitet. Resultat: Nach einem Jahr spricht Valentin vollständige Sätze.

Es werden deutlich mehr Jungen behandelt. Auf eine rosa Karte kommen in Iris Gewitschs Praxis mindestens doppelt so viele hellblaue. Eine Tendenz, die auch für die normale Sprachentwicklung gilt: Im statistischen Mittel haben Mädchen beim Spracherwerb die Nase vorne. Doch unabhängig vom Geschlecht - was Kinder wann können, variiert stark: Einige Kinder beherrschen ihre ersten Wörter bereits vor dem ersten Geburtstag, andere brauchen fast ein Jahr länger. Beides ist normal. Rund um den zweiten Geburtstag haben die meisten einen Wortschatz von etwa 50 Wörtern und fangen an, Zweiwortsätze zu bilden. 20 Prozent können das aber nicht. Ein Grund zur Sorge? Jein. Etwa die Hälfte dieser "Late Talkers" entwickelt sich sprachlich normal - nur langsamer.

Wann müssen sich Eltern Gedanken machen? "Beunruhigte Eltern haben es meist ganz gut im Gespür, wenn etwas nicht stimmt", so die Erfahrung von Iris Gewitsch. "Auf dieses Bauchgefühl können sie ruhig hören." Wer sich Sorgen macht, bespricht das am besten zuerst mit dem Kinderarzt. Der überprüft, ob das Kind gut hört und sieht und seine sonstige Entwicklung altersgemäß ist. Teilt er die Bedenken der Eltern, wird er zunächst eine Diagnosestunde beim Logopäden oder Sprachtherapeuten verschreiben und anschließend die nötige Therapie.

Allerdings vertrösten viele Kinderärzte auf später, auch weil die Krankenkassen Druck machen. Iris Gewitsch hält das für falsch: "Es ist besser, möglichst früh mit einer Therapie zu beginnen - und zwar bevor sich Sprachfehler festigen und das Kind darunter leidet, dass es schlechter oder anders spricht als die Freunde im Kindergarten." Wer zweifelt, sollte auf einer Diagnosestunde in einer entsprechenden Praxis bestehen - oder sie im Notfall selbst bezahlen.