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„Wer Krieg, Leid, Not und Hunger sät, erntet Flüchtlinge“ Mobile Kita - für ein paar Stunden wieder Kind sein

Unterstützt von Freiwilligen hat der Paritätische Wohlfahrtsverband am Hamburger Hauptbahnhof einen kleinen Ort des Friedens für Kinder aus Flüchtlingsfamilien geschaffen, die nach Skandinavien weiterreisen wollen. Zwei Erzieherinnen berichten von Befürchtungen, Vorurteilen und ihren emotionalen Erfahrungen mit den Kindern. Das Video erlaubt auch Dir einen Einblick in den Lebensalltag der Helfer und der Kinder.

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Katja Pietryka-Rath und Birgit Wietholz sind Erzieherinnen in Hamburger Kitas, die sich freiwillig zusätzlich in der mobilen Kita am Hamburger Hauptbahnhof engagiert haben. Die folgenden Texte von ihnen geben uns allen einen Einblick in ihre Befürchtungen, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Zeit. Die Texte und das Video sind uns vom PARITÄTISCHEN zur Verfügung gestellt worden. Vielen Dank für die offenen, ehrlichen Worte, die wohl niemanden unberührt lassen.

Video: Ein Tag in der mobilen Kita am Hamburger Hauptbahnhof

Erfahrungsbericht von Birgit Wietholz (Kita Feuerwache): Die Flüchtlinge und ich

Als ich morgens zu meinem ersten Kita Tag als Betreuerin in der mobilen Kita am Hamburger Hauptbahnhof aufbreche, merke ich erst, wie aufgeregt und unsicher ich bin. Nur wenige Stunden nach meiner Ankunft im Zelt bin ich dank der kleinen und großen Besucher und meiner großartigen KollegInnen kein Neuling mehr. Und als ich nach meinem ersten mobilen Kita Tag zuhause ankomme, ist mir plötzlich meine Stadt, mein Stadtteil und mein eigener Alltag fremder, als noch am Morgen. Ich weiß nicht genau, wie ich diesen Tag zu Ende bringen kann. Eigentlich bin ich immer noch am Hauptbahnhof, frage mich, wo die Frauen und Kinder, denen ich heute begegnet bin, jetzt sind, bekomme sie nicht aus meinem Kopf. Etwas ist mit mir passiert… Ich habe an einem außergewöhnlichen Ort gearbeitet, einem kleinen, überfüllten und ziemlich stickigen (sagen wir`s ehrlich: stinkigem) Zelt, das mit meiner tagtäglichen Lebensroutine nichts gemeinsam hat und das niemand in „unserer“ Stadt erwartet hätte (sondern an anderen, weit entfernten Brennpunkten der Welt) und das ich dennoch als Chance begreife, meine eigenen Hemmschwellen zu überwinden und auch meine Begrenztheit wahrzunehmen. Für die Frauen und Kinder, die unser Zelt besuchen, ist es eine kurze Verschnaufspause auf dem Weg in eine hoffentlich bessere, aber leider noch sehr ungewisse Zukunft. Meistens ist es nur ein kurzer Aufenthalt, ein Zwischenstopp, an dem sie von uns mit Interesse, Freundlichkeit, Lachen, Spielideen, Kommunikation mit Händen und Füßen und manchem warmen Kleidungsstück versorgt werden. Für mich ist das Zelt ein Ort, an dem ich einige meiner Vorstellungen, meinen Sinn für Ordnung und viele „Bilder im Kopf“ über Bord werfe und stattdessen versuche, mich nicht vor neuen Herausforderungen, Menschen oder Situationen zu verschließen, sondern mit Stehvermögen, Gemeinsinn und großem Vertrauen in die Welt (und mich) den unumkehrbaren und rasanten Wandel, der uns ALLE angeht, mitzugestalten.

 

Erfahrungsbericht von Katja Pietryka-Rath (Kita Heinrich Helbing Straße): Warum ich helfe

„Wer Krieg, Leid, Not und Hunger sät, erntet Flüchtlinge“. Ich fühle mich ein Stück verantwortlich dafür und empfinde es als Selbstverständlichkeit, den Menschen zu helfen, die aus ihren Ländern fliehen müssen. Meine Erfahrungen: Vor meinem ersten Arbeitstag am Hauptbahnhof wollte ich mir einen Überblick verschaffen. Ich bin sehr froh, dass ich das gemacht habe, denn ich war schockiert von der Situation der Menschen. Ich hätte niemals gedacht, dass so etwas in Hamburg, einer der reichsten Städte in Deutschland, möglich ist. Trotz der Vorbereitung ergriff es mich sehr, so viele Menschen zu sehen, die alles verloren haben. Die Flüchtlinge haben unglaubliche Strapazen erlebt und ich konnte trotzdem die Hoffnung in ihren Augen sehen. Viele Kinder waren krank und nicht wettergerecht gekleidet. Es war kein Arzt anwesend. Das trieb mich das ein oder andere Mal zur Verzweiflung. Der zweite Tag war einfacher. Nun wusste ich wirklich, was auf mich zukam und wie meine Aufgaben aussahen. Der Ärzte-Container war geöffnet und die Menschen wurden medizinisch versorgt. Ich konnte mich um die Kinder kümmern, mit ihnen spielen und sprechen. Meine Kollegin hat einen Luftballon aufgeblasen und die Augen eines kleinen Kindes wurden immer ein Stück größer, je größer der Luftballon wurde. Die Kinder waren alle sehr offen und trotz der Sprachbarrieren, war es überhaupt kein Problem zu kommunizieren mit Händen, Füßen und Mimik. Ich habe in den zwei Tagen so viele leuchtende Kinderaugen gesehen, die sich über jede Kleinigkeit gefreut haben. Frauen, die dankbar waren, dass sie sich ein wenig ausruhen konnten. Ein junger Mann hat sich die Straßenmalkreide genommen und in großen Buchstaben „We love Germany“ auf den Gehweg geschrieben. Die Spenden- und Hilfsbereitschaft der Hamburger hat mich positiv überrascht. Es kamen sehr viele Leute, die etwas abzugeben hatten. Eine junge Frau hat für die Kinder kleine Tüten mit neuem Spielzeug gespendet. Viel Kleidung und Essen wurde gespendet und auch Zeit. Ich finde es enorm, was die Hamburger Bevölkerung am Hauptbahnhof ehrenamtlich auf die Beine stellt. Und ich finde es enorm traurig und peinlich, dass die Stadt sich dort ganz raushält. Nach zwei Tagen am Hamburger Hauptbahnhof war mir klar, dass ich gerne mehr tun möchte. Ich habe in unserer Kita auf unserem Lichterfest um Kleider- und Geldspenden gebeten. Davon haben wir Obst und Bastelmaterial gekauft. Die Kleiderspenden haben wir gezielt verteilt an Kinder, die keine Schuhe oder Strümpfe anhatten. Für mich war und ist es eine persönliche Bereicherung, am Hauptbahnhof zu helfen. Ich denke viel über mein eigenes Konsumverhalten nach. Was ich kaufe und welche Firmen ich damit unterstütze, die Menschen in fernen Ländern ausbeuten. Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

 

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