Multikulti im Kindergarten?
 
Chance auf Vielfalt und Toleranz

"In unserem Kindergarten spricht die Hälfte der Kinder kaum Deutsch. Ich weiß, dass meine Bedenken politisch nicht korrekt sind, frage mich aber trotzdem, ob meine Tochter da ausreichend gefördert wird." Hier die ausführliche Antwort der ELTERN-Redaktion auf die Kindergarten-Frage.

Multikulti im Kindergarten?: Chance auf Vielfalt und Toleranz

Dieses Unbehagen lässt sich nachvollziehen. Aber wirklich begründet ist es nur, wenn die Erzieherinnen sich der Herausforderung nicht stellen. Wenn sie dagegen motiviert und gut ausgebildet sind, spielt die "Ausländerquote" kaum eine Rolle: Ob 20, 40 oder 60 Prozent der Kinder aus Kroatien, der Türkei oder Somalia kommen, ist dann letztendlich egal.

Der Schlüssel zu guter Bildung und zur Integration heißt: Sprachförderung. Denn ob Einrichtungen mit vielen Migrantenkindern nun wollen oder nicht – bei ihnen wird "Sprache" zum beherrschenden Thema. Wie die Erzieherinnen mit Deutsch und den Herkunftssprachen der Kinder um gehen, entscheidet darüber, wie wohl sich die Kinder in ihrer Gruppe fühlen und wie gut sie auf die Schule vorbereitet werden. "Sinnvollerweise spulen solche Kindergärten aber nicht spezielle Sprachförderprogramme ab", betont Dr. Karin Jampert, Diplompädagogin am Deutschen Jugendinstitut. "Besser, die Kinder haben im normalen Kindergartenalltag, beim Toben und Spielen, beim Singen oder kleinen Natur- Experimenten viel Gelegenheit zu reden - miteinander und mit den Erzieherinnen, die sicher mehr erklären müssen als in anderen Einrichtungen."

Kompetentes Kindergartenpersonal können Eltern daran erkennen, dass sich die Erzieherinnen um eine reichhaltige Sprache bemühen, dass sie mit den Kindern ihrem Entwicklungsstand entsprechend reden, dass sie "korrigieren", indem sie ganze Sätze korrekt wiederholen. Vor allem daran, dass sie sich für die jeweiligen Herkunftssprachen interessieren. Sie können die Kinder zum Beispiel Lieder aus der Heimat ihrer Eltern singen lassen, sie fragen, ob der Hahn bei ihnen anders kräht als in Deutschland, oder, beim Turnen, wie "Bein" in ihrer Sprache heißt. Sie können die Eltern bitten, zum nächsten Geburtstag etwas aus ihrer Heimat zum Essen mitzubringen oder einfach Geschich ten aus ihrer Kultur zu erzählen.

Die Verkehrssprache muss immer Deutsch sein – aber es wäre fatal, den kleinen Türken zu verbieten, auch Türkisch miteinander zu reden. Denn: Merken Kinder, dass ihre Muttersprache nicht akzeptiert ist, fühlen sie sich auch als Mensch nicht akzeptiert und ziehen sich womöglich zurück, allein oder in Grüppchen, und das ist das Gegenteil von Integration und Bildung. Wenn es dem Kindergar ten also gelingt, Sprache spielerisch zum großen Thema zu machen,dann profitieren alle Kinder davon.

Die ausländischen Kinder lernen Deutsch in kürzester Zeit - und die deutschstämmigen Kinder bekommen eine Förderung besonderer Art: "Selbst wenn sie von den fremden Lauten, die sie im Kindergarten hören, zunächst nichts verstehen - sie sind davon fasziniert", sagt Dr. Christa Preissing, Soziologin an der Internationalen Akademie in Berlin. "Sie denken viel über Laute, Worte, Sprachrhythmus und -melodie nach. All das fördert die eigene sprachliche Entwicklung." Und sie lernen einiges über andere Kulturen, über Normen und Werte, die womöglich ganz anders sind als bei uns. Sie können vergleichen und werden sich eine eigene Meinung bilden. "Alles Lernerfahrungen", so Christa Preissing, "die im Zeitalter der Globalisierung unabdingbar sind."