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Waldkindergarten Fragen und Antworten zum Waldkindergarten

Kind umarmt Baum
© Helder Almeida / Shutterstock
Wenn es um Waldkindergärten geht, haben Eltern sehr unterschiedliche Vorstellungen: Intensive Naturerfahrungen erwarten die einen. Hibbelige Kinder, die frierend durch den Wald laufen, vermuten die anderen. Wir haben mit Waltraud Goßmann gesprochen, einer erfahrenen Pädagogin, die seit 13 Jahren eine Waldkindergruppe in Kassel-Bettenhausen leitet.

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Welche Stärken hat ein Waldkindergarten?

Durch die Gegebenheiten im Wald wir die Grobmotorik der Kinder besonders gefördert. Im Wald ist der Boden uneben, die Kinder klettern auf Bäume, balancieren über Wurzelstöcke oder umgestürzte Stämme und laufen im Sommer meistens Barfuß. "Das sind tägliche Erfahrungen, die kann keine Turnstunde bieten", sagt Waltraud Goßmann, die seit 13 Jahren die Waldkindergruppe in Kassel-Bettenhausen leitet. Bucheckern und Eicheln sammeln, Hütten und Staudämme bauen: Feinmotorik, Kreativität aber auch Gemeinschaftsgefühl und gegenseitige Unterstützung fordert und fördert die tägliche Auseinandersetzung mit den Gebenheiten des Waldes. Aber auch für die Sprachentwicklung ist das Spielen im Wald förderlich: "Im Kindergarten ist es oft sehr laut, leise Kinder gehen dort etwas unter. Im Wald ist es leise. Die Kinder reden troztdem viel, denn sie müssen bei Rollenspielen und Phantasiespielen den anderen Kindern erklären, dass der Stock jetzt ein Zauberstab ist und der Stein ein verzauberter Hund."

Für welche Kinder ist ein Waldkindergarten besonders geeignet?

Sehr lebhafte Kinder, Kinder die von ADHS betroffen sind, oder auch sehr schüchterne Kinder, bekommen im Wald "Nahrung für die Seele" wie die Waldpädagogin es nennt. "Sie können sich im Wald nach ihrem Tempo ausprobieren, können auch etwas Abstand wahren, wenn ihnen danach ist."

Können auch behinderte Kinder einen Waldkindergarten besuchen?

"Für behinderte Kinder, aber auch für Kinder, die von Behinderung bedroht sind, ist der Wald goldrichtig", so die langjährige Erfahrung der Waldpädagogin Waltraud Goßmann. "In der Natur können auch behinderte Kinder Erfahrungen und Erfolgserlebnisse sammeln, die ihnen Selbstvertrauen geben." Ob Kinder mit Down-Syndrom, Kinder mit autistischen Zügen oder Kinder mit ADHS: "Ich habe in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen damit gemacht, behinderte Kinder mit in den Wald zu nehmen", so die Pädagogin. Die gesunden Kinder unterstützen ihre schwächeren Freunde, die sich im Wald oft wohler und weniger bedrängt fühlen als in einem Haus.

Sind die Kinder jeden Tag draußen?

Ja. Egal ob die Sonne scheint, es regnet oder schneit. Waldkinder sind bei jedem Wetter im Freien. "Gute Kleidung und gute Stiefel sind deshalb für Waldkinder das wichtigste", sagt Waltraud Goßmann, "mit Kälte und Nässe lernen die Kinder umzugehen." Es kommt aber auch schon mal vor, dass ein Kind im Winter wegen kalten Füßen weint: "Wir machen dann Turnübungen, laufen hin und her, bis uns wieder warm ist." Bei sehr schlechtem Wetter steht in fast allen Waldkindergärten ein Bauwagen zur Verfügung, in dem man sich aufwärmen kann. "Wir haben im Moment keinen Wagen. Unser alter Bauwagen ist leider nach einem Sturm kaputt gegangen - aber wir haben ihn ohnehin nie benutzt", erzählt die Gruppenleiterin.

Gibt es auch Spielzeug wie Bagger, Bobbycar oder Puzzles?

Nein. Vorgefertigtes Spielzeug gibt es nicht, denn die Kinder fertigen sich ihr Spielzeug aus Ästen, Blättern, Steinen, Erde und Tannenzapfen selbst. "Wir nehmen nur zwei Taschenmesser zum Schnitzen mit und zwei Trollies in die wir Isomatten, heißen Tee, Löffel, Verbandszeug und ein Handy haben", erklärt Waltraud Goßmann, die Waldpädagogin. "Interessant ist, dass die Kinder nie nach Spielzeug fragen, sie vermissen nichts im Wald."

Wird spielerisch auf die Schule vorbereitet?

Mit der Schere schneiden, puzzeln oder erste Buchstaben malen findet in Waldkindergärten nicht statt. "Wenn ich aber bei den Lehrern in der Grundschule nachfragen, ob ihnen etwas an den Waldkindern auffällt, bekomme ich durchwegs positive Antworten", so Waltraud Goßmann. "Die Lehrer sagen mir, dass die Kinder aufgeschlossen und sprachlich sehr gewandt sind. Waldkinder sind selbstbewußt, weniger schüchtern und wirken sehr gefestigt." Auch entgegen aller Vorturteile können Waldinder durchaus in der Schule still sitzen und sich konzentrieren.

Sind die Kinder häufiger krank und gibt es oft Unfälle?

Erkältungen treten bei den Kindern gerade im ersten Jahr häufig auf, aber nach spätestens einem Jahr ist der Körper abgehärtet und hat sich an das Wetter gewöhnt. Unfälle sind hingegen selten: Da die Kinder gewöhnt daran sind, sich in der Natur zu bewegen, kennen sie ihre Grenzen besser und können ihre körperlichen Fähigkeiten besser einschätzen. "In den letzten 13 Jahren musste ich vier Unfallmeldungen für Waldkinder schreiben. In einem normalen Kindergarten schreibt man das in einem Jahr", so die Pädagogin.

Sind die Kinder immer an dem selben Ort im Wald?

Nein, es gibt zwar bei allen Waldkindergruppen Lieblingsplätze oder besonders schöne Treffpunkte, aber in der Regel entscheidet die Gruppe ganz spontan was am Tag gemacht wird. Ob man auf Erkundungstour Neues entdecken möchte oder an alten, bekannten Plätzen spielen will.

Benötigen die Erzieher eine besondere Ausbildung?

"Ich habe keine spezielle Ausbildung, das wichtigste ist, dass man die Natur mag", beschreibt Waltraud Goßmann die Grundvoraussetzung für einen Waldpädagogen. Auch kleine Krabbeltiere, nasses und kaltes Wetter und der Umstand, dass man nur selten seine Hände waschen kann, sollten einem Erzieher nichts ausmachen.

Wie viel kostet ein Waldkindergartenplatz und wie lange sind die Betreuungszeiten?

Sehr viele Waldkindergartenplätze gehen aus privater Trägerschaft hervor z. B. im Rahmen einer Elterninitiative. Die Kosten können etwas höher sein als in kommunalen oder städtischen Einrichtungen und auch die Betreuungszeiten können stark variieren. Häufig sind Betreuungszeiten zwischen vier und fünf Stunden an drei bis fünf Tagen pro Woche. Eher seltener sind Waldkindergärten, die von Montag bis Freitag täglich sechs bis sieben Stunden Betreuung anbieten. Freie Plätze, Preise und Betreuungszeiten mindestens ein halbes Jahr vor Kindergartenbeginn bei den jeweiligen Waldkindergärten erfragen.

Interssante Links:

Auf der Seite des Bundesverbands der Waldkindergärten findet man eine Liste in der Waldkindergärten nach Bundesländern aufgeführt sind. Die Liste ist zwar nicht komplett, bietet aber einen guten Ansatz, um selbst nach einem Kindergarten in seiner Nähe zu suchen.

Seite des ersten anerkannten Waldkindergartens in Deutschland. Er wurde 1993 in Flensburg gegründet. Zuvor gab es seit Ende der 60er Jahre private Initiativen, die aber keine staatliche Anerkennung hatten.

Drei Filmausschnitte zum Thema Waldkindergartenpädagogik findet man unter www.waldkindergartenfilme.de. Die Filme wenden sich zwar überwiegend an Erzieher, sind aber auch für engagierte Eltern, die z. B. eine Elterninitiative gründen wollen, interessant.


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