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Erziehung Der lange Weg zur Selbstständigkeit


Zweijährige wollen am liebsten alles "selber machen" und Zehnjährige sollten langsam wissen, was sie wollen: Selbstständigkeit ist ein langer Prozess, den Kinder mit ihren Eltern in sieben Schritten meistern.

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Schritt eins: "Trau mir etwas zu"

Der lange Weg zur Selbstständigkeit
Der lange Weg zur Selbstständigkeit
© Thinkstock / iStock

Ermutigung ("Probier es noch mal, dann klappt es vielleicht") ist immer besser als Kritik ("Siehst du nicht, dass das falsch ist?"), Vorwürfe ("Meine Güte, wie du dich anstellst") und Bevormundung ("Lass mich das machen, das geht schneller").

Auch Überbehüten schwächt das Selbstvertrauen und führt in die Unselbstständigkeit. Kinder wollen spüren: "Meine Eltern trauen mir etwas zu. So wie ich bin, bin ich richtig." Dann bilden sie ein stabiles Bindungs- und Beruhigungssystem aus, das ihnen hilft, mit Niederlagen, Fehlern, Missgeschicken und Enttäuschungen fertig zu werden.

Schritt zwei: "Ich will kämpfen"

Auch wenn das für Eltern manchmal anstrengend ist: Wichtige Entwicklungsschritte sind an Aggression gebunden. Eine eigenständige Persönlichkeit kann sich nur in der Auseinandersetzung mit anderen entwickeln. Insbesondere in den ersten sechs Lebensjahren erleben Kinder, dass das Leben mit seinen Leistungsanforderungen aus vielen Dissonanzen und Konflikten besteht, die oft starke Emotionen auslösen. Diese Gefühle müssen sie als einen Teil ihrer Persönlichkeit annehmen können. Das wird schwierig, wenn sie in Auseinandersetzungen immer gestoppt oder zurechtgewiesen werden.

Wenn Kinder streiten, geht es nur vordergründig darum, wer recht oder gewonnen hat. Eigentlich geht es darum, herauszufinden: "Was will ich? Was will der andere? Und wie teile ich ihm das mit?" Deshalb sind Kinder so engagiert und motiviert bei der Sache und setzen ihre ganze Kraft ein, um das rote Gummibärchen zu kriegen, nicht das gelbe. Kinder sollten ihre Konflikte weitgehend selbst lösen. Das können sie ganz gut. Auch wenn ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit und Fairness nicht immer denen der Erwachsenen entsprechen.

Schritt drei: "Ich will gewinnen"

Schneemannbauen, Radschlagen, Wii- Spiel und Puddingkochen – Kinder brauchen Erfahrungen, bei denen sie erfolgreich sind. Die sollten daher möglichst ihrem Entwicklungsstand entsprechen – und ein kleines bisschen über dem liegen, was sie schon können. Spielsachen oder Unternehmungen, für die sie eigentlich noch zu klein sind, sind keine Herausforderung, sondern frustrierend, weil das Kind dabei automatisch auf Unterstützung angewiesen ist. Damit nimmt man ihm die Freude, etwas aus eigener Kraft zu meistern.
Eltern sollten grundsätzlich immer nur so viel Unterstützung anbieten, wie ein Kind braucht oder einfordert, um allein zurechtzukommen. Egal, ob es die ersten Schritte macht oder zum ersten Mal eine Schere in der Hand hält.

Schritt vier: "Lass mich selbst bestimmen"

Aus der Hirnforschung weiß man, dass die kindliche Neugier und die damit verbundenen Glückserlebnisse im Gehirn zur Aktivierung des Motivationssystems führen.
Je mehr Bedeutung der kindlichen Entdeckerfreude beigemessen wird und je mehr dabei Raum für eigene Entscheidungen ist, umso besser wird die erlebte Begeisterung im Gehirn verankert. Dabei werden die grundlegenden Bahnungsprozesse angelegt, die mit darüber entscheiden, ob sich Kinder gerne neuen Aufgaben zuwenden und konzentriert lernen oder nicht. Damit die Begeisterungsfähigkeit erhalten bleibt, brauchen Kinder ein hohes Maß an Autonomie. Echte Leidenschaft entwickelt sich aus einer einzigartigen Beziehung zwischen einer Tätigkeit und demjenigen, der sie ausübt. Die lässt sich nur finden, aber nicht erzwingen.

Schritt fünf: "Ich will unter Kindern sein"

Kinder brauchen den Kontakt mit Kindern aus verschiedenen Altersgruppen, um selbstständig zu werden. Denn so können sie sehen, wo sie selbst stehen. Hier bekommen sie Antworten auf die Fragen: Wo sind meine Stärken? Meine Schwächen? Wer ist stärker, schneller, klüger? Auch wenn manche Rückmeldung harsch ausfällt, ohne geht es nicht.
Die Bewertungen der Peergroup sind für Kinder im Übrigen oft wichtiger als die von Erwachsenen. Sie wollen sich mit anderen messen, weil sie hier sehen, was ihnen vielleicht auch möglich ist. Unter ihresgleichen erfahren Kinder außerdem ganz unmittelbar, was es mit Solidarität, Mitgefühl, Fairness, Verantwortung, Hilfsbereitschaft auf sich hat. Und nur hier können Kinder Freunde auf Augenhöhe finden. Freunde, die sie sich selbst ausgesucht haben.

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Schritt sechs: "Ich will spielen"

"Mäxchen" spielen, Schneemann bauen, Kissenschlacht machen, Kinder, die viel und lange spielen, sind in der Regel selbstständiger als Kinder, die schon mit acht, neun Jahren den Beschäftigungen von Teenagern nachgehen (Musikhören, Fernsehen, Shoppen). Im Spiel erschaffen sich Kinder eine Erfahrungswelt, in der sie und nicht die Erwachsenen das Sagen haben. Hier können sie auf eigene Faust ihre Talente erproben, Lösungen und Strategien für immer komplexere Probleme erfinden und Konflikte bewältigen. Vor allem aber schenkt die Freude am Spielen ein positives Selbstgefühl und stärkt somit auch die Handlungskompetenz.

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Schritt sieben: "Ich will meine Geschichte erzählen"

Selbstständigkeit hängt eng mit der Fähigkeit zusammen, sich klar und verständlich auszudrücken. Sprachlich gewandte Kinder kennen sich und ihre Bedürfnisse besser und finden auch leichter Zugang zu anderen, was wiederum ihr Selbstvertrauen und ihre sozialen Kompetenzen stärkt. Dafür müssen Kinder viel erzählen – und sie brauchen aufmerksame Zuhörer.
Beim Erzählen finden sie eine sprachliche Form für Gedanken oder Ereignisse, die für sie wichtig sind. Sie reflektieren unterschiedliche Positionen, entwickeln eigene Theorien und Überzeugungen. Mit jeder Geschichte entdecken Kinder etwas, das sie noch nicht gewusst haben – von sich, den anderen und der Welt. Auf diese Weise bildet sich eine eigenständige Persönlichkeit.

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Ist mein Kind selbstständig?

Daran können Sie es erkennen:

Selbstständige Kinder...

  • zweifeln nicht bei jeder Kleinigkeit an sich selbst
  • lassen sich durch ein Missgeschick nicht gleich den Wind aus den Segeln nehmen
  • konzentrieren sich auf das, was ihnen wichtig ist
  • können Entscheidungen treffen
  • bringen ihre Überzeugungen zum Ausdruck
  • können über sich selbst lachen
  • können sich anpassen, etwas aushandeln und Kompromisse schließen
  • bitten um Hilfe, wenn sie nicht weiterwissen
  • vertrauen darauf, dass sie Unterstützung bekommen
  • geben zu, wenn sie unrecht oder etwas falsch gemacht haben
  • führen Erfolge nicht nur auf Glück und Zufall zurück, sondern wissen, was sie geleistet haben
  • wissen, dass sie etwas können und etwas dazulernen können
  • erwarten von sich keine Wunder und setzen sich erreichbare Ziele
  • haben Eltern, die wissen, dass all das Zeit, Verständnis und Geduld braucht

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