Experten-Interview
 
Kita-Wiedereingewöhnung nach Corona: Müssen wir wieder von vorn beginnen?

Die Kitas in Deutschland werden noch auf unbestimmte Zeit geschlossen bleiben. Was passiert, wenn sie wieder öffnen? Das wollten wir von der Geschäftsführerin des Kita-Trägers Apoidea gGmbH, Stephanie Bauer, und dem pädagogischen Leiter Frederik Siebeneichner wissen.

Stephanie Bauer / Frederik Siebeneichner
Apoidea Hamburg
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Wir leben gerade alle in einer Ausnahmesituation. Die Kitas sind schon seit Wochen geschlossen. Aber irgendwann werden sie wieder aufmachen. Die Sorgen der Eltern sind groß, dass sie mit ihren Kindern bei der Eingewöhnung wieder ganz von vorne anfangen müssen. Wie sehen Sie das?
 
S. Bauer: Ich würde da zunächst in der jetzigen Situation ansetzen und einmal prüfen, was machen die Kitas jetzt, um die Beziehungen aufrecht zu erhalten? Uns ist es wichtig, dass Eltern und Kinder nicht alleingelassen werden. Wir befinden uns in einer komischen Zeit. Aber dies ist eine gemeinsame Reise, die wir bestreiten – um schließlich wieder zu einer neuen Normalität zurückzukommen.

„Viele Kinder vermissen ihre Freunde“

Kindergartenkinder spielen miteinander
iStock, Rawpixel

F. Siebeneichner: Und es kommt natürlich auch aufs Kind selbst und auf die Eltern an, wie sie mit einer solchen Situation umgehen. Viele Kinder vermissen ihre Freunde. Das ist für uns ein super Brückenschlag, eine positive Grundlage, um in die angestammten Verhältnisse zurückzukehren. Gleichzeitig versuchen wir, schon jetzt unterstützend zu wirken und vorzubereiten. Es gibt beispielsweise telefonische Beratungssprechstunden in jeder unserer Kitas. Erzieher unterstützen die Eltern dahingehend, wie sie auch zuhause verbindliche Strukturen aufrechterhalten können. Es soll kein Gefühl von Ferienzeit aufkommen. Da findet eine klare Abgrenzung statt.

S. Bauer: Ja, es ist ungemein wichtig, wie die Kitas Kinder gerade begleiten. Bei uns gibt es mehrmals die Woche einen live Morgenkreis. So können die Kinder ihre Erzieher und Freunde zumindest über den Bildschirm sehen. Das ist wichtig, um die Bindung aufrecht zu erhalten. Aber damit hört es nicht auf. Erzieher schreiben Briefe an die Kinder, schicken ihnen Bildermappen. So wollen wir die Förderung auch in dieser Ausnahmesituation aufrechterhalten. Wir haben uns wirklich viele Gedanken gemacht. Deshalb können Eltern jetzt auch zweimal die Woche bei uns an die Kitatür kommen und sich Essen abholen. So soll das kulinarische Gedächtnis der Kinder angeregt werden. Wir haben einen YouTube-Kanal, auf dem Lieder gehört werden können. Wir wollen alle Sinne der Kinder ansprechen, um breit aufgestellt zu sein und kein Gefühl von Ferien aufkommen zu lassen.

F. Siebeneichner: Die Begleitung ist uns super wichtig. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass wir mit dieser medialen Präsenz die Kinder an die Bildschirme ziehen. Das ist etwas paradox, lässt sich in dieser herausfordernden Situation aber nicht vermeiden.
 
Sehen Sie für den Wiedereinstieg Unterschiede für den Krippen- und den Elementarbereich?
 
S. Bauer: Auf jeden Fall. Vor allem rechnen wir aber auch mit Unterschieden, wenn es darum geht, wie lange Kinder bereits in den Einrichtungen sind. Wenn ein Kind zum Beispiel schon ein Jahr bei uns ist, erwarten wir, dass es ihm leichter fällt, als wenn es gerade erst im Januar in die Kita gekommen ist. Was wir aber auch alle bedenken sollten: Es kann derzeit nicht davon ausgegangen werden, dass alle Kinder gleichzeitig wieder in die Einrichtungen kommen werden.

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„Die politischen Entscheidungen abwarten“

F. Siebeneichner: Genau. Inwiefern wir unseren Betrieb wieder aufnehmen werden, ist derzeit noch nicht geklärt. Da müssen wir auch erstmal die politischen Entscheidungen der nächsten Wochen abwarten. Unsere größte Kita hat 130 Kinder. Wenn die alle gleichzeitig von ihren Eltern abgegeben oder abgeholt werden würden – mit den Bestimmungen zum Abstand halten und so weiter. Stellen Sie sich das mal vor! Das kann gar nicht funktionieren.

Wie bereiten Sie sich auf die Wiedereröffnung vor? Gibt es zum Beispiel den Plan, dass zunächst weniger Kinder in einer Gruppe sind oder gibt es Regeln bezüglich des Körperkontaktes?
 
F. Siebeneichner: Unser Rahmenvertrag deckte bereits vor Corona gewisse Hygienestandards ab, um Ausbrüche von Krankheiten im Kitabereich einzudämmen. Ich denke, da sind wir gut sensibilisiert.
 
S. Bauer: Und wir sind ja aktuell schon mit solchen Problemen konfrontiert. Es gibt ja auch bei uns die Notbetreuung. Natürlich passiert in diesem Rahmen vornehmlich das Übliche: vermehrt Hände waschen und desinfizieren. Diese Mechanismen sollten auch bei einer Rückkehr zur Normalität aufrechterhalten bleiben. Allerdings sind wir keine Berufsgruppe, die einfach mit Mundschutz und Handschuhen arbeiten kann. Auch das sehen wir gerade in der Notbetreuung. Unsere Erzieher müssen quasi täglich ungeschützt ins kalte Wasser springen. Diese Leistung der Erzieher wird in der Gesellschaft noch gar nicht so sehr wahrgenommen und honoriert.

„Der Status Quo von vor Corona kann nicht mehr gelten"

Grundsätzlich sollten Eltern vor der Wiedereröffnung weiter sensibilisiert bleiben. Zum Beispiel erachten wir es als sinnvoll, dass Kinder lieber eine halbe Stunde länger in einer unserer Kitas bleiben, als das Eltern sie mit zum Einkaufen nehmen. Es muss für alle eine tragbare Lösung gefunden werden. Der Status Quo von vor Corona kann nicht mehr gelten.
 
Haben Sie konkrete Tipps für Eltern, wie Sie ihren Kindern die Wiedereingliederung erleichtern können?
 
S. Bauer:  Eltern sollten sich selbst schon mal den Stress nehmen. Sie sollten sich jetzt mit der Situation befassen, die ja ohne Frage auf uns alle zukommen wird. Wenn es soweit ist, werden wir alle Fehler machen – und das ist auch okay so.

Zwei Kinder malen mit Wasserfarben in der Kita
iStock, Geber86

F. Siebeneichner: Wir müssen miteinander sprechen.

S. Bauer:  Ja, darüber, welche Ängste es gibt und wie wir denen begegnen können.
 
F. Siebeneichner: Wir sollten uns alle bewusst sein, dass es anders sein wird, als vorher, entspannt bleiben und gemeinsam daran arbeiten. Zentral finde ich es wichtig, dass allen Kindern in dieser Phase Sicherheit vermittelt wird.

„Die Kommunikation verändert sich“

S. Bauer:  Konkret kann ich als Elternteil täglich an der Kita vorbeigehen und vielleicht durchs Fenster mit einer der Erzieherinnen ein Gespräch führen. Oder man kann ein Foto von der Kita machen und am Abend auf Augenhöhe mit dem Kind darüber sprechen: „Mensch guck mal, da gehen wir ja bald wieder hin“. So können Eltern das Gehirn ihres Kindes anstupsen, um eine Erinnerung hervorzurufen.
 
F. Siebeneichner: Das oberste Gebot sollte sein, dass die Eltern gegenüber den Kindern eine vertrauensvolle Basis schaffen.
 
S. Bauer:  Und nicht in blinden Aktionismus verfallen. Das ist auch eine neue Situation für uns als Träger. Und trotz aller Not, trotz aller Überlastung, bringt diese Situation auch etwas Positives in uns hervor. Die Kommunikation zwischen Eltern und Erziehern ändert sich. Auf einmal trifft man sich mit Eltern auf einer recht professionellen Ebene. Mehr Kommunikation findet statt, bei der alle gehört werden und wo man näher zusammenrückt. Es ist eine gute Chance für uns alle, da anzusetzen und weiterzumachen.

Das sagt die Apoidea gGmbH über sich selbst:
Apoidea steht für einen ganzheitlichen Ansatz, den wertschätzenden Umgang miteinander, die Ausrichtung des Handelns auf Nachhaltigkeit und für ein selbstbestimmtes Leben.
Wir arbeiten und handeln nach dem ganzheitlichen Konzept der Reggio-Pädagogik, das heißt: Partizipation, Transparenz und Demokratie in unserer Arbeit mit Kindern und Eltern.
(Hier geht's zum YouTube-Channel)

Interview: April 2020

Experten-Interview: Kita-Wiedereingewöhnung nach Corona: Müssen wir wieder von vorn beginnen?

Dieser Beitrag ist Teil der Initiative GEMEINSAM GEGEN CORONA der Bertelsmann Content Alliance, zu der auch der Verlag Gruner + Jahr gehört, in dem ELTERN erscheint. Gemeinsam setzen wir ein Zeichen im Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus.

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