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Schwimmen üben So verlieren Kinder die Angst

Schwimmen üben: Mädchen lernt schwimmen
© MNStudio
Was gibt es Schöneres, als bei warmen Wetter mit Karacho ins Wasser zu springen? Fast nix. Allerdings: Laut DLRG können 60 Prozent aller Zehnjährigen nicht sicher schwimmen. Höchste Zeit das zu ändern

60 Prozent! – das ist eine unglaublich hohe Zahl. Ein Grund dafür ist, dass immer mehr Schwimmbäder dicht gemacht werden. Die Corona-Pandemie hat die Situation weiter verschärft, denn viele Schwimmbäder blieben geschlossen. Schwimmkurse in Schulen und Vereinen sind ins Wasser gefallen. Alexander Gallitz, Präsident des Deutschen Schwimmlehrerverbandes und seit 1988 selbst als Schwimmlehrer im Einsatz, schätzt, dass mindestens drei Jahrgänge auf dem Trockenen sitzen. Die gute Nachricht: Auch mit Mamas und Papas Hilfe kann ein Kind schwimmen lernen.

Die Basics

Wann?

Grundsätzlich ist niemand zu alt oder zu jung, um schwimmen zu lernen. Laut DLRG ist fünf ein gutes Alter, um zu beginnen. Es gibt aber auch schon Dreijährige, die 25 Meter schwimmen und hervorragend tauchen können.

Wie lange?

Das ist individuell sehr verschieden. Schulen rechnen bei einem Achtjährigen mit mindestens 30 Unterrichtseinheiten à 45 Minuten. Wer jünger ist als fünf oder älter als zehn Jahre, sollte etwas mehr Zeit einplanen.

Womit?

Schwimmflügel, -reifen, -gurte oder -westen unterstützen das freie Spiel, solange Kinder noch nicht schwimmen können. Zum Schwimmenlernen eignen sie sich aber nur bedingt, da sie die Wasserlage zu stark beeinflussen. Völlig ungeeignet sind Schwimmringe oder -sitze. Sie halten die Kinder sogar vom Wasser fern und verhindern die Gewöhnung. Auch von einer Halskrause, wie sie für Babys angeboten werden, raten Experten ab.

Vor dem Schwimmen kommt das Spielen: Wie man sich ans Wasser gewöhnt

Spritzen

Wassergewöhnung beginnt für die meisten in der Badewanne oder der Dusche: ein paar Spritzer ins Gesicht – ist gar nicht schlimm! Mit Wasser und Quietscheentchen rumplantschen macht sogar richtig Spaß. Und nur im Wasser kann man sich schwerelos fühlen wie im Weltall. Wer sich zwischendurch mal auf den Bauch, mal auf den Rücken dreht, schult das Koordinationsvermögen – und kriegt auch das Haarewaschen besser hin.

Untertauchen

Ein Kind, das sich nicht mit dem Kopf unter Wasser traut, wird niemals ein sicherer Schwimmer. Eine wichtige Regel: über Wasser ein-, unter Wasser ausatmen. Kinder lernen das am besten, wenn sie mit dem Kopf unter Wasser Luft ausblubbern oder mit einem Strohhalm Luft ins Wasser pusten. Eine andere Methode nennt sich "Wasserrosen gießen": Dazu lasst ihr mit der Brause oder einer Gießkanne warmes Wasser über den Kopf des Kindes laufen, und dabei soll es kräftig auspusten und mit dem Kopf schütteln.

Augen auf

Zugegeben, die meisten Seen sind eher trübe und die Schwimmbäder gechlort. Trotzdem sollten Kinder unter Wasser die Augen auflassen. Nur so sehen sie, was um sie herum passiert. Auch die Nase besser nicht zuhalten, denn die Hände sind für die Schwimmbewegungen da. Was auch Spaß macht: zusammen untertauchen und sich unter Wasser Küsschen geben oder mit den Fingern eine Zahl zeigen, die das Kind nach dem Auftauchen richtig wiedergeben soll.

Springen

Vor dem großen kommt der kleine Sprung für die Menschheit: Kind auf den Beckenrand oder den Steg am See setzen, damit es sich in Mamas oder Papas Arme fallen lassen kann. Mit beiden Händen auffangen, das gibt Sicherheit. Wichtig: Den Kindern immer eine Alternative anbieten! Möchtest du die linke oder die rechte Hand, den Daumen oder den kleinen Finger? Wenn es sich sicher genug fühlt, kann das Kind aus der Hocke oder dem Stand ins Wasser hüpfen. Eine Schwimmnudel unter den Armen verhindert ein zu tiefes Eintauchen. Steigern lässt sich das mit einem Sprung in eine zum Kreis geformte Schwimmnudel oder darüber hinaus.

Erste Schwimmübungen: Mit und ohne Hilfsmittel

Brett vorm Kopf

Wenn schon Hilfsmittel, dann eine Schwimmnudel oder ein Schwimmbrett. Kinder können sich drauf setzen, um das Gleichgewicht zu trainieren oder im Liegen lernen, mit dem Körper über Wasser zu bleiben. Sie können sich auch liegend durchs Wasser schaufeln oder die Beine wie einen Außenmotor benutzen. Fittere Kinder benutzen einen Schwimmsack. Der wird um den Bauch gebunden und mit Luft gefüllt. Vorteil: Die Kleinen werden so in die richtige Wasserlage gebracht. Je sicherer sie schwimmen, desto mehr Luft kann aus den Säckchen gelassen werden. Achtung: Alle Schwimmhilfen nur unter Aufsicht verwenden!

Wie ein Zäpfchen

Anfänger dümpeln im Wasser wie ein Korken: sie pressen den Kopf in den Nacken, Rumpf und Beine hängen gerade runter. Um leichter durchs Wasser zu gleiten, muss der Körper aber parallel zur Wasseroberfläche liegen. Die Basisübung geht so: auf den Rücken drehen und "toter Mann" spielen, also alle Viere von sich strecken. In dieser Position können auch wenig geübte Schwimmer in der Not ausharren, bis Hilfe kommt. Um die flache Wasserlage zu üben, können sich Kinder auch am Beckenrand oder Steg festklammern und dann mit beiden Beinen fest abstoßen, um zu Mama oder Papa zu flutschen. Das geht in Rückenlage ("Bauch hoch!") oder wie eine Rakete in Bauchlage ("Gesicht ins Wasser und Hände zum Pfeil zusammenlegen und strecken!"). Dabei Gesicht ins Wasser halten, Luft ausblubbern und mit den Beinen strampeln. Ideale Begleiter sind auch hier Schwimmnudel oder -brett.

Für Fortgeschrittene: Die richtigen Schwimmbewegungen

Welche Schwimmart die beste für Anfänger ist, da sind sich die Experten uneins. Kraulschwimmen an sich ist einfach, doch die Atmung ist kompliziert. Beim Brustschwimmen fällt das Atmen leichter, dafür ist der Beinschlag, auch "Froschbeine" genannt, umso schwieriger. Rückenkraulen ist ebenfalls eine gute Sache. Leider sieht man nicht, wohin man schwimmt. Anfänger können ruhig kombinieren: etwa den Kraulbeinschlag, auch "Sprudelbeine" oder "Strampelbeine" genannt (Beine schlagen wechselweise aus den Hüft- und Kniegelenken auf- und abwärts), mit dem Brustarmzug ("Pfeilarme"). Dabei geht es weniger um eine ausgefeilte Technik als vielmehr darum, überhaupt vorwärts zu kommen.

Lange Beine

Auf die Schwimmnudel legen, den vorderen Bogen etwas vorziehen, sodass ein "Fenster" zum Ins-Wasser-Blubbern entsteht. Nudel unter die Achseln klemmen. Dazu braucht es etwas Übung, dann mit den "Sprudelbeinen" vorwärts bewegen. Lässt sich auch am Beckenrand oder einer Treppe im Sitzen oder in Bauchlage üben. Wichtig: Laaaange Beine machen und gerade halten, nicht Unterwasser-Radfahren. Geht übrigens auch in Rückenlage mit einer helfenden Hand unterm Popo.

Lange Arme

Auf die Schwimmnudel legen, diesmal ohne Fenster. Hände vor der Brust zum Pfeil zusammenlegen, nach vorn schieben, bei gestreckten Armen Daumen nach unten drehen – für die meisten Kinder der schwierigste Teil – und das Wasser in einem großen Kreis mit den Handflächen nach hinten schieben. Der Armzug hilft nicht nur den Beinen beim Vortrieb, sondern hält auch den Kopf zum Atmen über Wasser. Diese Bewegung wird auch "Maulwurf-" oder "Baggerarme" genannt, weil man dabei regelrecht durchs Wasser pflügt. Die Schwimmnudel verhindert, dass man die Arme zu weit nach hinten zieht. Wichtig: Die Kinder müssen schaufeln, also mit dem Händen das Wasser seitlich wegdrücken, um Speed aufzunehmen.

Für Perfektionisten: Der Stoff, aus dem die Auszeichnungen sind

Ihr habt das Gefühl, euer Kind ist schon ziemlich fit im Wasser? Dann nutzt die nächste Gelegenheit, um es für ein Schwimmabzeichen anzumelden. Denn das ist genau die richtige Motivation zum Dranbleiben. Zur Abnahme der Prüfungen sind z. B. staatlich geprüfte Schwimmlehrer und Schwimmmeister, Fachangestellte für Bäderwesen sowie Ausbilder oder Prüfer der DLRG berechtigt. Einfach ansprechen und Termin vereinbaren. Die Gebühren liegen um 5 Euro.

Seepferdchen ("Frühschwimmer")

Das erste Schwimmabzeichen bekommt euer Kind, wenn es vom Beckenrand springt, ohne Hilfsmittel 25 Meter schwimmt und einen Gegenstand mit den Händen aus schultertiefem Wasser holt. Das Seepferdchen ist ein Motivationszeichen. Es bedeutet, dass sich ein Kind angstfrei im Wasser bewegen kann – nicht, dass es sicher schwimmt.

Bronze (früher "Freischwimmer") 

Wer 15 Minuten schwimmt und dabei mindestens 200 Meter in Bauch- oder Rückenlage zurücklegt, einen Gegenstand aus zwei Metern Tiefe holt und vom Beckenrand oder Startblock kopfüber ins Wasser springt, gilt als sicherer Schwimmer.

Silber 

20 Minuten schwimmen, dabei mindestens 400 Meter in Bauch- oder Rückenlage zurücklegen, zehn Meter tauchen, zweimal einen Gegenstand aus zwei Metern Tiefe holen und einmal vom Dreier springen oder zwei Sprünge vom Einer zeigen.

Gold

Dieses Abzeichen bekommt, wer 30 Minuten schwimmt und dabei mindestens 800 Meter in Bauch- oder Rückenlage zurücklegt, 25 Meter krault, 50 Meter auf dem Rücken schwimmt, zehn Meter taucht (ohne sich abzustoßen), dreimal einen Gegenstand aus zwei Metern Tiefe (in drei Minuten) heraufholt, vom Drei-Meter-Brett springt oder zwei verschiedene Sprünge vom Einer zeigt, 50 Meter transportschwimmt und 50 Meter brustschwimmt (in höchstens 1:15 Minuten). Bei den Abzeichen Bronze bis Gold werden außerdem noch die Baderegeln abgefragt.

Vorsicht!

2020 sind in Deutschland mindestens 378 Menschen ertrunken, darunter 18 Kinder im Vorschulalter (2019: 17) und fünf im Grundschulalter (2019: 8).

Mehr Infos

… zum Schwimmenlernen hat die DLRG unter www.dlrg.de/informieren/ausbildung/schwimmen-lernen zusammengefasst. Es gibt auch Links zu YouTube-Videos.

... oder im Online-Kurs von Dr. Maria Deeg-Neuhaus. Sie hat mit einem Ex-Leistungsschwimmer und einer Sportwissenschaftlerin eine Onlineschwimmschule gegründet: www.onlineschwimmschule.de.

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