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Sprechen lernen So klappt es

Sprechen lernen: Vater hält seinen kleinen Sohn hoch, beide schauen sich lachend an
© Dusan Petkovic / Shutterstock
Was das Gehirn eines Kindes beim Sprechenlernen leistet, ist enorm. Und für die Eltern meist sehr lustig. Wie sie dabei helfen und den Wörtern regelrecht Beine machen können, das lest ihr hier. Außerdem erklärt eine Psychologin, warum es hilft, wenn Mutter, Vater und Kind dabei auf der gleichen Wellenlänge schwingen

Nameinschatzhastuwiederwasinderwindel ... am Anfang ist für das Baby alles, was es hört, ein Klangbrei, eine Aneinanderreihung von Lauten. Aber mit der Zeit erkennt es in der Sprache seiner Eltern und Geschwister Regelmäßigkeiten. Lautfolgen, die das Baby immer wieder hört, legt es als "interessant" in seinem Gedächtnis ab. Nach und nach füllen sie diese Einträge mit Bedeutung.

Einfache Wörter werden schon ab sechs Monaten verstanden 

Das ist relativ einfach, wenn Mama auf einen Ball zeigt und "Ball" sagt. Dann wird das runde Ding als "Ball" gespeichert. Die meisten Wörter müssen sich Kinder aber aus dem Zusammenhang erschließen. Meint das aufgeschnappte Wort "Teller" das eckige Ding im Regal oder das helle flache auf dem Tisch? Auch hier hilft die Statistik, vermuten Forscher: Das Baby rechnet sich aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, bei einem hellen flachen Ding im Raum irgendwann das Wort "Teller" zu hören, und entwickelt daraus Hypothesen: Sagte Mama im Raum mit dem flachen Ding fünfmal "Blume" und siebenmal "Teller", aber nur einmal "Hund", werden "Blume" und "Teller" als mögliche Bezeichnung abgespeichert. Mit sechs Monaten verstehen Babys bereits einfache Wörter wie "Tisch" und "Glas". Mit neun Monaten kommen Verben wie "essen" und "trinken" dazu.

Babys hören aber nicht nur zu. Sie fangen schon früh an, mit ihren Eltern in Dialog zu treten: Im ersten Lebenshalbjahr gurren und krähen sie lautstark mit, wenn sich Mama und Papa unterhalten. Dann merken sie allmählich, dass miteinander reden heißt, sich abzuwechseln. Sieben, acht Monate alte Babys hören auf zu brabbeln, wenn ihre Eltern sprechen, und steigen erst bei der nächsten Pause wieder ein. Zuhören und antworten – das haben sie jetzt kapiert. Mit neun Monaten erwarten sie auf Gesagtes eine Antwort: "Aba lala lee" – "Ja, das ist ein Hund" – "Ihee" – "Genau, der Hund geht jetzt Gassi". Dieses Aufeinandereingehen und Miteinanderreden ist entscheidend für den Spracherwerb. Je mehr sich Eltern dabei auf die Interessen ihres Kindes einlassen, desto schneller lernt es neue Wörter.

Falls dir schon mal Kinder aufgefallen sind, die beim Schaukeln kleine Reime dichten oder nicht hüpfen können, ohne dabei eine Melodie zu summen – wunder’ dich nicht. Diese Kinder machen alles richtig. Sie haben Spaß, tun etwas für ihren Körper und lernen nebenbei noch sprechen. Der Rhythmus des Vor- und Zurückbewegens scheint zum Beispiel dabei zu helfen, Worte zu finden und sie spielerisch in neue Zusammenhänge zu stellen. Die Sätze schaukeln sich in ihrem Gehirn zurecht.

Praktischer Umgang mit Gegenständen hat Einfluss auf das Denken 

Immer mehr Forscher sind davon überzeugt, dass man Kinder durch Bewegung beim Sprechenlernen unterstützt. Professorin Renate Zimmer, Erziehungs- und Sportwissenschaftlerin aus Osnabrück, etwa hat beobachtet, dass sich Schulkinder mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche oft auch motorisch schwertun: "Viele von ihnen haben zum Beispiel Schwierigkeiten beim Balancieren auf einer Mauer." Renate Zimmer hat daraus im Lauf der Jahre eine Vielzahl von Empfehlungen für Kitas und Schulen abgeleitet, die auch Kindern mit Sprachstörungen helfen.

Was die Wissenschaft schon lange weiß: Auch der praktische Umgang mit Gegenständen hat einen Einfluss darauf, wie gut man anschließend über sie nachdenken kann. Wenn ein Kind einen Ball nicht nur gezeigt bekommt, sondern ihn befühlen, rollen, werfen kann, wird es diese Handlungen später auch besser differenziert benennen können.

Wieso brauchen schon Säuglinge bewegende Alltagsgespräche? Weil sie von Geburt an im Tu-Modus sind. Sie lernen mit ihrem ganzen Körper und allen Sinnen. Und hier kommen die Eltern ins Spiel. Ein zugewandter und einfühlsamer Vater beschäftigt sich zum Beispiel nach dem Baden ausführlich mit dem Baby auf dem Wickeltisch: Das Baby brabbelt, der Vater (oder die Mutter) imitiert die Laute und macht daraus ein Gespräch ("Bababa? Ja, hat das Baden Spaß gemacht, mein Schatz?").

Sprache wird schon beim Spielen als Baby gelernt 

Und kein Pädagoge könnte sich ein besseres Sprachförderprogramm ausdenken als das, was Eltern überall auf der Welt und seit Jahrhunderten mit ihren Kindern machen: gereimte Kniereiter-Spiele, lustige Bewegungs- und Fingerverse. Bei den Kniereitern etwa, die man – vorsichtig – schon mit halbjährigen Babys ausprobieren kann, profitieren die kleinen Hoppe-Reiter vor allem von der starken Rhythmik der Verse, der damit zusammenhängenden deutlichen Trennung der einzelnen Silben und den Reimen: Sie lernen, wo ein Wort aufhört und das nächste beginnt, wie Wörter in ihrer Muttersprache betont werden und passiv auch schon erste Satzmuster.

Da sich mit zunehmender Mobilität der Bewegungsradius vergrößert, ist es auch wichtig, dass Kindern so früh wie möglich viel nach draußen dürfen. Eigentlich logisch: Krabbelnd, laufend oder rollend lassen sich einfach noch viel mehr interessante Dinge erfahren und damit im Wortschatz verankern. Zu den Bezeichnungen der Gegenstände (Ball, Stuhl, Treppe) kommt das Verständnis von räumlichen Begriffen wie "oben" und "unten", "hoch" und "tief".

Dialekt sprechen stiftet nicht nur Identität und Heimatgefühl – es macht auch schlau und hält sprachlich fit. Das fängt im Babyalter an: Babys bemerken schon mit sechs Monaten den Unterschied zwischen den Dialekten. Sie lallen und blubbern, sie spielen mit Zunge und Lippen und gleichen so die produzierten Geräusche mit denen der Umgebung ab. Dabei merken sie schnell, ob sich ihr Gebrabbel anhört wie bei Mama, die Hochdeutsch spricht, oder wie bei der schwäbischen Oma. Sie switchen intuitiv zwischen beiden Systemen hin und her wie mehrsprachig aufwachsende Kinder. Sie erwerben mit der Zeit einen größeren Wortschatz. Und es fällt ihnen leichter, Muster und Systeme erkennen – in der Sprache wie auch in anderen Bereichen, etwa der Mathematik.

Ist im Dialekt zu sprechen ein Nachteil fürs sprechen lernen? 

Viele Eltern hören das mit Erleichterung, denn sie sind verunsichert: Vielleicht haben die Kinder ja doch Nachteile, wenn sie Dialekt sprechen?

Doch die Angst, dass Kinder vor lauter Dialekt verpassen, Hochdeutsch zu lernen, ist unbegründet. "Dann müssten sie völlig abgeschieden aufwachsen – ohne Bilderbücher, Fernseher, Kindergarten", sagt Heike Wiese, Professorin für deutsche Sprache der Gegenwart an der Uni Potsdam. Genau das kommt aber praktisch nicht vor.

Der Sprachwissenschaftler Matthias Katerbow fand in einem Beobachtungsversuch heraus, dass schon Kita-Kinder unterscheiden können, welche Sprache zu welcher Situation passt. Spielten sie etwa "Kaufmannsladen", sprachen die Kleinen eher Hochdeutsch, bei "Vater, Mutter, Kind" eher Dialekt.

Haben Mutter und Vater verschiedene Muttersprachen, stellt sich die Frage: Wie sprechen wir mit unserem Kind? Jede(r) in ihrer/seiner Sprache? Oder sollten beide die Nicht-Landessprache benutzen, weil ihr Kind die Landessprache ganz automatisch lernt? Wie verhindern wir, dass eine die "schwache" Sprache wird, die das Kind zwar versteht, aber nur selten nutzt?

Zweisprachig aufwachsen 

Weil das alles nicht einfach zu beantworten ist, einigen sich viele Eltern auf einen Mix der Methoden. Und das ist völlig okay.

"Das Wechseln macht gar nichts", beruhigt die Linguistin und Deutschlehrerin Barbara Abdelilah-Bauer, die ein Buch über zweisprachige Erziehung geschrieben und selbst ihre drei Kinder in Paris bilingual großgezogen hat ("Zweisprachig aufwachsen", C.H. Beck, 12,95 Euro). Sie rät, es so zu machen, wie es sich für die Eltern natürlich anfühlt. Auch, weil der Familienfrieden erheblich leiden kann, wenn man das Projekt Zweisprachigkeit allzu verbissen durchzieht. Wenn dagegen alle Spaß dran haben, funktionieren auch auf den ersten Blick ungewöhnliche Konzepte, etwa jenes, dass alle am einen Tag die eine Sprache sprechen und am nächsten die andere. Nur konsequent dabei bleiben sollte man.

Wächst ein Kind mit der Landessprache und einer anderen Sprache auf, rät Barbara Abdelilah-Bauer, möglichst mit der Kita zu warten, bis das Kind drei ist: "So kann sich auch die Nicht-Umgebungs-Sprache in Ruhe aufbauen." Ab anderthalb bis zwei Jahren steigt nämlich das Tempo des Spracherwerbs rasant an: Statt wie bisher zwei Wörter pro Woche lernen Kinder beim sogenannten Wortschatzspurt nun bis zu zehn neue Wörter – pro Tag. Auch die Grammatik beginnt sich in dieser Zeit mit ersten Zwei-Wort-Sätzen auszubilden.

Doch nicht alle bilingualen Kinder profitieren von einem späten Kita-Start. Für Kinder aus Flüchtlingsfamilien, in deren Zuhause zum Beispiel ausschließlich Arabisch gesprochen wird, lautet der Rat aus linguistischer Perspektive: so früh wie möglich, spätestens aber mit vier Jahren. Gleiches gilt, wenn die Eltern unterschiedliche Sprachen sprechen, von denen keine die Umgebungssprache ist – etwa, wenn ein deutsch-englisches Paar in Frankreich lebt. Ein früher Kita-Eintritt gewährleistet dann, dass die Landessprache problemlos und rechtzeitig vor der Einschulung gelernt wird.

Bilingualismus kann nur Vorteile bringen, wenn beide Sprachen kompetent beherrscht werden 

Die noch bis vor ein paar Jahrzehnten sogar unter Linguisten verbreitete Ansicht, Mehrsprachigkeit überfordere Kinder oder habe gar eine negative Auswirkung auf die Intelligenz, ist heute zum Glück passé. Neuere Forschung weist in die gegenteilige Richtung. Schaden kann Bilingualismus jedenfalls nicht, da sind sich die meisten Wissenschaftler mittlerweile einig. Allerdings auch darin, dass Zweisprachigkeit nur Vorteile bringt, wenn beide Sprachen kompetent beherrscht werden.

So werden Kinder bezeichnet, die bis zum Alter von 24 Monaten weniger als 50 Wörter sprechen und keine Wortkombinationen wie "Ball weg" bilden. Die 50-Wörter-Grenze bezieht sich auf alle Sprachen, die ein Kind spricht. Verwendet es also 30 deutsche und 30 türkische Wörter, gilt es nicht als Late Talker.

Late Talker haben keine erkennbaren Beeinträchtigungen. Sie entwickeln sich in allen anderen Bereichen wie Gleichaltrige, sprechen aber weniger. Man geht davon aus, dass dies etwas zehn bis 20 Prozent aller Kinder betrifft, Jungs häufiger als Mädchen. Die Hälfte dieser Spätzünder holt den Rückstand dann im Laufe des dritten Lebensjahrs aus eigener Kraft auf – im Fachjargon heißten sie Late Bloomers, Spätblüher. Die meisten von ihnen entwickeln sich ganz normal weiter.

Sprachentwicklungsstörung auch durch genetische Veranlagung möglich

Bei der anderen Hälfte, die auch mit 36 Monaten noch weniger als 50 Wörter verwendet, gehen Fachleute von einer Spezifischen Sprachentwicklungsstörung aus. Als Ursachen kommt eine genetische Veranlagung infrage, aber auch Hörschäden, eine neurologische Störung oder Autismus. Deshalb empfiehlt die Kinderärztin oder der Kinderarzt spätestens um den dritten Geburtstag herum eine umfassende medizinische Untersuchung mit Hörtest – und wird nach der Diagnose "Sprachentwicklungsstörung" wahrscheinlich ein Rezept für Logopädie oder Sprachtherapie ausstellen.

Können Eltern das Lerntempo von Late Talkers beeinflussen? Ohne Anleitung ist das schwierig. Beobachtungsstudien zeigen, dass die meisten Eltern mit ihren Kindern intuitiv richtig sprechen, bis sie anfangen, sich zu sorgen. Dann wechseln sie in einen ungünstigen Sprachstil: Manche Eltern vereinfachen die Sprache zu stark und verwenden nur noch Einzelwörter. Andere sprechen besonders viel, weil sie das Gefühl haben, das Kind unterstützen zu müssen. Oder sie korrigieren ständig. Das alles bringt wenig und setzt das Kind eher unter Druck.

ELTERN 6/ 2021 ELTERN

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