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Stefanie Höhl Sprechenlernen vor der Geburt

Stefanie Höhl: Schwangere Frau sitzt im Bett und liest ein Buch
© YAKOBCHUK VIACHESLAV / Shutterstock
Woher wissen Forscher eigentlich, wie schon Ungeborene Sprache wahrnehmen und Babys ihre ersten Worte lernen? Darüber sprach ELTERN-Autorin Margot Weber mit der Entwicklungspsychologin Stefanie Höhl. Sie ist dem "neuronalen Gleichklang" zwischen Eltern und Baby auf der Spur

Stefanie Höhl

... ist seit drei Jahren Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. Die gebürtige Darmstädterin studierte Psychologie in Heidelberg, war Stipendiatin der Max-Planck-Gesellschaft, wurde 2008 in Leipzig promoviert und arbeitete anschließend am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Biologische Psychologie in Heidelberg. Sie ist Mutter von zwei Kindern.

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Sprechenlernen beginnt bereits im Mutterleib. Wie lässt sich das eigentlich erforschen?

Zum Beispiel mit einem CTG, dem Cardiotokographen, der den Herzrhythmus des Kindes aufzeichnet. Und wir können mittels Ultraschall die Bewegungen des Baby beobachten. Außerdem wissen wir: Wenn ein Fötus immer das Gleiche hört, wird er irgendwann ruhiger, man könnte sagen: gelangweilter. Seine Aufmerksamkeit nimmt ab.

Und wenn es einen neuen Reiz wahrnimmt – also etwa ein neues Wort ...

… dann wird er wieder aufgeregter und aufmerksamer. Bereits im letzten Schwangerschaftsdrittel lauscht der Fötus dem Sprechen der Mutter und hört, gedämpft durch das Fruchtwasser, auch andere Menschen in der Umgebung. Dadurch sind bereits neugeborene Babys nicht nur an die Stimme der Mutter, sondern auch an die Sprachmelodie ihrer Muttersprache gewöhnt.

Wie genau lässt sich herausfinden, ob Neugeborene Sprache erkennen können?

Wir arbeiten mit der Saugpräferenz-Methode. Dabei bekommt das Baby eine Art Schnuller. Spielt man ihm etwas vor, zeichnet der die Saugfrequenz auf. Sobald das Baby dann langsamer nuckelt, spielt man etwas anderes ein. Und dann sieht man, ob das Kind sich anstrengt, also wieder schneller nuckelt – was es tut, um den ersten Reiz wieder hören zu können. Das ist beispielsweise bei der Stimme der Mutter der Fall.

Wie geht die Entwicklung weiter, wenn das Baby auf der Welt ist?

Grundsätzlich gesagt: Das Sprachverständnis entwickelt sich früher als die Sprachproduktion. Bevor Kinder selber etwas sagen können, können sie die gleiche Aussage also bereits verstehen. Und: Je wichtiger etwas ist fürs Baby, desto früher kann es dieser Sache eine Bezeichnung zuordnen. Auf ihren eigenen Namen reagieren manche Kinder schon mit vier Monaten, auch "Mama" und "Papa" verstehen sie sehr früh – obwohl sie selbst erst zwischen dem sechsten und zehnten Monat beginnen, einzelne Laute zu Silben zusammenzufügen und ihr erstes Wort auch erst dann sprechen.

Als Mutter oder Vater spreche ich mit meinem Baby ja intuitiv auf eine eher übertriebene Art und Weise …

Das ist der berühmte "Baby Talk": das melodische und langsamere Sprechen mit dem Kind. Dabei sind die Babys in der Tat aufmerksamer und hören länger hin – auch, weil dabei in der elterlichen Stimme besonders viel Gefühl liegt. Das ist interessanter für das Kind und – aufgrund der Pausen und Wortwiederholungen – auch leichter zu verarbeiten.

Derzeit leiten Sie eine Studie, bei der Sie erforschen, ob und wie persönliche Interaktion zwischen Eltern und Baby den Spracherwerb befördert. Wie kam es dazu?

Inspiriert haben uns bereits vorhandene Sprachforschungsstudien mit Erwachsenen. Danach funktioniert sprachliche Kommunikation besonders gut, wenn die Gehirnaktivitäten der Personen im Gleichklang schwingen.

Das müssen Sie näher erklären.

Gehirnaktivität vollzieht sich grundsätzlich sehr rhythmisch. Sie befindet sich nicht immer auf dem gleichen Niveau – man muss sich das eher wie eine wellenförmige Bewegung vorstellen. Hinzu kommt, dass unsere Sprache als solche ebenfalls rhythmisch ist.

Und was bedeutet das?

Wenn es uns gelingt, unsere eigenen Aktivitätsfrequenzen im Gehirn auf das Sprachsignal unseres Gegenübers einzustellen, können wir das Gesagte besser verarbeiten. Wenn es dann auch noch klappt, dass sich beide Sprechenden synchron aufeinander einschwingen, dürfte man das bestmögliche Ergebnis bekommen.

Wann wäre so ein Gleichschwung denn von Vorteil?

Oh, in vielen Situationen. Beispielsweise, wenn sich beide in einer sehr lauten oder unruhigen Umgebung befinden und andere Signale ausblenden müssen. Diese Studien mit Erwachsenen haben mich darauf gebracht, zu fragen, wie es damit eigentlich in der kindlichen Entwicklung bestellt ist. Also: Wie funktioniert das bei Kindern und ihren Eltern? Wie förderlich wäre so ein Gleichschwung für die soziale Kommunikation und Interaktion? Begonnen haben wir unsere Untersuchungen allerdings schon vor einiger Zeit. Damals noch nicht mit Babys, sondern mit Fünfjährigen und ihren Müttern; anschließend mit Fünfjährigen und ihren Vätern.

Wie muss man sich den Versuchsaufbau vorstellen?

Wir haben beispielsweise das Kind und Vater oder Mutter ein Puzzle lösen lassen, bei dem man geometrische Formen und Figuren nachlegen musste. Einmal haben sie das zusammen gemacht, dann puzzelte jeder für sich allein.

Was haben Sie dabei herausgefunden?

Die Mutter-Kind-Paare haben auf ganz unterschiedliche Art und Weise miteinander gepuzzelt: Mal hat die Mutter die Führung übernommen, mal das Kind. Mal hat sich das Kind etwas sagen lassen, mal nicht. Aber: Je mehr beide aufeinan-der eingegangen sind und aufeinander reagiert haben, desto synchroner waren ihre Gehirnaktivitäten. Auch bei Vätern, die sich eindeutig mit ihrer Vaterrolle identifizierten, ließen sich solche Synchronitäten im Gehirn messen.

Welche Methode verwenden Sie dabei?

Die sogenannte funktionelle Nahinfrarotspektroskopie. Das ist ein eher weniger bekanntes Verfahren zur Messung der Aktivität des Gehirns: eine physikalische Analysentechnik mithilfe kurzwelligen Infrarotlichts. Bei den Probanden werden keine Elektroden am Kopf befestigt, sondern kleine Lichter. Damit lässt sich die Durchblutung bestimmter Hirnareale messen.

Nun untersuchen Sie seit gut einem Jahr, ob der – wie Sie es nennen – "neuronale Einklang" von Elternteil und Baby dem Baby beim Sprechenlernen helfen kann. Ob also das Gleichschwingen der Gehirne dem Baby das Lernen leichter macht. Wie sieht denn der Versuchsaufbau dafür aus?

Das untersuche ich gemeinsam mit meiner Doktorandin Trinh Nguyen, die ebenfalls schon die Studien mit älteren Kindern durchgeführt hat. Zunächst: Was wir da machen, ist eine Längsschnittstudie. Wir treffen also dieselben Personen an drei Zeitpunkten innerhalb von 20 Monaten und werden am Ende die Ergebnisse der einzelnen Untersuchungen miteinander vergleichen. Beim ersten Durchgang haben wir 80 Babys und ihre Mütter in unser Labor eingeladen – die Kinder waren zwischen vier und sechs Monate alt.

Was mussten die Babys und ihre Mütter tun?

Sie haben auf einem Tablet gemeinsam ein Aquarium angeschaut. Dabei gab es drei Versuchsanordnungen: Einmal hatte die Mutter das Baby auf dem Schoß, beide waren also in engem Körperkontakt. Einmal hatten beide keinen Körperkontakt, und einmal haben die Mütter mit ihren Kindern gespielt, allerdings ohne Spielzeug. Zweierlei haben wir dabei festgestellt: Erstens ist der Gleichklang der Gehirne am höchsten, wenn beide miteinander interagieren. Sie müssen dabei sogar nicht unbedingt dasselbe sehen, können eher sogar einander ansehen.

Und zweitens?

Bei einem Körperkontakt der beiden ist der Gleichschwung ihrer Gehirne signifikant höher. Das ist insofern interessant, weil wir daraus schließen können, dass Berührungen, also Streicheln etwas, extrem wichtig sind, damit beide Gehirne im Einklang schwingen können.

Beim zweiten Messzeitpunkt ...

... bereits während der Corona-Pandemie konnten wir glücklicherweise die meisten Babys und ihre Mütter zu Hause besuchen. Verwendet haben wir dabei ein spezielles Verfahren: Ein trainierter Beobachter schätzt das Bindungsverhalten des Kindes zu seiner Bezugsperson im alltäglichen Umfeld aufgrund verschiedener Vorgaben ein. Damit findet man heraus, wie sicher oder unsicher das Bindungsverhalten des Kindes ist.

Und jetzt, in diesen Wochen …

... befinden wir uns am dritten Messzeitpunkt. Nun sind wir dabei, den Sprachentwicklungsstand der Kinder zu erheben. Also beispielsweise, wie viele Wörter das Kind jetzt spricht. Das haben wir – aufgrund von Corona – nun online gemacht. Wir haben den Eltern einen Fragebogen geschickt; im Augenblick warten wir auf die Ergebnisse.

Haben Sie denn schon eine Vermutung, was herauskommen wird?

Ja. Eine höhere Synchronität der Gehirne von Elternteil und Kind ist dem Sprechenlernen förderlich. Und: Echte Interaktion – also beruhigendes Streicheln, aber auch "Baby Talk" – sowie eine sichere Bindung befördert den Spracherwerb ebenfalls. Wir erwarten, dass sicher gebundene Babys im Alter von 20 Monaten dann auch einen größeren Wortschatz haben werden und auch längere Sätze sprechen können als die anderen.

Ist also besonders häufiger Kontakt das Zaubermittel?

Nein, das kann man so nicht schlussfolgern. Wir wissen aus einer britischen Studie, dass "Always-On"-Mütter, also Frauen, die pausenlos mit ihrem Baby mitschwingen und die womöglich auch eher ängstliche Mutter sind, ihrem Kind nicht unbedingt guttun. Wichtig ist, wirklich da zu sein, wenn das Baby mich braucht.

ELTERN 6/2021 ELTERN

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