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Tagträume Das Reich der Kinder

Tagträume: ein kleines Mädchen mit Sonnenhut liegt auf dem Rücken auf einer Wiese
© Solid photos / Shutterstock
Tagträume kennen keine Grenzen oder Regeln, alles scheint möglich. Kinder sind Meister darin. Gut so.

Ab 3 Jahren

Rein ins Reich der Fantasie

Kleine Träumer vergessen oft die Zeit. Und doch ist Tagträumen und Trödeln nicht dasselbe.

Leo knabbert an einer Reiswaffel und hält inne. Er schaut aus dem Küchenfenster, hoch zum Himmel. Seine Augen sind weit aufgerissen, doch wo schaut er hin? Er fixiert weder die vorbeiziehenden Wolken noch die fliegenden Vögel. Dann ruft er: "Matrosen an Bord. Piraten gesichtet. Wir müssen den jungen Königssohn retten!" Auf Fragen, was da gerade los sei, antwortet er nicht. Er ist ganz weit weg.

Leo ist fünf und wie viele Kinder Meister im Tagträumen. Besonders dann, wenn zu viel los war, wie heute in der Kita. Da bastelt er sich aus Gedankenschnipseln und Geschichten seine Welt: Es taucht der Clown auf, der immerzu Nein sagt. Oder die Elefanten, die auf einem Spinnennetz balancieren.

Leos Mini-Auszeiten sind keine Trödelei. Wenn Kinder trödeln, möchten sie die Zeit anhalten oder ausdehnen, um weiterspielen zu können oder noch nicht ins Bett zu müssen. Außerdem haben gerade die Kleinen ein anderes Zeitgefühl als wir Erwachsenen: Zehn Minuten, zu früh, zu spät, das sind abstrakte Begriffe für kleine Kinder, Tagträume dagegen erscheinen real. Und oft wunderbar: Da nämlich kann man allmächtig sein, die eigenen Fähigkeiten sind groß. Doofe Situationen lassen sich umdeuten, Gefühle wie Wut regulieren, Momente der Freude ausbauen. Da steigen Fantasiegestalten auf, hecken Märchenfiguren Pläne aus, werden Beschützer herbeigerufen. Es ist richtig was los.

Ein kleines Kind, das tagträumt, schaut nach innen. Es ist eine Abwendung von der Außenwelt mit offenen Augen. Uns Erwachsenen ist das eigentlich nicht fremd, denn wir tagträumen auch, malen uns zum Beispiel den kommenden Urlaub aus oder schmücken in Gedanken die Gartenparty. Experten haben herausgefunden, dass Kinder, aber auch viele Erwachsene ungefähr die Hälfte der Wachzeit in der Innenwelt erleben.

Schöne und kraftvolle Tagträume sind dabei Erholungsphasen, so absurd, so komisch sie auch sein mögen. Sie wirken ausgleichend auf die Psyche und sind eine Wohltat für das Gehirn. Der Radiologe Marcus Raichle entdeckte einst, dass beim Tagträumen das Ruhenetzwerk, das sogenannte "Default Mode Network", aktiviert wird. Erst wenn es wieder nötig wird, sich für die Außenwelt zu sammeln und sich zu konzentrieren, dann unterdrückt das Gehirn diesen Ruhemodus.

Da Kinder selbst noch nicht bewusst Pausen in ihren Alltag einplanen, erledigen das oft die Tagträume für sie. Erzählen können sie sie oft nicht. Und so schnell, wie sie aufsteigen, so schnell verschwinden sie auch wieder.

Wie bei Leo: Plötzlich kneift er die Augen zusammen, schaut sich in der Küche um, reißt die Arme hoch und ruft: "Mama, ich hab Durst! Haben wir Apfelsaft?"

Struktur hilft dem Zeitgefühl

Erst im Grundschulalter beginnen Kinder, sich an der Uhr zu orientieren und ein Gefühl dafür zu entwickeln: Wie lang ist eine Stunde, ein Tag, eine Woche? Doch auch vorher ist es gut, wenn der Tag einen Rhythmus hat: Aufstehen, Frühstück, Kita-Morgenkreis, Mittagspause. Und Nachmittag ist, wenn ich abgeholt werde. Das hilft kleinen Trödlern und Träumern.

Ab 8 Jahren

Du träumst ja schon wieder …

Fantasiereisen sind eine feine Sache. Zu viel davon können aber auch Probleme bringen – vor allem in der Schule. Ein Gespräch mit der Psychologin Stefanie Rietzler

ELTERN family: Tagträume helfen kleineren Kindern, Pause vom hektischen Alltag zu machen. Was haben sie bei Grundschulkindern für Funktionen?

Stefanie Rietzler: Es sind kreative Auszeiten. Wenn Kinder ihre Gedanken treiben lassen, fallen ihnen plötzlich Lösungen für Probleme ein. Oder sie nutzen ihre Fantasie, um schwierige Situationen vorher durchzuspielen – oder hinterher zu verarbeiten. Tagträumen hilft auch bei Langeweile, und alltägliche Abläufe wie Zähneputzen werden interessanter: Man kann mit dem Wasserstahl spielen und sich dabei abenteuerliche Geschichten ausdenken.

Aber den ganzen Tag träumen geht ja auch nicht. Wie muss man sich das bewusste Umschalten vom Tagträumen zur konzentrierten Beschäftigung vorstellen?

Das ist zum Beispiel im Klassenzimmer wichtig – da müssen Kinder Ablenkungen ausblenden und darauf achten, dass ihre Gedanken nicht wieder abschweifen. Wir haben in unserer Arbeit mit Schulkindern bemerkt, dass es ihnen oft besser gelingt, sich zu konzentrieren, wenn sie in eine Rolle schlüpfen mit der Methode 'Wolfsblick'. Die hilft, im Moment ganz präsent zu sein: alles sehen, alles hören und sich voll und ganz der Aufgabe widmen, die gerade wichtig ist. Wie ein Wolf auf dem Sprung.

Kann zu viel Tagträumerei ein Signal sein, dass sich ein Kind zu sehr in eine Parallelwelt verkriecht?

Manchen Kindern bereitet das Aussteigen aus ihrer Fantasiewelt Probleme: Sie verpassen Inhalte im Unterricht, brauchen für die Hausaufgaben mehr Zeit, werden kritisiert, weil sie nicht bei der Sache sind. Sie tun dies nicht absichtlich. Ermahnungen wie "Hör endlich auf zu träumen!" bringen wenig. Besser ist es zu loben: "Diese Matheaufgabe hast du super gelöst! Wie hast du das geschafft?" So merken die Kinder, dass sie es steuern können, wann sie träumen und wann sie ganz in der Gegenwart sind. In sehr ausgeprägten Fällen ist es aber eine gute Idee, mit dem Kinderarzt zu sprechen – er kann dann Störungen wie etwa AD(H)S ausschließen.

Können Tagträume auch dabei helfen, Ängste und unangenehme Erlebnisse zu verarbeiten?

Ja. Um schwierige Erlebnisse zu verarbeiten, nutzen Kinder manchmal instinktiv eine Technik aus der Psychotherapie: Sie tauchen gedanklich in den belastenden Moment ein, zum Beispiel: "Drei Mädchen aus meiner Klasse ärgern mich auf dem Pausenhof und lachen mich aus." An dieser Stelle stoppt der innere Film, und das Erlebnis nimmt nun in der Fantasie eine neue Wendung: durch einen schlagfertigen Spruch, der im Traum ganz einfach ist. Oder es kommt ein helfendes Wesen vorbei, das kann eine Freundin sein, die das Kind verteidigt, oder ein Fabelwesen, das Mut macht und die "Widersacher" in die Flucht schlägt … So wendet sich die Szene dann zum Positiven.

Wenn es Lotte zu viel wird, driftet sie in ihre Traumwelt ab. Doch gleichzeitig lernt sie den Wolfsblick, der hilft ihr, sich zu konzentrieren. Wie das geht, beschreiben Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund in "Lotte, träumst du schon wieder?" (Hogrefe, 24,95 Euro)

Ab 12 Jahren

Zeig uns dein Kopfkino

Je älter Kinder werden, desto bewusster können sie Tagträume für ihre Wünsche einsetzen. Und was geht da so ab?

Küss mich!

Julia, 12 Jahre

Seit Martin in der großen Pause neben mir stand und mich voll süß angeschaut hat, bin ich in ihn verknallt. In meinen Gedanken gehen wir Hand in Hand über den Schulhof, danach kommt er mit zu mir. Immer wieder läuft in mir der Film ab, wie er mein Gesicht in seine Hände nimmt und dann …

Meine beste Freundin meint, das wird nix mit mir und ihm, er ist mit einer aus seiner Theatergruppe zusammen. Sie meint, ich soll schauen, ob mir ähnliche Typen wie er in der Schule gefallen. Ich würde doch jetzt wissen, worauf ich stehe. Ich will das nicht hören, alles kreist um ihn. Gestern "war" ich mit ihm am Strand, er wärmte mich unter meinem Badetuch … Scherz, ist ja Winter. Aber es war so intensiv, als hätte ich das wirklich erlebt.

Bitte anschnallen

Louis, 14 Jahre

Seit ich denken kann, will ich Pilot werden und male mir dazu alle möglichen Situationen aus. Ich liebe es, durch Unwetter zu fliegen und trotz aller Gefahr das Flugzeug sicher zu landen. So ein bisschen heldenmäßig – und ich komme dann mit meinem Mut in die Schlagzeilen. Zum Geburtstag hatte ich mir einen Gutschein für einen Flugsimulator gewünscht. Das war der Hammer, ich bin eine Boeing 747 "geflogen". Und nahm Kurs auf eine der schwierigsten Landungen weltweit, auf die Karibikinsel Sint Maarten. Dort fliegen die Flugzeuge nur wenige Meter über die Badegäste hinweg und setzen neben dem Strand auf. Das war alles so echt vom Cockpit aus gesehen, das hat sich so in mir eingebrannt, dass ich in meiner Fantasie immer wieder den Flug in allen möglichen Varianten durchspiele. Ich beginne schon zu sparen für meine Pilotenausbildung.

Wundermittel

Felix, 12 Jahre

Mein Opa hat Krebs. Ich bin derjenige, der ihm helfen kann. Ich erfinde ein Medikament, das alles rückgängig macht, seine Lunge heilt. Er kann aufstehen, seine Haare wachsen nach, er kocht und isst wie früher. Es muss ein Wundermittel her, denn er hat sehr viel geraucht. Dieses Wundermittel ist eine Tinktur, die alles tilgt, was geschadet hat. Mein Opa wird also gesund, und alle Ärzte fragen mich nach dem Rezept meines Wundermittels. Und allen auf der Welt mit Lungenkrebs kann nun geholfen werden. Dieser Traum macht mich immer glücklich, weil ich Hoffnung habe, dass es für ihn noch Hilfe geben wird.

Verbindung ins All

Olivia, 13 Jahre

Hinter unserem Haus stürzte ein Meteorit ins Tal. Mit gelb-grünem Schweif. Nur ich habe ihn gesehen. Ich laufe zur Einschlagstelle und sehe, wie unter dem bröselnden Gestein ein silberfarbenes Ufo zum Vorschein kommt. Eine rote Gestalt krabbelt raus und winkt mir zu. Hinter ihr ein ebenso roter Dinosaurier. Der sieht aus wie aus einem Zeichentrickfilm. Ich nähere mich den beiden, und sie versuchen, mit mir zu reden. Da ich sie nicht verstehe, bringen sie mir ihre galaktische Sprache bei. Bald werden die beiden entdeckt, und ich bin die Einzige, die dolmetschen kann. Wer mit ihnen in Kontakt treten will, muss erst zu mir kommen. Ein irres Gefühl.

Tagträumen zeugt von Intelligenz, denn Gehirne von Tagträumern arbeiten effizient und können sich Zeiten des Leerlaufs leisten. Das fand die Forscherin Christine Godwin vom Georgia Institute of Technology in einer Studie heraus.

ELTERN

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